TWie Krautsand zu einer Arche Noah bedrohter Arten werden könnte
Elias Konze (rechts) ist der neue Schäfer beim Deichverband Kehdingen-Oste. Sein Vater Thomas (links) ist zwar schon Rentner, hilft aber noch aus. Foto: Richter
An Anping Richters viertem Tag auf Krautsand lichtet sich der Himmel. Auch ohne Regen ist hier überall Wasser. Klar, auf einer Insel. Das ist wichtig für die Natur, die hier eine ganz besondere ist.
Krautsand. Vielleicht war es gar nicht so schlecht, dass das Wetter während meiner Krautsand-Woche in den ersten Tagen so nass war. Bisher kannte ich die Insel vor allem von Strandausflügen mit der Familie, inklusive Strandkorb und Beachbar. Doch das macht ja nur bei Sonne Spaß. So lerne ich Krautsand anders kennen.
Vögel schnattern, zwitschern und trompeten
Bei den täglichen Radfahrten zu Menschen und Orten, die etwas zu erzählen haben, bewundere ich weite, saftige Wiesen, auf denen Rinder und Pferde weiden. Wind pustet Wellen über goldene Haferfelder. An den Gräben, üppig gesäumt von hohen Doldenblütlern und Pestwurz mit riesigen Blätterkelchen, gaukeln jetzt Schmetterlinge in der Sonne. Und überall im Wasser und in der Luft zwitschern, schnattern und trompeten Vögel.

Die großen, kelchartigen Blätter des Pestwurzes sind entlang der Gräben auf Krautsand allgegenwärtig. Foto: Richter
So viele Schwalben - und Nester - wie hier habe ich noch nie gesehen. Sogar im überdachten Eingangsflur zum Sanitärtrakt gleich neben meiner Campinghütte nisten welche. Sie sind, wie ich heute gelernt habe, ständige Begleiter der Schafe. „Die Schafe scheuchen im hohen Gras die Insekten auf, und die Schwalben holen sie sich“, erklärt Elias Konze, der mit seiner Herde in Höhe des Campingplatzes unterwegs ist.

Schwalbennest im Eingang zu den Sanitäranlagen des Campingplatzes Am Leuchtturm. Foto: Richter
Seit April ist Elias Konze der neue Schäfer des Deichverbands Kehdingen-Oste und beweidet mit seinen 1.500 Schafen das Verbandsgebiet. Der Schäfer in dritter Generation kommt aus Lünen im Ruhrgebiet. Dort laufen seine Tiere über ehemaliges Zechengelände und weiden auf Industriebrachen.
Schafe sind Schwalbenfreunde und Deichschützer
„Bei uns in Nordrhein-Westfalen sind Schäfer nicht so anerkannt. Hier ist es besser, hier brauchen sie uns für die Deiche“, sagt er. In einer Woche, wenn in Lünen Schulferien sind, kommen seine Frau und sein siebenjähriger Sohn auch an die Elbe. Papa arbeitet, sie machen Strandurlaub: „Besser geht‘s doch nicht“, sagt er.
Vor den Deichen war das Wasser auf Krautsand noch allgegenwärtig. Früher lag die Insel auch viel weiter in der Elbe, wie mir Hermann „Olli“ Oltmann am Dienstag erklärt hat, als wir vor der Kirche standen, die gebaut wurde, weil ihre Vorgängerin überschwemmt wurde.
Die Wanderung einer Insel in der Elbe
Krautsand ist durch Abbruch auf der Nordseite und Ansandung auf der Südseite immer näher an das hannoversche Festland herangewachsen. Noch im 17. Jahrhundert war der Weg vom Festland dorthin beschwerlich. Die Bewohner lebten auf Wurten, von Deichen ungeschützt, berichtet der Historiker Dieter Knötzsch in seinem Buch „Dat Crudsand in de Elve“ von 2014.

Krautsand um 1700: Die Häuser stehen auf Wurten, am holsteinischen Ufer ist Glückstadt zu erkennen, am anderen Ufer die Kirche von Hamelwörden und die Passage zur Mühle auf dem Festland. Foto: Niedersächsisches Staatsarchiv
Der Autor ist inzwischen verstorben, das Buch vergriffen. Seine Frau, Brigitte Dringenberg, hatte aber noch ein Exemplar für mich. Jetzt lese ich von Sturmfluten, die die Bewohner immer wieder heimsuchten. Aber auch davon, dass sich die Krautsander einst vor allem mit Booten und Kähnen auf Prielen, Gräben und Binnenelben bewegten statt mit dem Auto auf Straßen und Wegen.
Verschwundene Priele und abgeschnittener Hafen
Dort, wo heute die Dornbuscher Brücke wegen einer Baustelle ärgerlicherweise monatelang gesperrt ist, gab es früher sogar eine Prahm-Fähre. Im alten Krautsander Hafen lagen einst 20 bis 30 Ewer. Sie brachten Ziegel nach Hamburg, das nach dem großen Stadtbrand von 1842 mit Backstein aus den Ziegeleien an der Niederelbe wiederaufgebaut wurde. Heute haben die Wasserwege an Bedeutung verloren. Der alte Hafen wurde beim Deichbau von der Elbe abgeschnitten, viele Priele und Wasserläufe verlanden.

Expertin für die Tideelbe: Biologin Beatrice Claus leitet das Naturschutzgroßprojekt Krautsand und steht hier an der Wischhafener Süderelbe. Foto: Richter
Beatrice Claus, die ich am Dienstag getroffen habe, würde sich wünschen, dass wieder mehr Wasser durch die Krautsander Insellandschaft fließt. Sie ist Gewässerbiologin und Leiterin eines Projektes von WWF und Nabu zum Schutz dieses einzigartigen Lebensraums. In der tidebeeinflussten Grünland-Wasserlandschaft, die durch die Landwirtschaft entstanden ist, finden Wattvögel reichlich Nahrung und Fische, deren Bestand in der Elbe gefährdet ist, eine Kinderstube.

Wurten zum Schutz vor dem Wasser wurden auf Krautsand nicht nur für die Menschen errichtet, sondern auch für die Tiere, wie auf dieser Kuhweide zu sehen ist. Foto: Richter
„Die Lebensbedingungen in der Elbe werden immer schlechter, aber die Elbvertiefung können wir nicht mehr rückgängig machen“, sagt Claus. Krautsand biete die Chance, für viele der bedrohten Arten ein Refugium zu schaffen: „Eine Arche Noah, wo Arten überleben können. So können sich die Bestände wieder erholen, wenn die Bedingungen besser werden.“
Es geht auch um Fische wie Aal, Lachs, Stint und Flunder, die die klassische Küche der Krautsander und der Menschen an der Unterelbe geprägt haben - die natürlichen Ressourcen vor der Haustür. „Lachs war mal ein Arme-Leute-Essen. Heute ist er in der Elbe praktisch ausgestorben“, sagt Beatrice Claus.
Priele und Gräben als Lunge der Elbe
Wie Krautsand zur Arche Noah werden soll, erklärt sie vor Ort an der Wischhafener Süderelbe. In Gummistiefeln und Regenzeug stapfen wir durch die nasse Wiese und hüpfen über kleine Gräben, bis wir am Ufer stehen. Der Plan sieht vor, die Wischhafener Süderelbe und den Ruthenstrom zu revitalisieren, erklärt Claus.
Sie sollen durchgängig auf eine Breite von 21 Metern gebracht und so tief werden, dass auch bei Ebbe stets gut zwei Meter hoch Wasser im Lauf ist. Das bringe mehr Bewegung ins Gewässer und erhöhe auch den Sauerstoffgehalt. Zusätzlich wollen sie auch einige größere Tidegewässer schaffen.
WWF-Wanderausstellung „Ästuare - Lebensadern der Küste“ wird eröffnet
Das Ästuar, also die weitverzweigte Mündung der Elbe, funktioniere dabei wie eine Lunge, sagt die Gewässerbiologin. In den Verästelungen der Nebenelben, Priele und Gräben können sich junge Stinte und Finte auf ihrer Wanderung von den Brutgebieten in die Nordsee sattfressen, andere Arten können hier ihre Kinderstube finden. Auch seltene Pflanzen wie der Schierlingswasserfenchel, die nur im Süßwasserbereich der Tideelbe noch vorkommen, könnten sich hier ansiedeln.
Geld ist bewilligt - und was ist mit den Folgekosten?
Zwei Steuerbauwerke sollen auf Krautsand den Wasserstand regulieren helfen. Die Entwässerung des Binnenlands von Krautsand soll durch die Maßnahmen künftig einfacher werden, sagt Beatrice Claus. Die Gelder für die Umsetzung des Projekts sind bewilligt, doch es ist noch viel zu tun. Ein Scoping-Verfahren, bei dem Behörden, Umweltverbände und Träger öffentlicher Belange gehört werden, läuft.
Eigentümer der Flächen und Unterhaltungsverband sind am Dienstag, 14. Juli, zur Info-Veranstaltung im Mehrgenerationenhaus Dornbusch eingeladen. Wer in Zukunft für die Unterhaltung aufkommen wird, ist eine Frage, die mir eine Krautsanderin, mit der ich mich über das Thema schon unterhalten hatte, mitgegeben hat.
Ein neuer Bewirtschaftungsverband als Lösung
„Für die Grundeigentümer wird es nicht mehr kosten“, sagt Beatrice Claus. Dafür soll ein neuer Bewirtschaftungsverband sorgen. Der Aufwand werde durch die Maßnahmen in einigen Bereichen größer, in anderen kleiner werden. Um einen Ausgleich zu schaffen, könnten alle beteiligten Institutionen sich gemeinsam organisieren - die Wasser- und Schifffahrtsverwaltungen des Bundes und des Landes Niedersachsen, die Domänenverwaltung, die Autobahn GmbH, der Landkreis Stade und der Unterhaltungsverband.
Beatrice Claus ist zuversichtlich, dass sie überzeugen kann: „Es soll für die Natur besser werden, aber für niemanden schlechter.“
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