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Handball-Bundesliga

TWie Lin Lück zur Antreiberin und Abwehrchefin des BSV wurde

„Wenn man so laut ist, bewegt man Menschen, bringt die Halle in Stimmung - und kann den Gegner einschüchtern“, sagt Lin Lück.

„Wenn man so laut ist, bewegt man Menschen, bringt die Halle in Stimmung - und kann den Gegner einschüchtern“, sagt Lin Lück. Foto: Jan Iso Jürgens

Ihr erstes Jahr beim Buxtehuder SV war nicht leicht. Jetzt ist Lin Lück eine feste Größe in der Abwehr des Bundesligisten. Und ihr nächstes Projekt steht auch schon fest.

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Von Tim Scholz
Samstag, 25.04.2026, 05:50 Uhr

Buxtehude. Im Moment hat Lin Lück nicht viel Zeit. Sie spielt mit dem BSV in den Play-offs, trainiert teilweise zweimal am Tag. Sie steckt mitten in den Abiturprüfungen. Und dann zieht sie auch noch in eine eigene Wohnung um. „Gerade ist es etwas stressig“, sagt sie. Dennoch nimmt sie sich Zeit für das Gespräch mit dem TAGEBLATT.

Die 20-Jährige ist derzeit eine der auffälligsten Spielerinnen beim BSV, wenn nicht sogar eine der größten Überraschungen dieser Saison. Seit dem Trainerwechsel im November hat sich Lück im Abwehrzentrum etabliert, ist in der offensiven 5:1-Formation gesetzt. Sie organisiert, dirigiert, geht voran.

„Momentan sehe ich mich als Abwehrchefin und als Pushfaktor durch meine Emotionalität“, sagt sie selbstbewusst. Bei den Heimspielen in der Halle Nord sieht man das genau: Lück ist eine Spielerin, die nach gelungenen Aktionen die Fäuste ballt, ihre Mitspielerinnen antreibt und die Fans mitreißen kann.

„Das ist in mir und will raus“

Woher das kommt? „Im Spiel ist man ganz anders geladen. Das ist in mir und will raus“, sagt Lück. Die Atmosphäre in der ausverkauften Halle trage ihren Teil dazu bei: „Wenn man so laut ist, bewegt man Menschen, bringt die Halle in Stimmung - und kann den Gegner einschüchtern.“

Lin Lück spielt ihre zweite Saison beim BSV.

Lin Lück spielt ihre zweite Saison beim BSV. Foto: Jan Iso Jürgens

Privat sei sie deutlich ruhiger, manchmal sogar introvertiert, erzählt sie. „Aber ich weiß auch, wann ich aus mir rausgehen muss.“ Eine Qualität, die ihrer Mannschaft gerade in schwierigen Phasen hilft.

Ihr Talent blieb nicht unentdeckt

Lin Elisabeth Lück stammt aus einem Dorf in Brandenburg, verließ früh ihr Elternhaus, um mit zwölf Jahren aufs Handball-Internat in Frankfurt (Oder) zu gehen. Beim Frankfurter HC debütierte sie mit 15 Jahren in der 3. Liga, gewann später mit der A-Jugend die deutsche Meisterschaft - ausgerechnet in Buxtehude, wo sie als beste Abwehrspielerin ausgezeichnet wurde. Der BSV hatte sie da längst im Blick.

2024 kam der Wechsel zustande. Es war der Beginn einer zunächst „sehr herausfordernden Zeit“, wie sie rückblickend sagt. Wenig Spielzeit in der Bundesliga, dafür Einsätze in der A-Jugend und per Doppelspielrecht bei den Luchsen Buchholz-Rosengarten in der zweiten Liga. „Das hat mich sehr geprägt, als Mensch und als Sportlerin.“ Vor allem die Spielpraxis bei den Luchsen habe ihr Selbstvertrauen gestärkt.

So hat Lück vom Trainerwechsel profitiert

Wie ihr Verhältnis zum ehemaligen BSV-Trainer Dirk Leun war, dazu möchte sich Lück nicht äußern. Klar ist nur: Unter dessen Nachfolger Nicolaj Andersson hat sich ihre Rolle verändert. Der Däne übernahm im November und gab Lück mehr Verantwortung.

„Er ist jung, dynamisch, glaubt an uns und holt das Beste aus uns heraus“, sagt sie. Andersson selbst lobte Lück kürzlich: „Sie hat ein sehr gutes Verständnis für das Abwehrspiel.“ Unter ihm ist Lück zur festen Größe geworden.

Gegen Metzingen hat Lin Lück ihr Potenzial im Angriff gezeigt.

Gegen Metzingen hat Lin Lück ihr Potenzial im Angriff gezeigt. Foto: Jan Iso Jürgens

Dass sie bisher nur acht Tore in 21 Spielen erzielt hat, hat einen einfachen Grund. Lück kommt meist nur in der Abwehr zum Einsatz. Doch sie will mehr als das sein. Schon kurz nach ihrem Wechsel betonte sie, eine „komplette Spielerin“ werden zu wollen.

Deshalb soll der Angriff das nächste Projekt der 1,84 Meter großen Rückraumspielerin werden. „Da gibt es keinen festen Zeitplan, aber ich will der Mannschaft so schnell wie möglich auch vorne helfen“, sagt Lück. Vor allem möchte sie an Entscheidungsverhalten, Täuschungen und Übersicht arbeiten.

Erst am vergangenen Wochenende wurde Lück in der Schlussphase des Heimspiels gegen Metzingen (28:29) zum Faktor. Nachdem sich zwei Mitspielerinnen verletzt hatten, schaltete sie sich vorne ein und steuerte drei Treffer zur Aufholjagd bei. „Ich war im Fokus und habe versucht, möglichst viel Positives zu bewirken“, erklärt sie. „Am Ende aber wiegt die Niederlage schwerer als der persönliche Erfolg.“

Was erhofft sich Lück von der neuen Saison?

Ihren Vertrag hat sie kürzlich um ein Jahr verlängert. „Ich möchte meine Position hier weiter ausbauen und reifen“, sagt sie. Auch die Perspektive mit dem neuen Trainer Jonas Schlender, der im Sommer übernimmt, habe eine Rolle gespielt. Bisher gab es laut Lück ein Telefonat zwischen beiden - über den Inhalt schweigt sie. Doch klar ist: Schlender ist bereits intensiv in die Personalplanung für die neue Saison eingebunden, und traut ihr sicherlich viel zu.

Enttäuschung nach dem knapp verlorenen Play-off-Spiel gegen Metzingen.

Enttäuschung nach dem knapp verlorenen Play-off-Spiel gegen Metzingen. Foto: Jan Iso Jürgens

Wie es sportlich weitergeht, ist also geklärt. Und neben dem Handball? Im Moment macht sie das Abitur an der IGS Buxtehude, unweit der Halle Nord: Mit Kunst und Erdkunde ging es los. Deutsch, Werte und Normen sowie Mathe (mündlich) folgen noch. Danach plant sie ein Fernstudium. „Was genau, weiß ich noch nicht“, sagt sie. Nur ihre Kindheitsträume - Ärztin oder Anwältin - werden es wohl nicht, das wäre zu zeitintensiv.

Das ist ihr großer Traum

Viel Raum für anderes bleibt aktuell ohnehin kaum. Neben Schule und Bundesliga steht jetzt auch noch der Umzug aus dem Wohnheim des BSV in eine gemeinsame Wohnung mit ihrer Freundin an.

Trotz des Stresses wirkt Lück erstaunlich klar. Sie denke in kleinen Schritten, sagt sie. Erst das Abitur, dann die Saison erfolgreich beenden. „Ich will nach den Sternen greifen, aber bodenständig bleiben.“ Und irgendwann für die deutsche Nationalmannschaft auflaufen.

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