Zähl Pixel
Heimweh

TWie die Ex-A/O-Fußballerin Hanna Ernst ihr Tief am US-College überwand

Vor gut einem Jahr hat die gebürtige Harsefelderin den Oberligisten SV Ahlerstedt/Ottendorf verlassen.

Vor gut einem Jahr hat die gebürtige Harsefelderin den Oberligisten SV Ahlerstedt/Ottendorf verlassen. Foto: Privat (nomo)

Die Fußballerin Hanna Ernst wechselte von A/O an ein College in den USA. Das erste Jahr lief anders als gedacht - und doch bereut sie den Schritt nicht.

author
Von Lars Wertgen
20.10.2026, 14:00 Uhr

Tulsa. Das Telefonat mit Hanna Ernst verzögert sich. „Mein Trainer meinte gerade zu mir, ich soll in sein Büro kommen“, schreibt die 20-Jährige per WhatsApp. Head Coach Austin Risenhoover zeigt ihr zwei kurze Videos.

Er erklärt, wie Ernst ihr Stellungsspiel nach Ballverlusten verbessern kann. Ein Einzelgespräch beim Trainer löst bei Ernst kein Kopfkino aus. Solche kurzen Meetings kommen regelmäßig vor. „Die Türen der Trainer stehen immer offen“, sagt Ernst. Es geht dabei nicht nur um Fußball, sondern auch darum, sich kennenzulernen.

Hanna Ernst im Dress ihrer College-Mannschaft.

Hanna Ernst im Dress ihrer College-Mannschaft. Foto: Privat (nomo)

Vor gut einem Jahr hat die gebürtige Harsefelderin den Oberligisten SV Ahlerstedt/Ottendorf verlassen. Seither spielt sie mit einem Sportstipendium für die Golden Eagles der Oral Roberts University in Tulsa, Oklahoma. Ein Jahr später zieht Ernst Bilanz: „Es war anders als erwartet.“

Wie ein Tag am College aussieht

Zwischen Vorlesungen und Training bleibt wenig Luft. An Trainingstagen steht Ernst mitunter um 7 Uhr auf dem Platz. Direkt danach folgt die Uni mit zwei bis drei Fächern. Mittags kommt oft eine zweite Einheit um 15 Uhr dazu. Hausaufgaben erledigt sie meist abends, dazwischen muss sie die Essenszeiten der Mensa im Blick behalten. Das Pensum sei anstrengend, aber machbar und die Organisation sehr professionell.

Ernst hat mittlerweile von Sportmedizin zu Psychologie gewechselt und ist im dritten Semester. In drei Jahren könnte sie ihren Bachelor haben. Für Unternehmungen in ihrer Freizeit fehlt ihr oft die Kraft. „Ich nehme mir dann Zeit für mich“, sagt sie.

Wenig Einsatzzeit im ersten Jahr

Am College reihen sich zunächst Testspiele und Vorbereitung aneinander. Im Herbst beginnen dann die wichtigen Saisonspiele gegen die direkten Rivalen. Danach entscheidet sich im K.o.-System, wer bis ins nationale Turnier kommt.

Gerade in diesen wichtigen Spielen der Saison kommt Ernst kaum zum Einsatz. „Das war schon hart“, sagt sie. Sportlich gewinnt ihr Team die Vorrunde, scheidet im anschließenden Turniermodus aber aus und verpasst die Teilnahme am wichtigen NCAA-Turnier.

Wenig Spielzeit im ersten Jahr ist für sogenannte Freshmen normal. Sie müssen sich an neue Umgebung und Spielsystem gewöhnen. Europäische Spielerinnen brauchen zusätzlich Zeit - wegen des anderen Spielstils. „Das hat eine Weile gedauert“, sagt Ernst.

Nach einem Jahr in den USA zieht Hanna Ernst Bilanz: „Es war anders als erwartet.“

Nach einem Jahr in den USA zieht Hanna Ernst Bilanz: „Es war anders als erwartet.“ Foto: Privat (nomo)

In der Heimat zählt vor allem Technik, in den USA mehr Athletik. „In Deutschland gehöre ich zu den schnelleren Spielerinnen“, sagt Ernst, „aber hier falle ich damit gar nicht auf.“ Ihre Technik dagegen hebt ihr US-Coach als Stärke hervor.

Ernst fehlt im Flieger

Besonders hart trifft Ernst ein verpasstes Auswärtsspiel. Eine gut befreundete Mitspielerin fliegt mit der Mannschaft zu einem Spiel. Das Team ist fünf Tage weg. Ernst selbst steht nicht im Kader und bleibt zurück. „Ich hatte kein Heimweh, aber ich war frustriert“, sagt Ernst. „Ich dachte, ich will zurück zu den Leuten, die ich kenne und wo ich spiele“, sagt sie.

Halt geben ihr in dieser Zeit Telefonate mit der Familie. Auch die vielen Gespräche mit ihrer früheren Mitspielerin Emma Scheil helfen. Ein Winterbesuch zu Hause tut ihr gut. „Ich war unzufrieden und nicht glücklich. Ich brauchte die Ablenkung“, sagt Ernst. „Ich habe ganz besonders das Essen von Mama vermisst.“

Neue Freundschaften am College

Mit Ernst kamen weitere internationale Spielerinnen ans College, unter anderem aus Griechenland, Island und Frankreich.

Besonders eng ist Ernst mit zwei Mitspielerinnen. Die einzige andere Deutsche im Team hat mittlerweile die Uni gewechselt. Mit Mitbewohnerin Emerie aus San Diego versteht sie sich gut, zudem mit Sidney aus Oklahoma City.

Bei Sidneys Familie erlebte sie zum ersten Mal Thanksgiving. „Das war für mich wie ein Weihnachtsessen zu Hause, wenn Oma und Opa da sind“, sagt Ernst. Am 4. Juli fuhr sie mit Sidney und ihrer Familie an einen See: „Der Unabhängigkeitstag war krasser als Silvester in Deutschland.“

Einmalige Erfahrungen überwiegen

Ernst zweifelte zeitweise, ob der große Schritt in die USA und die Wahl eines sportlich so starken Colleges richtig waren. Das Tief hat sie überwunden. „Im Endeffekt war es keine schlechte Entscheidung“, sagt Ernst. „Ich habe super nette Leute kennengelernt, fühle mich in der Mannschaft wohl und entwickle mich im Training weiter.“ Sie ist froh, diese Erfahrung in einer großen amerikanischen Stadt zu machen.

Klarer geworden ist ihr dabei auch, was sie an der Heimat schätzt. „Ich mag das Dorfleben und das Familiäre bei A/O“, sagt Ernst. Bewusst wurde ihr das noch mal in der letzten vorlesungsfreien Zeit - als sie zurück ins Stadion „Am Auetal“ kam, ihrer sportlichen Heimat.

Copyright © 2026 TAGEBLATT | Weiterverwendung und -verbreitung nur mit Genehmigung.

Die Redaktion empfiehlt
Weitere Artikel

Erkennen Sie ihn? Ex-HSV-Profi ist jetzt Maler

In seiner ersten Karriere galt Piotr Trochowski als Fußball-Künstler. Nach seiner Laufbahn lebt der Ex-HSV-Star seine Kreativität als Maler aus. Nun zeigt er erstmals seine Werke öffentlich.