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Ausgrabung

TTeam legt 5000 Jahre altes Großsteingrab im Kreis Cuxhaven frei

Detektivarbeit: Grabungsleiterin Dr. Anja Behrens und ihr Team nehmen jeden freigelegten Stein und auch Erde genau unter die Lupe.

Detektivarbeit: Grabungsleiterin Dr. Anja Behrens und ihr Team nehmen jeden freigelegten Stein und auch Erde genau unter die Lupe. Foto: Heike Leuschner

Zwischen dunklem Moorboden, Steinschichten und Sand wird in Ahlen-Falkenberg gerade ein Stück Vorgeschichte neu gedeutet. Spuren lassen auch Rückschlüsse über den Stader Bereich zu.

Von Heike Leuschner 30.07.2026, 16:50 Uhr

Wurster Nordseeküste. Dr. Anja Behrens und ihre Mannschaft aus Fachleuten, Studenten und engagierten Freiwilligen kann nichts aufhalten. Behutsam kämpfen sie sich durch schlammigen Boden, legen Schicht für Schicht frei und ignorieren dabei den Regen, so gut es geht. Die Fragen, die das Team bewegen, sind größer als die Wetterlaunen des Sommers.

Seit fast 100 Jahren zählt das Elbe-Weser-Dreieck zur Westgruppe der Trichterbecherkultur. Dabei handelt es sich um die ersten bäuerlichen Gemeinschaften im Norden Deutschlands, die hier vor mehr als 5000 Jahren lebten. Die Region zwischen Weser und Elbe gilt dabei als Kontaktzone, in der Einflüsse aus benachbarten Räumen zusammenliefen.

Der Grabungsbereich liegt auf einem Feld am Ortsrand von Ahlen-Falkenberg.

Der Grabungsbereich liegt auf einem Feld am Ortsrand von Ahlen-Falkenberg. Foto: Leuschner

Welche Rolle das Gebiet selbst in diesem Geflecht spielte, ist jedoch bis heute nicht abschließend geklärt, berichtet Dr. Anja Behrens. Genau hier setzt das vom Land Niedersachsen geförderte Projekt „Zwischen den Flüssen und gegen den Strom“ an: Seit rund eineinhalb Jahren untersucht es die gesellschaftlichen Kontakte und kulturellen Einflüsse der jungsteinzeitlichen Gemeinschaften im Elbe-Weser-Dreieck.

Dekorierte Keramik als wichtiger Indikator

Schriftliche Zeugnisse aus jener Zeit existieren nicht. Alles, was heute über die Epoche bekannt ist, erschließt sich allein aus Funden, die bei Ausgrabungen geborgen und wissenschaftlich ausgewertet werden. Dekorierte Keramik spielt dabei eine große Rolle. Auch für die Trichterbecherkultur gibt es charakteristische Gefäßformen und Verzierungen. Verbreitet war diese Kultur einst von Polen bis zu den Niederlanden sowie von Skandinavien bis zum Harz, berichtet Behrens.

Anja Behrens ist Archäologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Niedersächsischen Institut für historische Küstenforschung. Sie gilt als Kennerin dieser jungsteinzeitlichen Gemeinschaften und beschäftigt sich besonders mit deren Bestattungskultur, Keramik und regionalen Netzwerken. Bereits 2019 arbeitete sie an einem dreijährigen Forschungsprojekt an dem erst 2016 zufällig entdeckten Fundort mit.

Wer auf der Grabungsstelle mitarbeitet, muss viel Erde beiseite schaufeln und Steine freilegen. Die Geheimnisse des Großsteingrabes wollen behutsam entdeckt werden.

Wer auf der Grabungsstelle mitarbeitet, muss viel Erde beiseite schaufeln und Steine freilegen. Die Geheimnisse des Großsteingrabes wollen behutsam entdeckt werden. Foto: Leuschner

Nach weiteren Antworten, die die Forscher bereits im vergangenen Jahr in der geöffneten Grabkammer in Ahlen-Falkenberg sowie bei ihren Recherchen in Kreisarchiven gefunden haben, geht die Grabungsphase nun in die zweite und letzte Runde. Insgesamt sieben Wochen wird das Team bis zum 21. August weiter am Steingrab in Ahlen-Falkenberg forschen, Steine waschen, Gesteine analysieren und Proben für Laboruntersuchungen sammeln.

Es ist eine Sisyphusarbeit: Zunächst wurde der Torf abgetragen, der über dem Grab gewachsen war. Darunter kamen der mineralische Boden, eine aufwendige Steinpackung und die eigentliche Konstruktion des Grabes zum Vorschein.

Grab war wohl länger als zunächst vermutet

Die Forschenden arbeiten sich Schicht für Schicht nach unten. Erst wenn alles freigelegt ist, wird der Bereich sichtbar, in dem schon im vergangenen Jahr Keramik gefunden wurde. Auch diesmal rechnet Behrens dort mit weiteren Gefäßen.

Eine besonders spannende Entdeckung hat das Team am Grabeingang bereits gemacht. „Bislang sind wir von zwei Trägerstein-Paaren ausgegangen. Tatsächlich deuten drei Decksteine nun darauf hin, dass das Grab einst einen längeren Gang besaß als zunächst gedacht“, berichtet die Archäologin. Davor liegt zudem eine auffällige Platte, deren Bedeutung Behrens noch nicht eindeutig erklären kann.

Die Wissenschaftlerin deutet auf einen von Steinen umgebenen Findling, den das Team seitlich des Grabeingangs freigelegt hat. „Der Stein wurde wahrscheinlich zur Zeit der Trichterbecherkultur dorthin getragen und die Steine drumherum gelegt“, analysiert Behrens. Aufgrund der Keramikfunde im Umkreis des Findlings glaubt sie, dass es sich dabei um ein Flachgrab handeln könnte.

Keramikreste geben Aufschluss über Nutzung des Grabes

Neben der Architektur liefern vor allem die Funde Hinweise auf die Nutzung des Grabes. Vor dem Eingang haben die Helfer bereits zahlreiche Keramikreste gefunden – ein Befund, mit dem die Forscher gerechnet hatten. „Solche Gräber wurden über lange Zeit immer wieder aufgesucht. Dabei wurden Menschen bestattet, ältere Materialien herausgetragen und wohl direkt vor dem Zugang zerbrochen oder zertreten“, erklärt Behrens. Die vermutete Nutzungsdauer von rund 300 Jahren zwischen 3300 und 3000 vor Christus habe sich bestätigt.

Gleich neben der Grabungsstelle hat das Team mit Hilfe von Landwirten aus der Umgebung eine Sieb- und Wasserstelle eingerichtet. Hier reinigen Helfer Erde und Steine - immer auf der Suche nach Reliquien vom Leben vor 5000 Jahren.

Gleich neben der Grabungsstelle hat das Team mit Hilfe von Landwirten aus der Umgebung eine Sieb- und Wasserstelle eingerichtet. Hier reinigen Helfer Erde und Steine - immer auf der Suche nach Reliquien vom Leben vor 5000 Jahren. Foto: Leuschner

Besonders beeindruckt ist Behrens von einem fast vollständigen Keramikbecher, der umgekippt im Boden lag. „Aufgrund der gut erkennbaren Bauchfransenverzierung lässt er sich eindeutig der Trichterbecherkultur zurechnen.“ Auch zwei weitere Bernsteinperlen wurden beim Waschen der Steine entdeckt. Für Grabungsleiterin Behrens sind solche Momente immer wieder etwas Besonderes: „Es ist wirklich toll. Zwar gibt es viele Großsteingräber, aber so toll erhalten – das ist wirklich selten.“

Was die Grabung über den Bereich Stade aussagt

Doch die Grabung zielt auf mehr als schöne Einzelfunde. Das Projekt soll helfen, die Trichterbecherkultur im Elbe-Weser-Dreieck besser zu verstehen: ihre Grabarchitektur, ihre Rituale, ihre Vernetzung. Schon jetzt deuten Keramikstile darauf hin, dass Gemeinschaften in verschiedenen Regionen unterschiedlich eng miteinander verbunden waren. Die Oste-Hamme-Niederung könnte dabei eine Grenze zum Stader und Harburger Bereich gewesen sein.

Gerade deshalb ist der Fundplatz in Ahlen-Falkenberg so wichtig. Er macht sichtbar, wie organisiert diese frühen bäuerlichen Gesellschaften bereits waren – und wie sie auf Umweltveränderungen reagierten. Das Moor wuchs, Lebensräume veränderten sich, Siedlungen wurden aufgegeben. Ob und wie die Menschen ihre Gräber danach weiter als Erinnerungsorte oder für Rituale nutzten, gehört zu den großen Fragen der aktuellen Kampagne.

Bis zum 21. August wird weitergegraben, anschließend wird die Fläche wieder verschlossen. Einige Funde sind bereits im MoorIZ zu sehen. Und mittwochs gibt es Führungen. Wer dort am Rand der Grabung steht, blickt nicht nur auf Steine und Scherben, sondern auf den Versuch, eine über 5000 Jahre alte Landschaft wieder zum Sprechen zu bringen.

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