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TRückkehr des Wolfes verändert das Leben auf dem Land – Wie geht es weiter?

Wie kein anderes Tier ist der Wolf eine Projektionsfläche für menschliche Ängste einerseits, für die Sehnsucht nach der Natur andererseits.

Wie kein anderes Tier ist der Wolf eine Projektionsfläche für menschliche Ängste einerseits, für die Sehnsucht nach der Natur andererseits. Foto: Arne Dedert/dpa

Das vergangene Jahr brachte eine Wende im Umgang mit Wölfen. Die Diskussion um den Abschuss einzelner Tiere und die Zukunft der Wolfspopulation spitzt sich zu.

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Von Karsten Wisser
Montag, 05.01.2026, 11:50 Uhr

Landkreis. Der Schutzstatus wurde herabgestuft, die Regierung legte einen Gesetzentwurf zur Bestandskontrolle vor. Dieses Jahr könnte entscheidend für die Zukunft des Wolfs in Deutschland sein. Gleichzeitig zeigen neue Daten, dass das ungebremste Wachstum der Wolfspopulation endet.

Wolf soll ins Bundesjagdgesetz aufgenommen werden

Wölfe, die wiederholt Nutztiere reißen, sollen künftig leichter abgeschossen werden können. Die Bundesregierung hat deshalb beschlossen, den Wolf ins Bundesjagdgesetz aufzunehmen. Die Länder sollen zudem den regionalen Bestand regulieren dürfen – vorausgesetzt, der günstige Erhaltungszustand bleibt gewahrt. Den hat die Bundesregierung für Deutschland 2025 erklärt.

Bis März 2025 galt der Wolf in Europa als „streng geschützte Tierart“. Abschüsse waren nur mit Ausnahmegenehmigung möglich, die Verwaltungsgerichte oft stoppten. Nun gilt der Wolf nur noch als „geschützte Tierart“.

Bundesregierung: Drei Wege, den Wolf zu jagen

Der Gesetzentwurf der Bundesregierung unter Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) sieht drei Szenarien für den Abschuss vor:

1. Regionales Bestandsmanagement: In Regionen mit hohen Wolfszahlen dürfen die Länder den Bestand begrenzen. Dafür gilt eine Jagdzeit vom 1. Juli bis 31. Oktober, geregelt durch das jeweilige Landesjagdrecht.

2. Ausweisung von Weidegebieten: Reißt ein Wolf trotz Herdenschutz Nutztiere, kann der Abschuss auch außerhalb der Jagdzeit genehmigt werden – für sechs Wochen und in einem Umkreis von 20 Kilometern um den Schadensort.

Deichschäfer Vasile Buza (links) birgt 2024 mit dem Deichverband der II. Meile Alten Landes tote Schafe auf Hahnöfersand.

Deichschäfer Vasile Buza (links) birgt 2024 mit dem Deichverband der II. Meile Alten Landes tote Schafe auf Hahnöfersand. Foto: Deichverband

3. Entnahme von Wölfen: Deichgebiete können zu wolfsfreien Zonen erklärt werden, da Schafe dort schwerer durch Zäune geschützt werden können. Im Landkreis Stade etwa gibt es 223 Kilometer Deiche entlang der Elbe und ihrer Nebenflüsse, davon 76 Kilometer direkt an der Elbe. Mobile Zäune bieten hier oft keinen Schutz, Wölfe überwinden sie regelmäßig. Herdenschutzhunde sind in touristischen Gebieten keine Option.

Zahl der Wölfe in Deutschland ist umstritten

2024 registrierte die Bundesregierung rund 1100 Vorfälle, bei denen Wölfe etwa 4300 Nutztiere rissen oder verletzten. Diese Angriffe haben sich, wie die Zahl der Wölfe, in den letzten Jahren stark erhöht. Experten schätzen, dass sich die Wolfspopulation in Europa in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt hat. In der EU leben bis zu 20.300 Wölfe.

In Deutschland zählt die Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DBBW) mehr als 1600 Wölfe, vor allem im Osten und in Niedersachsen. Der Deutsche Jagdverband vermutet auf Basis offizieller Zahlen, Erfahrungswerten und einer durchschnittlichen Rudelgröße von acht Tieren, dass es mindestens 2000 Wölfe sind.

64 Wolfsterritorien in Niedersachsen

Allein in Brandenburg leben mehr Wölfe als in ganz Schweden, das 15-mal größer ist. Laut DBBW gibt es 219 Rudel, 43 Paare und 14 Einzeltiere. Damit stieg die Zahl der Territorien erstmals seit der Rückkehr des Wolfs im Jahr 2000 nur leicht, die Zahl der Rudel wuchs um rund fünf Prozent. In Niedersachsen gibt es 64 Wolfsterritorien, darunter zwei Rudel mit Nachwuchs im Landkreis Stade.

Doch darf der Jäger zum Gejagten werden? Umweltverbände wie der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) warnen vor einer „faktischen Ausrottung“ der Art. „Durch die jährlichen Entnahmen würde die Art schnell lokal oder großräumig ausgelöscht“, sagt Tonja Mannstedt vom BUND Niedersachsen.

Ohne ein sofortiges, rechtssicheres und wirksames Wolfsmanagement geraten Weidetierhaltung und Kulturlandschaften in Niedersachsen weiter unter Druck.

Jörn Ehlers, Landvolk Niedersachsen

Das Aktionsbündnis Aktives Wolfsmanagement (AAW), ein Zusammenschluss von 27 Verbänden, fordert dagegen die sofortige Einführung eines echten Wolfsmanagements in Niedersachsen und drängt damit auf eine schnelle Anpassung des Bundes- und Landesrechts an die geänderte europäische Rechtslage.

Dieser Hannoveraner Wallach wurde von einem Wolfsrudel in Kutenholz getötet und zerfleischt.

Dieser Hannoveraner Wallach wurde von einem Wolfsrudel in Kutenholz getötet und zerfleischt. Foto: Meyer

„Ohne ein sofortiges, rechtssicheres und wirksames Wolfsmanagement geraten Weidetierhaltung und Kulturlandschaften in Niedersachsen weiter unter Druck“, sagt Jörn Ehlers, Vize-Präsident des Landvolks Niedersachsen.

Wolfsfreie Zonen an Deichen bleiben umstritten

Die Wolfspolitik sorgt für Konflikte, besonders in der rot-grünen Landesregierung. Der Abschuss von Problemwölfen findet Zustimmung, doch wolfsfreie Zonen an Deichen und eine reguläre Bejagung stoßen auf Widerstand. Landwirtschaftsministerin Miriam Staudte hält den Gesetzentwurf der Bundesregierung für unpraktikabel. Sie will nur Wölfe jagen lassen, die nachweislich Schaden anrichten.

Diese Schafe fielen im August 2023 einer Wolfsattacke bei Gräpel zum Opfer. Foto: Jägerschaft

Diese Schafe fielen im August 2023 einer Wolfsattacke bei Gräpel zum Opfer. Foto: Jägerschaft

Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) geht weiter. Er kündigte über seinen Regierungssprecher an, die Möglichkeiten des Gesetzes „vollumfänglich“ zu nutzen. Als Umweltminister hatte Lies bereits auffällige Wölfe abschießen lassen. Die SPD-Minister hören die Sorgen ihrer Landtagsabgeordneten aus ländlichen Regionen. Die spüren den Unmut der Bevölkerung an der Basis.

Erstes getötetes Pferd im Landkreis Stade

Die Rückkehr der Wölfe verändert das Leben auf dem Land: Weidetiere sind gefährdet und nach Wolfsangriffen wächst das Gefühl der Hilflosigkeit. 2025 töteten Wölfe im Landkreis Stade erstmals ein Pferd – in der Nacht zum 24. Oktober auf einer Weide in der Gemeinde Kutenholz. Meist reißen sie Schafe. Im Landkreis Stade gab es 2025 zehn per DNA-Test nachgewiesene und gemeldete Wolfsangriffe auf Weidetiere. Drei davon alleine in Buxtehude.

Eine zweite Erkenntnis zeichnet sich ab: Die Zeit des exponentiellen Wachstums der Wolfspopulation ist vorbei. Während die Bestände früher um 30 Prozent und mehr pro Jahr wuchsen, lag der Zuwachs 2024/2025 bei nur noch fünf Prozent.

Das Wachstum der deutschen Wolfspopulation hat sich über die letzten Jahre kontinuierlich verlangsamt. Laut DBBW lag der letzte Zuwachs von rund 30 Prozent im Monitorjahr 2018/2019.

Stagnation: Die besten Wolfsreviere sind besetzt

In etablierten Regionen verdichtet sich das Vorkommen, doch das Wachstum stockt, da die besten Lebensräume bereits besetzt sind. Im Süden und Westen Deutschlands breiten sich Wölfe in neue Gebiete aus, doch die bestätigten Reviere liegen oft weit auseinander. Das Saarland bleibt das einzige Flächenland ohne Wolfsterritorium.

Wolfsschützer vermuten auch illegale Abschüsse als Grund für die Stagnation. Die Wolfsstatistiker haben Zahlen zu Todesursachen von tot aufgefundenen Wölfen.

Der größte Feind der frei lebenden Wölfe

Von den 163 Funden starben 124 Tiere im Straßenverkehr. Bei 16 Tieren wurde eine illegale Tötung nachgewiesen. Experten vermuten eine höhere Dunkelziffer. Nur drei Wölfe wurden im Monitoring-Jahr in Deutschland 2024/2025 legal mit Ausnahmegenehmigung getötet.

Auch Heidschnucken gehören 2025 immer wieder zur Beute des Wolfes.

Auch Heidschnucken gehören 2025 immer wieder zur Beute des Wolfes. Foto: Wisser

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