TWohnnot: Warum in Baljes „Schloss“ verschenktes Potenzial schlummert
Am Anfang der Reise durch das alte Pfarrhaus und seines Ziels: Baljes Dorfmoderator Buchard von der Decken hat Vorstellungen, was mal aus dem Pfarrhaus werden soll. Foto: Meyer
Baljer suchen vergeblich nach Wohnraum, doch Burchard von der Decken hat eine Lösung. Hinter den Türen des Pfarrhauses lüftet der älteste Dorfmoderator das Geheimnis.
Balje. Die erste Tür. Burchard von der Decken (72) - schwarze Brille und Cap, dunkelblauer Windbreaker und beige Hose - steht auf einer vierstufigen Backsteintreppe. Während er in seinen Jackentaschen kramt und Schlüssel klimpern, sagt er: „Wir wollen uns dagegen wehren, dass die Landeskirche uns das auch noch entreißt.“ Es ist die Tür ins alte Pfarrhaus.
Von der Decken ist der älteste von sieben Dorfmoderatoren und stellvertretender Vorsitzender des Ortskirchenvorstandes. Der Ehrenamtliche hat Ideen, was in den nächsten Jahren mit dem Pfarrhaus geschehen soll, denn es muss etwas geschehen.
Landeskirche will Balje die Tür zumachen
Die Landeskirche will das denkmalgeschützte Pfarrhaus loswerden. Leerstehende Pfarrhäuser ohne Pastor kosten ihr Geld. „Hier wird mit Sicherheit kein Pastor mehr einziehen“, sagt von der Decken. „Keine müde Mark mehr“ werde die Landeskirche hier investieren, glaubt der Mann aus Hörne. In den Taschen klimpert es noch.
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Hannover stellt die Kirchengemeinde St. Marien vor die Wahl: „Überlegt euch, was ihr damit macht. Ihr könnt es übernehmen, dann sind wir raus“, imitiert von der Decken. Überlegt hat sich von der Decken schon, wie das Pfarrhaus am besten genutzt wird.

Von der Decken kümmert sich um die Zukunft des Pfarrhauses und Baljes. Bürgermeisterin Rike Feil sprach ihn für den Job als Dorfmoderator an. Weil es ein Ehrenamt ist, musste er nicht überlegen. Foto: Meyer
Es könnte einmal ein Mehrgenerationenhaus mit vier Mietwohnungen á 65 bis 68 Quadratmeter sein. Gegenwärtig ist im Pfarrhaus das Archiv, in dem Dokumente aller Nordkehdinger Kirchengemeinden lagern.
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Von der Decken sagt: Solange das geplante Gemeindehaus in Oederquart noch nicht stehe, müsse das Archiv noch in Balje bleiben und solange könne die Landeskirche Balje nicht die Nase vor der Tür zumachen. Er macht sie auf und geht in den Flur.
Der Stille im Pfarrhaus schreit nach einer Lösung
Rechts sind zwei grün-weiße Holztüren - wenn Frauen und Männer mal müssen. Von der Decken geht nach links, wo ein dunkelbrauner Schrank an der Wand und ein langer Tisch mit Stühlen in der Mitte des großen Raumes stehen. Die Stimme des 72-Jährigen hallt durch den Raum. Früher war dies ein Gemeindebüro, heute ist selten was los. Leere füllt den Raum.
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Trotz Leerstand will der Kirchenvorstandsvorsitzende das Pfarrhaus behalten, muss dafür aber Geld einnehmen. Nach einem Umbau könnten zwei Wohneinheiten im Erdgeschoss an jung oder alt vermietet werden. Von der Decken malt sich aus: Die zwei grün-weißen Türen und die Klos dahinter verschwinden und zwischen den zwei Wohnungen im Erdgeschoss entsteht ein Durchgang. Denn hinter den Klos ist eine Treppe der einzige Weg ins Obergeschoss.

„Schlossbesichtigung“: Links das Pfarrhaus südlich der St.- Marien Kirche, rechts die Pfarrscheune. Foto: Meyer
„Die Wohneinheiten haben wir schon planen lassen: Es ist machbar. Wie teuer es wird, wissen wir noch nicht“, sagt von der Decken, geht in das Archiv und schließt einen der grauen Stahlschränke auf. „Pfarrarchiv Krummdeich, Kirchenrechnung 1974 bis 1979.“
Eine junge Frau stößt die Tür in Balje auf
Balje fehlt Wohnraum. Wie die alten wollen auch die jungen Menschen hier alt werden, auch Baljes jüngste Dorfmoderatorin Eske Meyer. Sie plant, mit ihrem Freund nach Balje zu ziehen, doch für das Paar gebe es nirgendwo Wohnraum, erzählt von der Decken. Mit dem Anliegen habe sie „gewaltig was losgetreten“ - und den 72-Jährigen inspiriert, sich für mehr Wohnraum stark zu machen. Er öffnet die zweite Tür am Anbau des Pfarrhauses.

Burchard von der Decken zeigt die Pfarrscheune und ihren Gemeinschaftsraum. Foto: Meyer
In der Pfarrscheune singt an anderen Tagen der Osterchor, lassen Eltern ihre Babys krabbeln und werden Konfirmanden unterrichtet. Die Pfarrscheune soll bleiben, wenn von der Deckens Traum von den vier Wohneinheiten wahr wird.

Dieser Zwischenbau verbindet Pfarrhaus und -scheune. Durch diese Tür gelangt man auch ins Obergeschoss, von vorne durch die Haupteingangstür am Pfarrhaus nicht. Foto: Meyer
Der dritte Schlüssel öffnet die Tür zu einem Zwischenbau und drei Räumen, die ineinander übergehen: Im ersten hängt ein Kronleuchter, im zweiten steht zudem ein Kamin und im dritten ein Klavier.

Zu schade, um leerzustehen, sagt Burchard von der Decken: Viele Räume wie dieser stehen fast leer. Das Pfarrhaus wirken wie aus einer Filmkulisse. Foto: Meyer
Von der Decken stellt sich hier ein weitere Wohnung vor, die zweite Erdgeschosswohnung. Viel Tageslicht dringt in den mittleren der drei Räume, draußen führt eine Steintreppe hinunter in den Garten, wo Sträucher Sichtschutz und Ruhe bieten und das Grundstück von einer Wiese abgrenzen.

Links geht es zur Treppe ins Obergeschoss. Durch diese Tür geht es nicht hindruch, auf der anderen Seite ist das Archiv. Das Pfarrhaus ist in dieser Haushälfte durch Wände hinter der Tür abgegrenzt. Foto: Meyer
Eine grün-weiße Treppe schlängelt sich ins Obergeschoss. Dort wohnt ein Kirchenvorsteher, der einzige Bewohner des Hauses. Ein Gästezimmer ist manchmal belegt, wenn Wanderer ihre Nacht verbringen. Wenn es mit einem Umbau klappt, stellt sich von der Decken hier oben ebenfalls zwei Wohnungen vor.

Ein nicht ausgebauter und etwas gespenstischer Raum, aber einer mit viel Potenzial: Auch hier im Obergeschoss könnten in Zukunft Wohnungen entstehen, plant von der Decken. Foto: Meyer
Das Haus ist ein Ort, wie gemacht als Drehort für einen Film, an dem sich von Raum zu Raum die Frage aufdrängt: Schlummert hier verschenkter Wohnraum? „Schon viel zu lange verschenkt“, sagt von der Decken mit schneller Stimme.
„Mäuseschritte“ statt „Mammutschritte“
Vögel zwitschern im Flug über dem Pfarrhaus. „Das war das Ende der Schlossbesichtigung“, flachst Buchrad von der Decken und schließt Tür drei wieder ab.

Burchard von der Decken glaubt, dass die Dorfmoderatoren mit dem Zusammenschluss zur Einheitsgemeinde eine wachsende Bedeutung bekommen - als „Flüsterer“ zwischen den Bürgern und Verwaltung. Foto: Meyer
Sein Ziel, Balje mehr Wohnraum zu geben, sei ein „Endlos-Ziel“. Nicht zu weit voraus denken und „Mäuseschritte“ statt „Mammutschritte“ machen.
Das Pfarrhaus könnte die erste Tür sein, um weitere aufzuschließen, damit junge und alte Baljer lange in ihrer Heimat bleiben.
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