Zurück bei Freunden von der Förde: Walter soll Kiel retten
Zurück an der Förde: Trainer Tim Walter soll Holstein Kiel retten. Foto: Ulrich Perrey/dpa
Tim Walter trainierte Holstein Kiel schon einmal. Nach einem Jahr zog der Trainer weiter. Jetzt ist er zurück - als Hoffnungsträger im Abstiegskampf.
Kiel. Er ist wieder da - gefühlt war Tim Walter aber nie ganz weg von Holstein Kiel. Etwas mehr als sechseinhalb Jahre nach seinem bislang letzten Arbeitstag als Cheftrainer an der Förde betrat der 50-Jährige den Platz auf dem Trainingsgelände des schleswig-holsteinischen Fußball-Zweitligisten. Beobachtet von etwa 250 Zuschauern rief er die Spieler um 11.00 Uhr auf dem Platz zusammen. Walters Aufgabe: der Klassenverbleib.
„Ich habe Holstein nie aus dem Auge verloren, vor allem, weil ich viele gute Freunde hier gefunden habe“, sagte er nach dem ersten anderthalbstündigen Training. In seiner Zeit beim Hamburger SV (Juli 2021 bis Februar 2024) sei er immer wieder nach Kiel gefahren, um die Bekannten zu besuchen.
Walter hatte die Kieler in der Zweitliga-Saison 2018/2019 schon einmal trainiert und sie auf den sechsten Tabellenplatz geführt. Danach folgten Stationen beim VfB Stuttgart, dem HSV und Hull City.
Gefragter Mann: Holstein Kiels neuer Cheftrainer Tim Walter. Foto: Ulrich Perrey/dpa
Walter über Holstein Kiel: „Verein hat mir Chance gegeben“
Jetzt ist Walter zurückgekehrt - vorerst bis zum Saisonende. „Ich musste nicht lang darüber nachdenken, dass ich das einfach wieder machen will“, berichtete der gebürtige Badener über seine Reaktion auf die Anfrage von Sport-Geschäftsführer Olaf Rebbe.
„Der Verein hat mir damals die Chance gegeben, mich im Profifußball zu etablieren“, sagte Walter weiter. „Ich glaube, dann liegt es auch an einem selber, dass man dann auch ein bisschen was zurückgibt, wenn der Verein vielleicht ein wenig in eine Schieflage gekommen ist.“
Einen Tag vor Walters zweiten Amtsantritt hatte sich Holstein von Marcel Rapp getrennt. In seinen viereinhalb Jahren an der Förde prägte der 46-Jährige eine Ära. Mit dem ersten Bundesliga-Aufstieg eines schleswig-holsteinischen Fußball-Clubs schaffte er Historisches.
Doch in dieser Saison droht den Norddeutschen der Durchmarsch von der Bundesliga zurück in die 3. Liga. Nach vier Niederlagen sind sie als Tabellen-14. nur noch einen Punkt vom Relegationsplatz entfernt. Und die nächsten zwei von noch elf Spielen am Samstag (13.00 Uhr/Sky) gegen den Tabellendritten SV Elversberg und eine Woche später beim Tabellenzweiten Darmstadt 98 haben es in sich.
Hartes Einstandsprogramm für Walter
Viel Zeit hat Walter daher nicht - und so ging er auch seine Mission an. Mit einem gemeinsamen Frühstück mit der Mannschaft und dem Funktionsteam startete er in den Tag. Nach der Vormittags-Einheit setzte er auch gleich noch eine Einheit am Nachmittag an.
Walter kann mit seiner Emotionalität einem zuletzt blutleer wirkende Team wieder Leben einhauchen. Auch in seiner Zeit in Hamburg hatte er mit seiner Art die Mannschaft, die Fans und das gesamte HSV-Umfeld mitgerissen. Allein der angestrebte Aufstieg gelang ihm nicht. Das schaffte sein einstiger Co-Trainer Merlin Polzin im Mai vergangenen Jahres.
Einer, der lange mit Walter gearbeitet hat, ist Jonas Meffert. Sowohl 2018/2019 als auch in der Zeit beim HSV war der 31-Jährige für Walter ein „Balancespieler“ (Walter) und wichtiger Ansprechpartner. „Das ist auf jeden Fall ein sehr, sehr großer Impuls, vor allem sehr viel Energie“, sagte er zu der Verpflichtung von Walter. „Er hat ja auch Ausstrahlung, Emotionalität. Also jetzt gibt es dann wirklich kein Ausreden.“
Kann Walter Abstiegskampf?
In Kiel erwartet Walter eine für ihn ungewohnte Situation. Erstmals muss er zeigen, ob er Abstiegskampf kann. Er hat seinen Plan. Und dazu gehören auch viele verbale Streicheleinheiten für seine Spieler.
„Die Jungs sind sehr aufgeschlossen, die sind sehr bereit, die sind sehr lernwillig und die sind einfach offen“, sagte Walter. „Und ich glaube, das ist das Einzige, was man verlangen kann, wenn man als neuer Trainer irgendwo hinkommt, dass sie die Bereitschaft haben, was Neues anzunehmen.“
Jeder wisse, wie man eine Tabelle liest. Er wolle aber die Spieler damit infizieren, „dass man einfach Freude am Fußball haben kann, wenn man mutig genug ist, wenn man intensiv ist“, meinte er. „Das kann ich versuchen, mit meiner emotionalen, direkten Art und mit meiner Überzeugung auf die Jungs zu übertragen. Und ich glaube, das passt einfach. Was kommt, weiß man nie.“
Alles so simpel wie möglich halten
Er wolle keine radikalen Änderungen. „Wir versuchen es so einfach wie möglich auch für die Jungs zu halten, weil ich glaube, Überforderung wäre jetzt einfach der falsche Weg, sondern du musst es so simpel wie möglich halten“, ist er überzeugt.
Seine Mannschaften hätten immer dafür gestanden, „dass sie Ballbesitz haben, aber meine Mannschaften waren auch die besten im Gegenpressing und die besten im Spiel gegen den Ball, was die Wiedereroberung anbelangt“. Er wisse, dass die Kieler Mannschaft fit ist. Sie mache die beinahe meisten intensiven Läufe, die meisten Sprints in der Liga“. „Aber sie ist die schlechteste in der Balleroberung und im Defensivverhalten.“

Versucht, Holstein Kiel wieder auf Kurs zu bringen: Trainer Tim Walter (2.v.r). Foto: Ulrich Perrey/dpa
Verlieren ist nicht schön
Dass Verlieren nicht schön ist - auch nicht im Training -, versuchte Walter gleich am ersten Tag seinen Spielern zu vermitteln. Nach einem Spiel zum Abschluss der Einheit mussten die Verlierer Purzelbäume machen.
„Verlieren muss wehtun. Wenn es dann Schwindel auslöst oder sonst irgendwas, dann will man am nächsten Tag wahrscheinlich eher weniger verlieren.“, erklärte er. „Sie sollen einfach spüren, dass Gewinnen viel, viel schöner und viel, viel interessanter ist und dass man da auch vielleicht ein bisschen einfacher durchs Leben gehen kann.“