Zähl Pixel
Erkrankt

TZwischen Dunkel und Licht: Wie Jan Meyer mit Depression klarkommt

Depression bedeutet für Jan Meyer oft lange, nachdenkliche Momente – und zugleich die Hoffnung, dass wieder hellere Tage kommen.

Depression bedeutet für Jan Meyer oft lange, nachdenkliche Momente – und zugleich die Hoffnung, dass wieder hellere Tage kommen. Foto: Polgesek

Der Bremerhavener gehört in der Schule zu den Besten. Doch eine heimtückische Krankheit nagt an ihm und bricht mit 16 aus. Es beginnt ein Kampf gegen einen Gegner, der bis heute andauert.

Von Ismail Kul 22.03.2026, 08:05 Uhr

Bremerhaven. Jan Hendrik Meyer bevorzugt das persönliche Gespräch. Ein Interview über das Telefon kommt für ihn nicht infrage, er leidet unter einer starken Telefonphobie. Ein Treffen in einem Café entspricht ebenfalls nicht seinen Vorstellungen; am liebsten spricht er in den Räumen der Redaktion. „Da kann ich dann auch ein wenig befreiter erzählen als in der Öffentlichkeit“, sagt er in der „Nordsee-Zeitung“.

Als er zum verabredeten Termin erscheint, ist er sichtlich aufgeregt. Seine Atmung verrät das. Warum aber setzt ein einfaches Treffen einen Körper derart unter Alarmbereitschaft? Der Bremerhavener Jan Hendrik Meyer hat mit einer Krankheit zu kämpfen. Die Diagnose: mittelschwere Depression.

Wenn die Depression das Leben beeinträchtigt

Diese psychische Erkrankung wird bei ihm begleitet von sozialen Ängsten, einer ängstlich vermeidenden Persönlichkeit und Anteilen mehrerer Persönlichkeitsstörungen. Das Thema Einsamkeit ist in seinem Leben allgegenwärtig. Warum wagt er dennoch den Schritt in die Öffentlichkeit?

Der 31-Jährige aus Geestemünde setzt sich aktiv mit seiner Depression auseinander, engagiert sich in einer Selbsthilfegruppe für Menschen mit Depression und möchte zur Aufklärung beitragen.

Jan Hendrik Meyer legt sein Abitur 2014 mit einem Durchschnitt von 1,2 ab. Die Depression aber bremst ihn aus. Trotzdem kämpft er sich zurück und erlangt eine Stabilität.

Jan Hendrik Meyer legt sein Abitur 2014 mit einem Durchschnitt von 1,2 ab. Die Depression aber bremst ihn aus. Trotzdem kämpft er sich zurück und erlangt eine Stabilität. Foto: Polgesek

Abitur mit Notendurchschnitt 1,2

Schaut man zehn bis fünfzehn Jahre zurück, erscheint alles in bester Ordnung. Jan Hendrik Meyer besucht das Geschwister-Scholl-Gymnasium in Bremerhaven. Er findet Kontakt zu Mitschülern, die Noten stimmen. „Das war die Zeit meines Lebens. Da habe ich auch meine erste Freundin kennengelernt.“

2014 machte er Abitur mit einem Notendurchschnitt, den nur wenige erreichen: 1,2. „Ich habe mit diesem guten Durchschnitt aber nicht viel gemacht“, sagt er rückblickend. Auch wenn Jan Hendrik Meyer in der Schule gute Leistungen zeigt, nagt die Krankheit schon lange unter der Oberfläche.

Ängste begleiten durch das gesamte Schulleben

Ängste sind schon immer ein Thema in seinem Leben. „Das fing schon in der Schulzeit an. Ich kann mich nicht erinnern, dass es je anders war.“ Trotzdem kämpft er sich durch. Mit 16 meldete sich die Depression. Ein Klinikaufenthalt folgt. Seinen Zustand beschreibt er als Abwesenheit von Gefühlen.

„Man kommt nicht mehr an seine Gefühle ran“, erzählt er. Es sei eine Trägheit, eine Schwere. Traurigkeit sei das nicht. „Es kreisen die Gedanken, Selbstzweifel sind allgegenwärtig.“ Das wirkt sich auch auf den Alltag aus; Gedanken verhindern einzuschlafen, und morgens kommt er nur schwer aus dem Bett. Auf den ersten Klinikaufenthalt folgten später weitere.

Studium und Ausbildung wegen Krankheit abgebrochen

Ein reibungsloser Übergang ins Berufsleben wird so nicht möglich. Ein Mathematik-Studium an der Universität Bremen muss er nach kurzer Zeit aufgeben, eine Ausbildung bei der Stadt zum Fachinformatiker scheitert nach einem Jahr, ebenso ein erneuter Versuch, Mathematik und Physik auf Lehramt zu studieren.

Die Ursachen einer Depression können vielfältig sein. Schicksalsschläge, Überforderung oder hormonelle Umstellungen. „Viele haben auch Probleme mit der Schilddrüse“, weiß er. Auch das Familienumfeld sei wichtig. Bis zu seinem 17. Lebensjahr wuchs Jan Hendrik Meyer auf einem Bauernhof in Donnern auf. Die Atmosphäre im Familienumfeld beschreibt er als emotional distanziert.

Engagement in der Selbsthilfegruppe für Betroffene

Heute engagiert sich Jan Hendrik Meyer in einer Selbsthilfegruppe für Depression in Bremerhaven. Die Gruppe trifft sich jeden Dienstag. Insgesamt gehören 20 Teilnehmer zwischen 18 und 35 Jahren dazu, etwa zehn kommen regelmäßig zusammen. Jan Hendrik Meyer kümmert sich in der Gruppe um Organisation, Verwaltung und Finanzen.

Und die Zukunft? Die Gründung einer eigenen Familie kommt für den 31-Jährigen nicht infrage. „Ich würde mir nicht zutrauen, Kinder zu haben. Ich möchte die Krankheit nicht weitergeben“, sagt er. „Es reicht mir, mich um mich selbst kümmern zu müssen; da ist der Platz für andere begrenzt.“

Zukunftsperspektive: „So blauäugig bin ich nicht mehr“

Beruflich wünscht er sich eine Tätigkeit, die ihn intellektuell fordert, „aber gleichzeitig ein bisschen wie Kindergarten ist, wo ich mich auch mal zurückziehen kann“, so Meyer. Doch eine solche Nische zu finden, ist schwierig. Er weiß inzwischen, dass er mit der Krankheit weiterleben wird. „So blauäugig bin ich nicht mehr. Mittlerweile weiß ich, dass ich diese Einschränkung immer haben werde.“

Die Auseinandersetzung mit der Erkrankung hat ihm aber auch Stabilität gebracht. Seit ein paar Jahren hat er sich gefestigt, verfügt über ein Deutschlandticket und besucht gelegentlich kulturelle Veranstaltungen – auch bis nach Hamburg. In Bremerhaven genießt er es, zu Ikea zu gehen, etwas zu essen und dort den Tag ausklingen zu lassen. Ja, auch Zeiten der Freude gibt es, wenn auch seltene und kurze.

Copyright © 2026 TAGEBLATT | Weiterverwendung und -verbreitung nur mit Genehmigung.

Die Redaktion empfiehlt
Weitere Artikel