TExtremwetter: Hagel richtet Millionenschaden im Alten Land an
Hagelschlag: Der Bezirksdirektor der Vereinigten Hagel, Peter H. Schemmel, begutachtet die Schäden im Alten Land. Hier ist eine Kanzi-Apfelplantage betroffen. Foto: Vasel
Starke Unwetter haben Obstbauern die Ernte in Teilen des Alten Landes in diesem Jahr buchstäblich verhagelt. Das trifft viele Betriebe hart - vor allem im Epizentrum.
Altes Land. Eiskalt erwischt: In dieser und in der vergangenen Woche haben zwei Hagelschauer im Alten Land erhebliche Schäden verursacht. „Im Epizentrum sind fast 70 Prozent der Äpfel geschädigt worden“, sagte der Bezirksdirektor der Versicherung Vereinigte Hagel, Peter H. Schemmel, dem TAGEBLATT. Rund 700 Hektar seien betroffen, hieß es. Zur Einordnung: Baumobst kommt an der Niederelbe auf fast 9150 Hektar. Den größten Anteil hat der Apfel mit 89,5 Prozent.
Hagelkörner bedecken den Boden auf einem Obsthof in der I. Meile Alten Landes. Foto: Vasel
Die ersten Betriebe seien am 4. Juni heimgesucht worden - im Bereich Moorende und Neuenfelde, ausgehend von der Geest. Am vergangenen Dienstag traf es Obstbaubetriebe insbesondere im Bereich Hollern-Twielenfleth, Bachenbrock, Grünendeich und Steinkirchen, in der Meile liegt auch das Epizentrum. Peter H. Schemmel von der Vereinigten Hagel geht von einem Schaden „von zehn Millionen Euro aus“. Aktuell werden die Schäden auf den Apfelplantagen noch erfasst.
Beschädigte Äpfel landen im Most
Die Hagelkörner haben Dellen hinterlassen, zum Teil die Blätter der Bäume oder die Fruchthaut der Äpfel durchschlagen oder das Holz beschädigt. Die hagelgeschädigten Äpfel werden nicht mehr als Tafelware (Klasse I) im Lebensmitteleinzelhandel vermarket werden können. Dabei schmecken sie genauso gut wie die makellosen Äpfel.

Die Hagelkörner haben Dellen in den Äpfeln hinterlassen, sie können im Herbst nicht mehr als Tafelobst vermarktet werden. Foto: Vasel
Einen Teil werden die betroffenen Obstbauern noch als Klasse II vermarkten können. Im Zuge der Ausfärbung und des Wachstums werden die Dellen bei einigen nicht mehr so stark ins Auge fallen. Doch viele Äpfel werden letztlich als Most-, Mus- oder Schäläpfel in der Verwertung landen. Dafür erhalten die Erzeuger aktuell allerdings bis zu 80 Prozent weniger Geld.
Hagel verschärft angespannte Lage
15.000 bis 20.000 Euro pro Hektar betrage der durchschnittliche Schaden bei einigen Betrieben im Epizentrum - im Grunde ein Vollschaden. „Das ist für die betroffenen Obstbauern grauenhaft“, sagt der Vorsitzende der Bundesfachgruppe Obstbau, Claus Schliecker aus Guderhandviertel. Denn die knapp 500 Familienbetriebe an der Niederelbe leiden aktuell unter den niedrigen Erzeugerpreisen und der Konsumzurückhaltung.
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Ein Beispiel: Für gute Elstar gibt es zurzeit 32 Cent pro Kilo. Doch diese decken die Produktionskosten „nicht einmal annähernd“. Laut Berechnung des Obstbauzentrums Esteburg müssten 62 Cent/Kilo auf dem Erzeugerkonto landen. Hinzu komme: Die Produktionskosten seien in den letzten fünf Jahren um 25 Prozent gestiegen. Ein 30-Hektar-Betrieb habe Mehrkosten von 40.000 Euro allein durch die Mindestlohn-Steigerung zu verkraften.
Altländer setzen auf Hagel-Versicherung
Die Krux: Die Versicherungskosten sind hoch. Mit 1000 Euro bis 1500 Euro pro Hektar schlägt die Prämie zu Buche. In schlechten Jahren sparen einige Betriebsleiter sich die Ausgabe, weil es an Liquidität mangelt. Schätzungsweise 45 Prozent der Obstbaubetriebe haben sich gegen das Hagel-Risiko versichert. „Sechs Prozent der Apfelplantagen sind zum Schutz eingenetzt“, rechnet der stellvertretende Leiter des Obstbauzentrums Esteburg in Jork-Moorende, Dr. Matthias Görgens, vor.

Hagelschäden auf einer Plantage in Hollern. Foto: Vasel
Doch Hagelnetz-Systeme sind mit bis zu 35.000 Euro/Hektar sehr teuer. Diese seien vor allem bei höherpreisigen Clubsorten wie Rockit verbreitet. Wachstum und Ausfärbung des Apfels seien im Norden unter den Hagelschutz-Netzen wegen der Lichtverhältnisse nicht so optimal wie im Süden. Aufgrund der Kosten und der Bewahrung der Kulturlandschaft setzt der Berufsstand vorrangig auf die Versicherung.

In Südtirol prägen Apfelplantagen mit Hagelschutz-Netzen die Landschaft, im Alten Land setzen die Betriebe vor allem auf die Versicherungslösung. Foto: Vasel
In Sachen Pflanzenschutz gibt Professor Dr. Roland Weber erst einmal Entwarnung. Ab Ende Juni/Anfang Juli hätten die Hagelschäden auch Schädlinge wie Braunfäulepilze begünstigt. Je reifer, desto empfindlicher sind die Früchte, heißt es.
„Obstbaumkrebs“ müsse im Auge behalten werden. Das alles sei allerdings für die Obstbauern angesichts der monetären Schäden wenig tröstlich, so Weber. Die Kosten für Schnitt und Hand-Ausdünnung steigen.
Altländer fordern Umdenken beim Land
Der Aufsichtsratsvorsitzende der Vereinigten Hagel, Jens Stechmann aus Jork-Lühe, und der Vorsitzende der Bundesfachgruppe Obstbau, Claus Schliecker, fordern vor dem Hintergrund der Hagelschäden im Alten Land die Niedersächsische Landwirtschaftsministerin Miriam Staudte (Grüne) erneut zum Umdenken auf.
Die Vereinigte Hagel ist eine Solidargemeinschaft aus rund 110.000 Landwirten, Winzern sowie Obst- und Gemüsebauern - tätig in zehn EU-Staaten. Von 100 Euro, die ein Obstbauer einzahlt, werden 90 wieder ausgezahlt. „Wir müssen keine Aktionäre bedienen“, so Stechmann.
Es gelte, die Förderung aus EU-Mitteln bei der Mehrgefahrenversicherung auch auf die Obstbauern auszudehnen und eine steuerfreie Risikoausgleichsrücklage zur Selbsthilfe - gefüllt in guten Wirtschaftsjahren - einzuführen.
Das Problem: Den Hagel hatte die Ministerin aus ihrem Förderprogramm gestrichen. In vielen anderen EU-Staaten, aber auch in Bundesländern wie Bayern oder Baden-Württemberg erhalten die Obstbauern einen Zuschuss zur Prämie in Höhe von bis zu 70 Prozent. Das verstärke die Wettbewerbsverzerrungen.
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