TWarten im Regen: Ein Tag als Komparsin bei „Neuer Wind im Alten Land”
Aktuell dreht das ZDF die vierte Staffel der Serie „Neuer Wind im Alten Land”. Fensehstar Felicitas Woll beobachtet als Beke Rieper einen Wettlauf durch Jork. Foto: Haardt
Ein Tag am Set der ZDF-Serie „Neuer Wind im Alten Land” - das klingt spannend. Aber der Komparsen-Alltag ist weit weniger glamourös. TAGEBLATT-Volontärin Rebecca Haardt war dabei.
Altes Land. Seit 2023 dreht das ZDF die Herzkino-Reihe „Neuer Wind im Alten Land”. Aktuell finden die Dreharbeiten für die neueste, vierte Staffel statt. Einen Tag bin ich als Komparsin am Set und werde mit 25 anderen eine Teilnehmerin an einem Wettlauf durch Jork darstellen. Es ist der 30. Drehtag für die Produktion, die nicht nur in Jork, sondern auch an anderen Orten im Alten Land, wie Estebrügge, dreht.
Hektik bei der Kostümabnahme
Vor einem Reisebus am Altländer Markt empfängt mich Wendy, die die Komparsen betreut. Im Bus herrscht hektisches Treiben. Menschen in bunter Sportkleidung füllen Formulare aus. Eine Frau vom Kostümdepartment inspiziert unsere Kleidung. Sie hat eine Stunde Zeit, um 25 Komparsen-Kostüme abzunehmen.
Wo immer sie ein Marken-Logo aufblitzen sieht, ist sie sofort mit Klebeband zur Stelle, um es abzudecken. In der Serie dürfen keine Marken zu sehen sein. Schließlich verteilt sie an alle Komparsen die Startnummern. Ich befestige die 310 mit Sicherheitsnadeln an meinem Shirt.
Gute Stimmung bei den Komparsen
Bevor es richtig losgeht, heißt es erst einmal: Warten. Daraus besteht ein Großteil der Komparsenarbeit, wie ich im Laufe des Tages feststelle: Warten, dass die Technik bereit ist, dass die Schauspieler in Position sind, dass es aufhört zu regnen.
Die Stimmung bei den Komparsen ist trotz des vielen Wartens gut. Viele kennen sich untereinander, weil sie gemeinsam in Vereinen wie dem Buxtehuder SV oder in Laufgruppen Sport machen. Dort hatte die Produktion im Vorfeld gezielt nach Sportlern für den Dreh gesucht.

Annet Bremer, Udo Schlichting, Gesa Kirschbaum und Rob Bertram freuen sich über die interessanten Einblicke in die Arbeit am Set. Foto: Haardt
Für die meisten Komparsen ist es das erste Mal, dass sie an einem Filmset sind. Gesa Kirschbaum aus Harburg hat sich bei einer Komparsen-Agentur angemeldet und bekommt ab und zu Angebote für Komparsenjobs in Hamburg und Umgebung. Für den Tag hat sie sich extra Urlaub genommen, um bei den Dreharbeiten dabei sein zu können. Die Läufer-Komparsen bekommen für den Tag, der von 10 bis 18 Uhr geht, 140 Euro.
Drehtag ist straff organisiert
Bevor das erste Mal die Kamera läuft, erlebe ich den Make-up-Prozess bei uns Komparsen. Wir stehen zusammengedrängt in einer engen Gasse, als jemand von der Maske mir Öl und Wasser ins Gesicht sprüht und schnell rote Farbe auf meinen Wangen verteilt. Mit glamourösem Hollywood-Make-up hat das gar nichts zu tun. Ich sehe nicht aus wie Liz Taylor, sondern einfach nur völlig fertig.

Wendy zeigt uns die Gasse, durch die wir für die erste Einstellung laufen werden. Foto: Haardt
Der Drehtag ist straff organisiert. Auf Wendys Kommando, die ihre Anweisungen über ein Headset bekommt, machen wir uns drehbereit. Das heißt: Jacken aus und in drei Gruppen aufstellen. Gruppe 1 läuft vorne, Gruppe 2 in der Mitte und Gruppe 3 bildet das Schlusslicht. Ich bin Gruppe 2 zugeteilt. Auf ein „Und bitte” von Wendy rennen wir los.
Internationales Flair in Jork
Von der Seite feuern uns die Zuschauer-Komparsen an. Sie halten Plakate in den Händen und applaudieren. Einige schwenken Fähnchen, die Wendy zuvor an sie verteilt hat. Die Fahnen bringen unerwartet internationales Flair nach Jork: Ein Zuschauer schwenkt eine Schweizer Flagge, ein anderer die kolumbianische.
Realität vs. Fiktion
T „Neuer Wind im Alten Land“: Ohne Realitäts-Check wird es problematisch
Der Enthusiasmus der Zuschauer-Komparsen ist ziemlich mitreißend, und dass obwohl sie dabei zusehen, wie wir gerade einmal 70 Meter rennen, kurz warten und dann auf unsere Ausgangsposition zurückkehren. Die erste Szene ist nach zwei Versuchen im Kasten. Die zweite wird sogar nur einmal gedreht.
Ab und zu verzögert sich der Dreh, weil es wieder anfängt zu regnen. Sofort deckt die Crew die Kameras und Mikrofone mit Planen und Regenschirmen ab.

Als es anfängt zu regnen, wird das teure Equipment sofort abgedeckt. Foto: Haardt
Nachdem wir mehrere Male durch die Gassen an der Bürgerei gelaufen sind, werden wir in die Mittagspause entlassen. Die verbringen wir im Vereinsheim der Schützen Jork-Borstel mit Kartoffelsuppe.
Requisiten sind nicht zum Essen da
Auch am Set gibt es Verpflegung für uns Komparsen. Doch nicht alle Snacks sind zum Essen gedacht. In einer Szene laufen wir an einem Versorgungstisch vorbei, an dem wir uns bedienen dürfen. Doch die Bananen und Proteinriegel, die darauf liegen, müssen wir für den nächsten Take auf den Tisch zurücklegen. Schließlich sind das Requisiten und keine Snacks.
Einmal nimmt sich jemand von den Zuschauer-Komparsen etwas vom Tisch. Sofort ist Wendy zur Stelle und weist darauf hin, dass wir bitte nicht die Requisiten essen sollen. Erst als die Szene abgedreht ist, werden die Snacks für uns zum Essen freigegeben.
Dreh verwandelt Bürgerei in Marathonstrecke
Nach dem Mittagessen wird der Zieleinlauf gefilmt. Dafür ist in der Bürgerei eine Laufstrecke abgesperrt worden mitsamt Start- und Ziellinie. An den Absperrungen hängen Plakate von fiktiven Sponsoren. Für 300 Meter sieht es in Jork aus wie bei einem echten Marathonlauf.

Zwischen den Einstellungen wird die Ausrüstung auf Sackkarren hin und hergeschoben. Foto: Haardt
Vor und hinter der Laufstrecke wird jedoch deutlich, dass das nur eine Kulisse ist: Crew-Mitglieder schieben geschäftig die Ausrüstung hin und her. Etwa zwei Dutzend Crew-Mitglieder wuseln durch die Jorker Bürgerei. Wendys Kollege verteilt die Zuschauer-Komparsen an den Absperrungen. Nichts wird dem Zufall überlassen.
Kein gutes Geschäft für Anlieger
Die Bürgerei ist während des Drehs theoretisch nicht abgesperrt für Zivilisten. Praktisch verirren sich trotzdem kaum Kunden an dem Tag in die anliegenden Geschäfte, wie Gerd Hubert, Senior-Chef der Altländer Drogerie erzählt.
Das Produktionsteam wollte vor Beginn der Dreharbeiten außerdem das Drogerie-Schild abkleben. Doch Hubert weigerte sich: „Das Schild hängt hier seit 90 Jahren, das klebe ich nicht ab.” Als Entschädigung für die Unannehmlichkeiten schenkte das Produktionsteam Hubert Autogrammkarten, eine Tasse und einen Essensgutschein über 50 Euro.
Starpower am Set
Während des Drehs gibt immer Wendy uns die Anweisungen. Sie ist freundlich aber bestimmt. Vor dem Mittagessen bekommen wir weder den Regisseur Dirk Pientka noch Hauptdarstellerin Felicitas Woll zu Gesicht.
Doch dann, nachdem ein erneuter Regenschauer uns unter das Vordach einer Anwaltskanzlei getrieben hat, erhaschen wir unseren ersten Blick auf den Star von „Neuer Wind im Alten Land”.
Felicitas Woll trifft am Set ein, winkt uns kurz zu und verschwindet in ein Geschäft in der Bürgerei. „Du kannst ja Tipps mit deiner Fernsehkollegin austauschen”, schlägt eine Komparsin vor.
Wäre ich als Journalistin hier, würde ich vermutlich ein kurzes Interview mit Felicitas Woll führen. Aber ich habe heute meinen Notizblock gegen Laufschuhe eingetauscht. Und als Komparsin habe ich keine Chance mit dem Star ins Gespräch zu kommen.
Das Warten hat ein Ende
Als ich unter den gespielten Jubelrufen der Zuschauer-Komparsen ins Ziel sprinte, klatsche ich die anderen Komparsen ab. „So einfach läuft man einen Marathon”, witzelt jemand.

Als Komparsin am Set von Neuer Wind im Alten Land wirft TAGEBLATT-Volontärin Rebecca Haardt einen Blick hinter die Kulissen vom ZDF-Herzkino. Foto: Haardt
Für mich ist der Drehtag gegen 15 Uhr vorbei. Einen Marathon bin ich nicht gelaufen. Stattdessen habe ich viel gewartet, vor allem darauf, dass der Regen aufhört und ich einmal alle 10 Minuten 70 Meter sprinten darf. Die Fernseh-Magie entsteht wohl erst später im Schnittraum.
Wann die Folge im ZDF zu sehen sein wird, steht noch nicht fest. Dann werde ich mich vielleicht für ein paar Sekunden durchs Bild laufen sehen - es sei denn, mein großer Auftritt landet auf dem Boden des Schnittraums.