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Handball-Bundesliga

T100 Tage im Amt: So hat Andersson den BSV wieder zum Erfolg geführt

Trainer Nicolaj Andersson und seine Mannschaft hatten zuletzt allen Grund zum Jubeln.

Trainer Nicolaj Andersson und seine Mannschaft hatten zuletzt allen Grund zum Jubeln. Foto: Jan Iso Jürgens

Im Winter übernahm Nicolaj Andersson den BSV in schwieriger Lage. In kurzer Zeit gab er der Mannschaft den Glauben zurück. Neun Dinge, die sich unter ihm verändert haben.

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Von Tim Scholz
Mittwoch, 18.03.2026, 12:00 Uhr

Buxtehude. Irgendwo bei Lübeck geht Nicolaj Andersson ans Handy. Der Trainer des BSV ist auf der Autobahn unterwegs, von seinem Wohnort Bad Doberan nach Buxtehude. Zweieinhalb Stunden Fahrtzeit - für ihn sei das „okay“.

Der Däne pendelt meist zweimal pro Woche zwischen Mecklenburg-Vorpommern und Buxtehude. Zeit genug, um zurückzublicken auf seine ersten 100 Tage im Amt. Am 8. Dezember, rund zwei Wochen nach der Trennung von Dirk Leun, übernahm er den Bundesligisten.

100 Tage - Andersson wirkt selbst überrascht. „Für mich war es immer nur eine Woche, noch eine Woche und noch eine Woche“, sagt er. Doch in dieser Zeit hat er einiges verändert.

Nach einem schwachen Start gelang unter Andersson im 15. Saisonspiel der erste Sieg. Inzwischen ist der BSV seit fünf Partien ungeschlagen und kletterte auf Rang acht. Was hat er bewirkt?

1. Ein klares Konzept als Grundlage

Für Andersson begann alles mit einer klaren Aufgabenstellung: „Mein Ziel war es, genug Punkte für den Klassenerhalt zu holen.“

Gemeinsam mit der Mannschaft entwickelte er ein Konzept, das bewusst einfach gehalten und auch aufgeschrieben wurde. „Wenn man es nicht im Kopf behalten kann, kann man es in kritischen Momenten auch nicht umsetzen“, erklärt er.

Das Konzept enthält Prinzipien für Angriff und Abwehr, teilweise selbstverständliche Dinge wie das Passspiel. Jeder Pass müsse sauber gespielt werden, auch unter Druck. Für ihn sind solche Basics entscheidend.

Kapitänin Theresa von Prittwitz bestätigt: „Wir haben nicht viele Spielzüge, aber die spielen wir auf den Punkt.“

2. Mehr Intensität und bessere Kommunikation

Im Training sieht Andersson deutliche Fortschritte. Vor allem, wenn die Mannschaft das Tempospiel trainiert, halte die Konzentration länger. „Die Spielerinnen schaffen mehr Wiederholungen, bevor sie den Fokus verlieren.“

Nicolaj Andersson bleibt bis zum Saisonende Trainer des BSV.

Nicolaj Andersson bleibt bis zum Saisonende Trainer des BSV. Foto: Jan Iso Jürgens

Auch die Kommunikation hat sich verbessert. Wenn im Training etwas nicht funktioniert, wird das Problem kurz besprochen und sofort angepasst. „Am Anfang hat das länger gedauert. Jetzt lösen wir das schneller und positiver.“

3. Mentale Entwicklung als Schlüssel

Eine der schwierigsten Phasen gab es zu Beginn seiner Amtszeit. Die Leistungen stimmten teilweise, doch die Ergebnisse blieben aus. „Das war auch für mich frustrierend“, sagt Andersson. Niederlagenserien seien mental extrem belastend.

Inzwischen sieht er seine Mannschaft stabiler, selbstbewusster, fehlerfreier. Wenn es im Spiel schwierig wird, greife sie auf das Konzept zurück. „Das gibt ihnen Sicherheit.“ Schwächere Phasen werden kürzer, die Spielerinnen verlieren nicht mehr so schnell den Kopf.

Auch von Prittwitz spürt das: „Wenn man eine halbe Saison lang nur verliert, glaubt man irgendwann selbst nicht mehr daran.“ Dieses Gefühl sei inzwischen verschwunden. Der Glaube ist wieder da.

4. Dänischer Stil im Angriff

Anderssons Handschrift zeigt sich vor allem im Angriff. Der Ball läuft flüssiger. „Wir haben weniger Unterbrechungen und prellen nicht so oft“, erklärt der Däne. Für ihn ist das typisch dänischer Handball.

Außerdem zeigte seine Mannschaft, dass sie das Tempo variieren kann - mal schnell, mal geduldig - und damit unberechenbarer ist. Gerade gegen körperlich starke Teams sei das ein Vorteil, so Andersson.

BSV-Kapitänin Teresa von Prittwitz.

BSV-Kapitänin Teresa von Prittwitz. Foto: Jan Iso Jürgens

Dass er großen Wert auf die Ballarbeit legt, zeigt sich auch schon daran, dass es zu Beginn des Trainings eine Phase gibt, die er „Ballfreundschaft“ nennt. Die Spielerinnen üben dabei verschiedene Pässe, Dreher, Kempa. „Am Anfang habe ich mich schon gefragt, was das soll“, sagt von Prittwitz lachend. Inzwischen sieht man den Effekt: „Man bekommt ein ganz anderes Gefühl für den Ball.“

5. Variabler und schwerer auszurechnen

Auch taktisch hat Andersson einiges verändert. In der Abwehr verteidigt der BSV nun offensiv im 5:1 statt im früheren 6:0-System.

Die Umstellung zwang einige Spielerinnen, neue Rollen einzunehmen. So half Rückraumspielerin Johanna Andresen zeitweise am Kreis aus, als alle etatmäßigen Kreisläuferinnen verletzt waren. „Die Spielerinnen haben sich selbst bewiesen, dass sie auch andere Aufgaben lösen können“, sagt er.

Solche Lösungen machen das Spiel variabler, auch im Angriff, wo zwei Spielmacherinnen gleichzeitig auflaufen. Unter Andersson wirft der BSV im Schnitt zwei Tore mehr pro Spiel.

6. Mut zum Risiko

Andersson nutzt im Angriff regelmäßig die siebte Feldspielerin als „Werkzeug“. Dabei verlässt die Torhüterin das Feld, um vorne eine Überzahl zu schaffen.

Dieses System ist riskant, doch Andersson setzt es bewusst ein, um den Gegner aus dem Rhythmus zu bringen. Selbst in der Schlussphase des Spiels beim Tabellenführer BVB - Buxtehude lag knapp vorne - entschied er sich dafür. „Das war ein Zeichen an die Mannschaft, dass ich ihr vertraue“, sagt er. Bislang habe der BSV diese Variante sehr kontrolliert gespielt und nur wenige Gegentore ins leere Tor kassiert.

Allerdings brauchte es Zeit. „Am Anfang hat das gar nicht funktioniert“, sagt von Prittwitz. Inzwischen sei das Sieben-gegen-Sechs jedoch eine echte Waffe geworden.

7. Talente warten weiterhin - mit einer Ausnahme

In einem Punkt hat sich jedoch wenig verändert. Junge Spielerinnen kommen weiterhin nur begrenzt zum Einsatz. Talente wie Aida Mittag oder Lilli Frey müssen sich meist hinter den erfahrenen Kräften anstellen. „Das ist ganz normal im Leistungssport“, sagt Andersson. „Wenn eine Spielerin gut spielt, muss ich nicht wechseln.“

Von Prittwitz erklärt es so: „Nico kam mit dem Auftrag nach Buxtehude, um Punkte zu holen. Er geht damit den sichereren Weg.“

Lin Lück überzeugt vor allem in der Abwehr.

Lin Lück überzeugt vor allem in der Abwehr. Foto: Jan Iso Jürgens

Ein Talent hat sich dagegen bereits fest etabliert: Abwehrspezialistin Lin Lück. Die 19-Jährige übernimmt unter Andersson viel Verantwortung im Zentrum und erhält großes Lob vom Trainer: „Sie hat ein sehr gutes Verständnis für das Abwehrspiel.“

8. Bessere personelle Lage

Der Aufschwung hängt auch mit der personellen Situation zusammen. Zwischenzeitlich kehrten einige verletzte Spielerinnen zurück. Zudem wurde im Winter mit Annie Linder eine starke Torhüterin verpflichtet.

Nicolaj Andersson hat den Glauben nach Buxtehude zurückgebracht.

Nicolaj Andersson hat den Glauben nach Buxtehude zurückgebracht. Foto: Jan Iso Jürgens

„Wir hatten zu Beginn wahnsinniges Verletzungspech“, sagt von Prittwitz. Inzwischen gibt es wieder mehr Optionen.

9. Klare Ansagen in entscheidenden Momenten

Von Prittwitz hebt vor allem Anderssons Klarheit hervor. „Er hat einen sehr konkreten Plan im Kopf. Jede Spielerin weiß, was zu tun ist.“

Das gilt auch für die Time-outs. Gegen Metzingen etwa gab der Trainer kurz vor Schluss in ruhigem Ton einen Spielzug vor, den die Mannschaft im Training mehrfach geübt hatte. Der Plan ging auf: Anika Hampel holte einen Siebenmeter heraus, der den Sieg brachte. „Wir haben genau das gemacht, was abgesprochen war“, so die Kapitänin.

So geht es weiter

Nach der vierwöchigen Pause in der Bundesliga steht am 28. März das Auswärtsspiel in Bensheim an. Testspiele wird es bis dahin nicht geben, dafür sind intensive Trainingstage geplant. „Wir sind noch nicht zufrieden“, sagt Andersson. „Da ist noch mehr Potenzial.“

Kommunikativ: BSV-Coach Nicolaj Andersson gibt Spielmacherin Anika Hampel Anweisungen.

Kommunikativ: BSV-Coach Nicolaj Andersson gibt Spielmacherin Anika Hampel Anweisungen. Foto: Jan Iso Jürgens

Selbst richtet Andersson den Blick über die Saison hinaus. Sein Vertrag läuft im Sommer aus. Für die kommende Spielzeit hat der BSV mit Jonas Schlender bereits einen neuen Trainer verpflichtet. Andersson sucht deshalb gemeinsam mit seiner Familie und seinem Berater nach einer neuen Aufgabe. „Man braucht Geduld“, sagt er. Passende Stellen gebe es schließlich nicht jeden Tag. Nach TAGEBLATT-Informationen soll es auch Gespräche mit dem Bundesligisten Halle-Neustadt gegeben haben.

Das Gespräch endet. Andersson hat noch ein gutes Stück bis Buxtehude vor sich. In zwei Stunden beginnt das Training.

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