TVon Balje bis zur Arktis: Das wilde Leben der Nonnengans Nina
Nonnengänse stärken sich für ihre 2500 Kilometer lange Reise zurück ans Eismeer. Foto: Schaffhäuser
Nonnengänse, auch Weißwangengänse genannt, lieben die arktische Kälte. Ihr Jungen ziehen sie im hohen Norden auf. Doch jetzt rasten sie auf Kehdinger Weideflächen.
Landkreis. Arktische Nonnengänse – auch Weißwangengänse genannt – besuchen uns in jedem Jahr. Ab November rasten die meisten Tiere in der Unterelberegion. Einige Nonnengänse überwintern hier, andere fliegen weiter zur Rheinmündung oder zum Jadebusen und verbringen den Winter dort. Spätestens im April brechen alle Nonnengänse wieder in Richtung Eismeer auf. Sie mögen die arktische Kälte. Dort ziehen sie ihre Jungen auf.
Verfolgen wir eine dreijährige Gans und nennen sie Nina. Sie trifft am 9. Oktober auf der Wattfläche vor Balje ein. Sie ist nicht allein: Ihr vier Jahre alter Erpel Lew ist dabei. Von ihren fünf Jungen sind nur zwei übriggeblieben.
Gänse erkennen sich am Gesicht und den Rufen
Ehe sie sich auf den Weg vom Eismeer nach Kehdingen aufmachten, traf sich ihre kleine Familie mit Onkeln und Tanten. Man erkennt sich sehr genau am Gesicht und an den Rufen und fliegt zusammen.
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15. November: Nina und Lew sind, wie alle anderen Nonnengänse auch, wahre Fressmaschinen. Auf einer Weidefläche finden sie saftige Gräser. Vorne mit dem Schnabel das Gras rein, hinten Dünger wieder raus. Nina frisst in Ruhe, denn Lew übernimmt zurzeit die Wache, macht einen langen Hals und schaut sich aufmerksam um, ob Gefahr droht.
10. Dezember: Viel Stress heute. Mal schaut ein Seeadler vorbei, dann wieder ein Schreckschuss-Knall, dann Spaziergänger mit zwei hastigen Hunden.
Bei Sturm und Hochwasser geht es ins Binnenland
18. Januar: Sturm und Hochwasser in der Elbmündung. Nina und ihre Großfamilie fliegen zum Fressen weit ins Binnenland.
20. Februar: Nina muss, um im Sommer Bruterfolg zu haben, unbedingt kräftig zulegen. Sie wiegt nur 1,5 Kilogramm. Bis zum Abflug im Frühjahr muss sie zwei Kilogramm schwer sein. Sonst wird die Brut nicht erfolgreich sein.
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19. März: Abflug in Richtung Eismeer. Nina hat zugelegt, auch Ehemann Lew ist fit. Nur ein Junges ist bei ihnen geblieben. 2500 Kilometer etwa liegen vor ihnen. Sie fliegen zusammen mit ihren Verwandten und Freunden nonstop bis an die Küste Finnlands, bald danach nach Archangelsk am Weißen Meer. Schnee, Schneesturm, Zugstau. Alle Nonnengänse haben eine Pause einlegt. Zu fressen gibt es fast nichts.
10. Mai: Es ist wärmer geworden. Aufbruch und Flug bis an die Küste von Nowaja Semlja. Auf der Insel liegt Schnee. Dennoch wagen es Nina und Lew, ihr Nestrevier an einer Steilküste zu besetzen.
Sechs Junge betreuen bei durchgängiger Helligkeit
7. Juni: Brutbeginn und viel Stress: Ein Polarfuchs, ab und zu eine Polarmöwe, dann eine Schnee-Eule beunruhigen das Gänsepaar. In nur fünf Metern Entfernung brütet Schwester Irina. Man kennt sich und diesen Brutplatz.
12. Juli: Sechs Junge müssen betreut werden. Der immerzu helle Polartag fordert extreme Wachsamkeit und Zuwendung.
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25. August: Die Jungen sind groß geworden. Sie bleiben in der Nähe von Nina und Lew. Dennoch: Zwei Junge hat der Polarfuchs geholt. Eines wird später den Zug in Richtung Kehdingen nicht überleben.
9. September: Erste Fröste, erste Schneeschauer. Doch die Gänsefamilie bleibt noch am Polarmeer. Dann beginnen Unruhe und Zug ins Überwinterungsgebiet nach Kehdingen.
So könnte das Leben einer Nonnengans-Familie aussehen. Wie es sich ganz genau gestaltet, wissen wir nicht. Denn Nowaja Semlja, das Hauptbrutgebiet unserer Nonnengänse, ist militärisches Sperrgebiet. Aber es bleibt zu hoffen, dass sich über die Forschung Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zusammenfinden. Dass sie weiterhin Gänse besendern und mehr über sie für uns herausfinden.
Buch und Serie
Was kreucht und fleucht in der Region? Wolfgang Kurtze, Vorsitzender der Lions-Naturschutz-Stiftung, schreibt über Phänomene und Kuriositäten in der Natur. Das TAGEBLATT veröffentlicht die Artikel des promovierten Biologen in loser Reihenfolge. Die erfolgreiche TAGEBLATT-Serie „Phänomene der Natur“ rückt kurzweilig Wissenswertes aus der Natur in den Mittelpunkt. Der zweite, reich illustrierte Band von Wolfgang Kurtze ist für 19,90 Euro im Buchhandel erhältlich. Herausgeber ist die Lions Stiftung Stade zur Förderung des Natur- und Umweltschutzes.
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