T29 Tonnen am Haken: In Krummendeich entsteht ein begehrtes Forschungsobjekt
Aufbau der neuen Anlage Opus 3 im DLR-Forschungswindpark Krummendeich. Foto: Sina Schuldt/dpa
Endlich: Vier Jahre Arbeit stecken in Turm, Gondel und Rotorblättern, die in Krummendeich zur Forschungsanlage Opus 3 zusammengebaut werden. Der Projektleiter ist angespannt.
Krummendeich. Der Blick geht nach oben. An der Spitze des Turms sind vier Arme und zwei Köpfe mit Sicherheitshelmen zu sehen. Die Spezialisten des Montage-Teams warten am Dienstagmorgen auf ihren Einsatz. Der beginnt in wenigen Minuten. Im Forschungswindpark des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Krummendeich wird Anlage Nummer 3 aufgebaut. Sie ist mit ihren 50 Metern Turmhöhe im Vergleich zu anderen Windkraftanlagen bemerkenswert klein. „Das hat seinen Grund“, sagt Lukas Firmhofer.
Zwei Mitarbeiter des Montage-Teams warten darauf, die Gondel mit 72 etwa dreieinhalb Zentimeter dicken Stahlbolzen auf dem Turm zu verschrauben. Foto: Klempow
Er ist Ingenieur beim DLR und Projektleiter. Obwohl auf der Baustelle Profis in der Montage-Crew am Werk sind, ist er doch angespannt. Vier Jahre Arbeit stecken in Turm und Gondel. „Opus 3“ steht auf der Gondel, wie das Maschinenhäuschen genannt wird.
Gondel schwebt am Haken des 1200-Tonnen-Krans
Die 29 Tonnen schwere Gondel hängt schon am Kran-Haken. Die ist vom DLR-Standort Augsburg angeliefert worden. Kranführer Wojzech Grabowski hebt die Gondel sachte an. Ein Klacks für den 1200-Tonnen-Kran.

Die Gondel wird an der modularen Windkraftanlage OPUS 3 montiert. Foto: Sina Schuldt/dpa
Ein zweiter Kran ist direkt daneben aufgebaut. Schon in der Vorwoche haben die Krane zusammen die zwei Segmente des 80 Tonnen schweren Turms in die Höhe und übereinander gehievt. Dann kam der Wind übers Wochenende - erst an diesem Morgen geht es deshalb mit dem Aufbau weiter.

Kranführer Wojzech Grabowski ist Routinier. Foto: Klempow
Die DLR-Crew schaut den Montage-Profis gespannt zu. Kranführer Grabowski ist Routinier. Am Heck der schwebenden Gondel führen zwei Seile rechts und links zum Boden. Das eine der 180 Meter langen Seile endet auf dem Acker – und in den Arbeitshandschuhen von Nuno Monteiro.
Aus der Atacama-Wüste nach Krummendeich
Über Funk ist er mit seinem Kollegen am zweiten Seil und mit dem Kranführer verbunden. Keiner lässt die Gondel aus den Augen. Mal muss der eine Lose geben, mal der andere das Seil lockerer lassen, damit die Gondel gerade empor schwebt und das Heck nicht ausbricht. Heute ist das kein Problem. „Without wind we can work“, sagt Nuno Monteiro. Der Portugiese hat mit seinen Kollegen weltweit Windkraftanlagen montiert. Gerade erst in der Atacama-Wüste in Chile.

Nuno Monteiro hält das Führungsseil am Boden in den Händen, das am Heck der Gondel befestigt ist. Er und sein Kollege sorgen dafür, dass die Gondel ohne zu rotieren nach oben schwebt. Foto: Klempow
„Opus 3“ ist somit in guten Händen. Trotzdem bleibt Lukas Firmhofer angespannt. Mit etwa sechs Millionen Euro hatte das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie das Projekt gefördert.
Während der Kran die Gondel auf den Turm setzt und aus der Höhe Schläge auf Metall und das Knarren eines Schlagschraubers ertönen, erzählt Firmhofer, was so besonders an Opus 3 ist.
„Werkbank“ der Forscher: Opus 3 ist zum Testen da
„Die Anlage ist so entwickelt und designt, dass sie für alle Forschungs- und Entwicklungsfragen der nächsten 20 Jahre gewappnet ist“, so der Projektleiter.

DLR-Ingenieur und Projektleiter Lukas Firmhofer auf der Baustelle in Krummendeich. So richtig entspannen wird er sich wohl erst, wenn jedes Anlagen-Teil fest verankert an seinem Platz ist. Foto: Klempow
Opus 3 ist quasi die „Werkbank“ der Windforscher, an der das DLR, seine Forschungspartner sowie die Industrie Entwicklungen testen können. „Einen neuen Regler aufspielen, neue Rotorblätter testen, eine neue Getriebe-Konfiguration - das können wir alles hier auf der Anlage machen“, sagt Firmhofer. Die Ergebnisse sind auf die hohen Anlagen übertragbar. „Die Physik dahinter ist immer die gleiche“, sagt Ingenieur Firmhofer.
Auf der Suche nach leisen Blattspitzen
Ein Beispiel: Das DLR kann die Anlage auch mit hoher Drehzahl fahren. Damit entsteht trotz des kleineren Durchmessers an der Blattspitze der Rotoren die gleiche Geschwindigkeit wie an den großen Anlagen. Das ist relevant für die Aeroakustik. „Der ganze Lärm kommt eigentlich nur von der Blattspitze“, so Firmhofer. Und das DLR will Methoden entwickeln, um den Lärm zu reduzieren.
T Kraft von einer Tonne: Forscher testen Rotorblätter in Krummendeich
Messinstrumente anzubringen ist an der kleineren Opus 3 sehr viel günstiger, einfacher und barrierefreier. Hinzu kommen die Windmess-Masten im DLR-Forschungswindpark Windenergie (WiValdi). „Damit können wir hochgenau das Windfeld vermessen und wissen immer, wie sich Turbulenzen auf die Anlage auswirken“, sagt Firmhofer. Das DLR arbeitet an einem neuen Rotorblatt-Satz.
Plötzlich gibt es auf dem Turm ein Problem
Auf dem Boden, seitlich gepolstert mit Quaderballen aus Stroh und fest verzurrt, liegt erstmal ein Standard-Rotorblatt-Satz. Pro Blatt rechnet das Aufbau-Team mit zwei Stunden, um es an die Nabe zu montieren. Das wird am Dienstag nichts mehr. Auch, weil es plötzlich oben doch noch hakt.

Die drei Standard-Rotorblätter sind für die „kleine“ Opus 3-Anlage nur 25 Meter lang und liegen noch fest verzurrt am Boden. Foto: Klempow
Die Crew im Turm meldet ein Problem. Bolzen haben sich beim Aufsetzen des Zahnkranzes verkantet, gebraucht wird ein Führungsdorn. Den gibt es nicht von der Stange - die Opus 3 ist eben kein Bausatz, sondern ein Prototyp.

Der Kran hat die Gondel am Haken und auf den Turm aufgesetzt. Foto: Klempow
Auch Lukas Firmhofer sucht einen passenden Stahl-Stift. Die Tücke liegt im Detail. Das Montage-Team greift am Boden zur Flex - jetzt muss gekonnt improvisiert werden. „Das wird“, sagt Firmhofer. Damit hat er recht.
Am Mittwochabend steht Opus 3 samt montiertem Rotorstern fertig aufrecht. „Jetzt bin ich entspannter“, sagt Firmhofer. „Das war ein Meilenstein, aber es bleibt noch viel Arbeit.“
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Anfang 2027 soll die „Werkbank“ offiziell in den Forschungsbetrieb gehen. Dabei hat Opus 3 schon losgelegt: Die ersten Messdaten hat der Turm ohne Gondel geliefert - die DLR-Forscher werten sie aus und wissen damit mehr über das Schwingungsverhalten der Turmstruktur - solange das Gewicht der Gondel fehlt. Das ist wissenswert für die Montage auch großer Anlagen - nicht nur in Krummendeich, sondern weltweit.

Die Gondel der Einzelanfertigung Opus 3 ist aus Augsburg in Krummendeich angeliefert worden. Foto: Klempow

Aufbau der neuen Anlage Opus 3 im DLR-Forschungswindpark Krummendeich: Immer wieder geht der Blick in die Höhe.

An die Nabe werden später die Rotorblätter montiert. Foto: Klempow

Aufbau der neuen Anlage Opus 3 im DLR-Forschungswindpark Krummendeich. Foto: Klempow
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