T75 Jahre Natusch: Was Stader am Traditionsrestaurant schätzen
Das beliebte Buffet bei Natusch lädt zum Ausprobieren ein. Es gibt viel Fisch und Meeresfrüchte, aber auch Fleisch. Foto: Masorat
Das Fischereihafen-Restaurant Natusch genießt großes Ansehen. Seit 75 Jahren ist es in Händen der Familie. Wie es dazu kam - und was Stammgäste am Restaurant schätzen.
Bremerhaven. Über allem thront der Lachs. Anika Sengstock und ihrer Familie ist anzusehen, dass sie sich auf einen netten Abend in gemütlicher maritimer Atmosphäre freuen. Mit ihrem Mann und den Eltern hat sie sich zum skandinavischen Buffet im Fischereihafen-Restaurant Natusch angemeldet. Das feiert gerade sein 75-jähriges Bestehen und ist aus der Gastronomieszene in Bremerhaven nicht wegzudenken.
Ein Wochenende in Bremerhaven
„Wir kommen aus Stade und sind gerne hier bei Natusch“, erzählt Anika Sengstock, „wir sind alle Fischleute.“ Sie gönnen sich in Bremerhaven eine Hotelübernachtung, gehen spazieren, klönen und essen bei Natusch. Am nächsten Tag geht‘s nach Hause. Anika Sengstock: „Das ist unser kleiner Luxus im Alltag.“
Jeden ersten Montag und ersten Freitag im Monat bietet Tanja Natusch mit ihrem Team das Buffet an. Es sei regelmäßig ausgebucht, erzählt sie. Ihr Vater Lutz P. Natusch (83), der das Bremerhavener Fischrestaurant mit seiner gehobenen Gastronomie groß gemacht hat, hat „Smörgåsbord“ vor 50 Jahren eingeführt. „Wir haben uns bei einem Besuch in Kopenhagen dazu inspirieren lassen“, erzählt der Senior.
Stammgäste wissen zu schätzen, dass das Buffet immer etwas anders ausfällt. Küchenchef Thomas Wiese und sein Team kochen gerne saisonal: ob mit Spargel im Frühling oder Kürbis und Pilzen jetzt im Herbst, ob mit Stint, Matjes oder Krabben. Zwei Köche begleiten das Buffet, zudem kümmert sich das Servicepersonal charmant um die Gäste. Tanja Natusch lässt bewusst kleine Schüsseln aufdecken. „Es wird immer nachgefüllt und neu angerichtet“, erklärt sie. Kein Gast soll das Gefühl haben, sich beeilen zu müssen, das Buffet soll stets appetitlich aussehen – nicht zerpflückt.
Familie Natusch kam aus der DDR ins Seemannsheim
Gibt es einen Renner? „Austern müssen immer dabei sein“, sagen Lutz P. Natusch und seine Tochter unisono. Beim Buffet haben die Gäste die Gelegenheit, vieles zu probieren, was sie sich so nicht trauen würden zu bestellen. Austern sind ein gutes Beispiel. Doch auf dem langen Tisch werden nicht nur „Schätze des Meeres“ aufgebaut. Auch wer keinen Fisch mag, wird fündig. Es gibt auch Fleischgerichte oder Vegetarisches.
1949 gaben Margrit und Heinz Natusch ihr Hotel in Görlitz auf und zogen nach Bremerhaven, die Heimat von Margrit Natusch. Eine Zukunft sahen die beiden nicht für sich in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Im Seemannsheim im Fischereihafen eröffneten sie 1950 eine Gaststätte. Auf der Karte standen eher deftige Gerichte.
Nachbarkreise
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Als die Bundesbahn das alte Reichsbahn-Betriebsgebäude samt Bunker gegenüber an der Straße loswerden wollte, griff Heinz Natusch zu. Seinem Sohn war klar, dass er irgendwann das Restaurant übernehmen würde und bereitete sich beruflich als Koch und Restaurantfachmann darauf vor. 1981 kam er zurück nach Bremerhaven. „Fisch mochte ich immer schon gerne“, sagt Lutz P. Natusch.
Natusch erarbeitet sich einen guten Ruf
1983 übernahm er mit seiner Frau Monika das Restaurant und entwickelte es weiter. Es hat sich mit seiner gehobenen Gastronomie über die Grenzen Bremerhavens hinaus einen Namen gemacht und wurde mehrfach ausgezeichnet. Familie Natusch könnte Bücher schreiben über 75 Jahre Restaurantgeschichte. Im Gästebuch sind viele prominente Namen zu finden. Auch die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel hat dort bereits gegessen.
An ein Bahngebäude erinnert den Gast nichts mehr. Das Restaurant strotzt vor maritimer Atmosphäre. Draußen zum Sonnendeck ragt sogar ein Kutter aus der Wand. Zu den Besonderheiten gehört ein Kapitänszimmer (bis 23 Personen) in der edlen Kajüte der „Zaca“-Yacht, die einst Hollywood-Pirat Errol Flynn segelte.
Sie seien die einzigen Gastronomen gewesen, die bei der Fischauktion einkaufen durften. Die Fischauktion gibt es nicht mehr, aber die guten Kontakte zu den Fischhändlern sind geblieben. Die Händler rufen bis heute an, wenn sie etwas Besonderes im Angebot haben. Frischer Fisch, gute Zutaten, besondere Rezepte - damit machte Lutz P. Natusch das Restaurant über die Grenzen Bremerhavens bekannt.
Heute wird das Restaurant in der dritten Generation geführt. Tochter Tanja Natusch (54) übernahm es 2017 zusammen mit ihrem Mann Kenneth Natusch-van Kesteren. „Ich bin gelernte Hotelfachfrau. Das war eigentlich meine Welt“, sagt sie. Ihr Mann war gelernter Koch, Konditor und Restaurantfachmann mit internationaler Hotel-Erfahrung.
Seit 2002 war er bereits Restaurantleiter im Natusch. Sein zu früher Tod 2022 war eine schwere Zeit. Ob ihr Sohn als vierte Generation eines Tages in den Betrieb einsteigen will, steht noch nicht fest.
Treue Gäste im Fischereihafen
Etwa 35 Prozent der Stammgäste sind aus Bremerhaven, berichten Tanja Natusch und ihr Vater. Beim Buffet sind es etwas mehr. Die anderen Gäste kommen aus einem Umkreis von 150 Kilometern. Anika Sengstock. „Etwas Vergleichbares gibt es bei uns nicht.“