T95.000 Euro vom Landkreis Stade: Wie die Jäger die Nutrias töten wollen
Ein massives Problem im Landkreis Stade: Nutrias stehen seit 2016 auf der EU-Liste der invasiven Arten, die Jagd ist damit rechtlich ausdrücklich erwünscht. Foto: Boris Roessler/dpa
Nutrias erobern unaufhaltsam Lebensraum. Ein Beispiel in Kutenholz zeigt die Gefahren für Mensch und Natur und warum die Kreisjägerschaft die Invasion stoppen will.
Kutenholz. Jens Hariefeld, Vorsitzender der Jägerschaft des Landkreises Stade, und weitere Jäger sowie Landrat Kai Seefried und Gemeindebürgermeisterin Sandra Lemmermann stehen auf einer Wiese in Kutenholz, da wo der Baaster Bach fließt. Sie schauen auf eine Bahnbrücke, weil die RB33 gerade vorbeifährt.
Die Gruppe hat sich hier versammelt, um über die Nutria-Invasion zu sprechen. Die könnte zum Problem für die Bahnbrücke über dem Gewässer werden.
Inwiefern Nutrias auch den regionalen Bahnbetrieb gefährden
Die Sumpfbiber schädigen durch ihre Grabungen nicht nur die Deiche im Alten Land oder Kehdingen, sondern auch die Natur an Binnengewässern wie auf der Geest. „Solche Standorte sind prädestiniert zum Leben für die Nutrias“, sagt Hariefeld.
Die Biberratten erobern besonders in Gewässernähe Lebensraum und besiedeln Uferböschungen. Graben sich Nutrias immer weiter durch, könnten die Tiere in unabsehbarer Zeit die Brücke mit den Schienen darauf destabilisieren und mittel- oder langfristig einsturzgefährdet machen.
T Nutria im Visier: Jäger fahnden im Alten Land nach der Biberratte
Dieser Standort sei beispielhaft, so Hariefeld. Die Stabilitätsgefahr gelte nicht nur für den Bahnverkehr, sondern auch für die Landwirtschaft. Die Nutrias schaufeln sich ihre Höhlensysteme und dringen in Erdbereiche der Nutzflächen vor, die der Landwirt bewirtschaftet. Dadurch könne die Wiese absacken, erklärt Hariefeld.

Über diese Bahnbrücke fährt der RB 33 - noch sicher. Sollten die Nutrias aber weiterhin unaufhaltsam Uferböschungen untergraben, wird der Eisenbahndamm instabil. Foto: T. Meyer
Und wenn der Landwirt auf seinem Traktor an der Bachgabelung der Wiese wendet, droht Einsturzgefahr - Lebensgefahr, etwa, wenn Traktor und Landwirt in den Bach kippen. „Wir können froh sein, dass es noch keinen Personenschaden gegeben hat“, sagt Hariefeld.

An einer Uferwand haben sich Nutrias schon ein Loch und einen Tunnel gegraben. Foto: T. Meyer
Die Grabungsaktivitäten zerstören auch die Biodiversität, unter anderem, weil Nutrias heimische Tierarten aus ihrem natürlichen Lebensraum verdrängen.
200 Nutria-Fallen: Wo sie im Kreis Stade aufgestellt werden
Um solchen Gefahren zuvorzukommen und die Nutria-Invasion für die Deichsicherheit und den Hochwasserschutz einzudämmen, hilft der Landkreis Stade finanziell. Mit 95.000 Euro unterstützt er die Kreisjägerschaft. Das Geld wurde in 200 Lebendfallen investiert, die auf die Jägerschaften, sogenannte Hegeringe, im Kreis aufgeteilt wurden.

Kai Seefried (5.v.r.) übergibt die 200 Lebendfallen im Garten von Jens Hariefeld (2.v.r.) an die Kreisjägerschaft. Drohnen wie in den Niederlanden kommen hier bei der Nutria-Jagd noch nicht zum Einsatz. Foto: T. Meyer
Die meisten Lebendfallen bekommt der Hegering Kehdingen Nord, alle 56 Fallen stehen demnächst im Unterhaltungsverband Untere Oste. Danach folgen die Hegeringe Buxtehude mit 21 Fallen, Altes Land, Kehdingen Süd und Oldendorf mit jeweils 20. Hollenbeck und Stade bekommen 15 Exemplare und Horneburg, Kutenholz und Ohrensen jeweils zehn. Drei Fallen werden in Wiegersen aufgegestellt.
So funktionieren die Nutria-Fallen
In den Nutria-Fallen mit Wippfunktion sollen Köder wie Äpfel die Flexitarier, die keinen natürlichen Feind haben, in das Kipprohr locken. Betritt die Biberratte das Rohr und die Wippe im Inneren, bringt sie die Falle selbst zum Kippen, löst automatisch eine Falltür aus und schließt sich selbst ein.

Mit einer solchen Lebendfalle jagt die Kreisjägerschaft Nutrias im Landkreis Stade. Die Tiere werden geködert, lebend gefangen und erst nach Signal beim Jäger von ihm erschossen. Foto: T. Meyer
Außen am Rohr meldet ein elektronischer Fallenmelder per App ein Signal beim jeweils für das Gebiet zuständigen Jäger: Die Falle hat erfolgreich zugeschnappt und die Nutria lebt.

Der Sender an der Nutria-Falle übermittelt dem jeweiligen für das Gebiet zuständigen Jäger ein Signal, wenn die Falle zugeschnappt hat. Foto: T. Meyer
In der Falle gibt es keine Teile, an denen sich die Nutria verletzen kann. Nach dem Signal kommt der Jäger so schnell wie möglich zur Falle und erlegt das Tier mit dem Gewehr.

Die Nutria-Falle von hinten. Jens Hariefeld appelliert an die Allgemeinheit, die Lebendfallen nicht zu beschädigen, ansonsten drohten Geldstrafen. Foto: T. Meyer
So viele Nutrias wurden im Landkreis getötet
Nutrias vermehren sich schnell, die Weibchen werfen bis zu zwölf Junge im Jahr. 131.157 Nutrias wurden laut Zahlen des Deutschen Jagdverbands 2024/25 in Deutschland erlegt - ein Rekord. In Niedersachsen wurde die Population um 43.748 Nutrias dezimiert.
Im Kreis Stade erlegten die Jäger 2025 2494 Nutrias, 2024 waren es noch 1007 weniger.

Am Rande des Baaster Bachs haben sich Nutrias Wege und ein unterirdisches Höhlensystem geschaufelt. Foto: T. Meyer
Jäger hoffen bei der Nutria-Jagd auf Hilfe
Landrat Kai Seefried hofft, dass andere Landkreise Stade bei der Nutria-Jagd folgen. „Vielleicht können wir da eine Vorreiterrolle im Elbe-Weser-Bereich einnehmen“, sagt Seefried. Abseits von Fang- und Bejagungsprämien sind Stade und der Landkreis Emsland die einzigen, die Jäger für Nutria-Fallen fianziell unterstützen.
Das Ziel der Kreisjägerschaft ist es, „vor die Lage zu kommen“, bevor sich die Nutrias weiter ausbreiten, sagt Hariefeld. „Der Erfolg bei der Jagd könnte besser sein, wenn Landwirte mit Frühwarnung reagieren“, sagt Peter Silber, Hegeringleiter Altes Land. Je mehr Landwirte mithelfen und je frühzeitiger sie Nutrias und ihre Schäden melden, desto erfolgreicher könnten die Nager bejagt werden, so Silber.

Die Nutria-Fallen werden unter den Hegeringen aufgeteilt. Nach 2019 bezuschusst der Landkreis die Jägerschaft erneut bei der Beschaffung der 200 Fallen, damals mit 20.000 Euro, heute mit 95.000 Euro. Foto: T. Meyer
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