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TAfghanische Ortskraft: In Buxtehude hat Tochter Bibi eine Zukunft

Die neunjährige Bibi Adel und ihr Vater, Mansor Jawad Adel.

Die neunjährige Bibi Adel und ihr Vater, Mansor Jawad Adel. Foto: Richter

Nach dem Rückzug aus Afghanistan nahm Deutschland ehemalige Ortskräfte anfangs auf. Mansor Jawad Adel gehörte zu diesen und ist sehr froh darüber. Besonders wegen seiner Tochter.

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Von Anping Richter
Samstag, 03.01.2026, 15:50 Uhr

Buxtehude. Bibi Adel ist eine ausdrucksvolle Sprecherin. Bei der Weihnachtsaufführung ihrer Grundschule in der Harburger Straße durfte sie die Moderation übernehmen. Gerade hat ihr Papa sie dort abgeholt, erzählt sie. Und dass sie Profifußballerin werden will. Sie kickt für ihr Leben gern und ist Co-Trainerin bei den Bambinis: „Die sind so süß! Die umarmen mich die ganze Zeit.“

Am Hindukusch die Demokratie verteidigt

Dass Bibi erst seit drei Jahren in Deutschland lebt, ist ihr nicht anzuhören. Mit ihren Eltern und zwei Brüdern kam sie nach Deutschland, weil ihr Vater, Mansor Jawad Adel, Ortskraft in Afghanistan war. Den 20-jährigen Bundeswehreinsatz ab 2002 hat der 1986 Geborene miterlebt. „Deutschlands Demokratie wird am Hindukusch verteidigt“, erklärte Verteidigungsminister Peter Struck. Dazu gehörte der Aufbau einer funktionierenden Zivilgesellschaft. Mansor Adel hat daran viele Jahre mitgearbeitet.

Sein Deutsch ist nach drei Jahren fließend - außer, wenn er sich unterbricht, um zu fragen: Sollte ich hier lieber den Dativ oder den Akkusativ benutzen? Der studierte Bauingenieur war mehrere Jahre für die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) im Bau von Schulen und Straßen tätig, später bei den Vereinten Nationen (UN), wo er Infrastrukturprojekte koordinierte. Zuletzt arbeitete er für die UN in Herat.

Dann kamen die Taliban. Nach dem Abzug der NATO-Truppen übernahmen sie das Land binnen weniger Wochen. Der größte Bundeswehr-Auslandseinsatz der Geschichte mit 93.000 Soldatinnen und Soldaten endete im August 2021. Viele haben die Szenen am Flughafen in Kabul noch vor Augen: Tausende Menschen versuchten, an Bord von Evakuierungsflugzeugen zu gelangen und klammerten sich an Flügel und Fahrgestell der startenden Flieger.

Zuerst flüchtete Familie Adel in den Iran

Mansor Adel und seine Familie wurden nicht aus Herat evakuiert. Für sie begann eine schwere Zeit: Adels Frau ist Lehrerin und durfte ihren Beruf nicht mehr ausüben. „Für wen ich gearbeitet hatte, war bekannt. Wir mussten unseren Aufenthaltsort immer wieder wechseln“, berichtet er.

Schließlich gelang es ihnen, auf eigene Faust und eigene Kosten in den Iran auszureisen. In der deutschen Botschaft in Teheran beantragte Mansor Adel ein Einreisevisum. Einen Monat später durften sie nach Deutschland fliegen.

Schwierige Ankunft in Deutschland

„Ich wäre gerne in meiner Heimat geblieben. Ich war aber auch neugierig“, erinnert sich Bibi. Der Vater tröstete die Kinder: In Deutschland würden sie wunderschöne Fußballplätze kennenlernen.

Heute spielen tatsächlich alle drei Fußball, Bibi und der 11-jährige Ismail beim SV Ottensen, der 13-jährige Ibrahim bei der JSG Hedendorf. Mansor Adel war früher Profi-Volleyballspieler und ist jetzt BSV-Mitglied. Er pfeift auch als Fußball-Schiri.

Trotzdem war und ist das Ankommen in Deutschland für Familie Adel nicht leicht. Eineinhalb Jahre bekamen sie keinen Platz im Deutschkurs. Mansor Adel lernte viel im Internet, vor allem mit Youtube-Videos. Inzwischen hat er mehrere Kurse und eine zweiwöchige Ausbildung zum Sprachmittler bei der Awo hinter sich. Als Sprachmittler ist er inzwischen gefragt und in Hamburg und Niedersachsen oft im Einsatz. Sein Wunsch für die Zukunft ist es, wieder als Bauingenieur zu arbeiten. Seine Zeugnisse wurden in Deutschland anerkannt.

Das Schicksal der zurückgelassenen Ortskräfte

Adels Frau absolviert gerade den B2-Deutschkurs und will sich zur Erzieherin umschulen lassen. „Wir wollen Neues lernen, unserem Leben einen Sinn geben und unsere Kinder erziehen“, sagt Mansor Adel. Er ist froh, diese Möglichkeit zu haben - und traurig, dass viele ehemalige Kollegen, die wie er als Ortskräfte arbeiteten, sie nicht bekommen.

Das Klima in Deutschland habe sich verändert, sagt Adel: „Es gab schlimme Vorfälle, Anschläge durch Afghanen. So etwas hat seine Wirkung.“ Doch für einige Freunde, die früher Ortskräfte waren und nun im Iran, in der Türkei oder in Pakistan ausharren, sei die Situation bedrohlich.

Sie gehören zu den mehr als 1500 Ortskräften, die eine feste Aufnahmezusage hatten, für die der direkte Weg nach Deutschland aber faktisch blockiert ist. Die Aufnahmeverfahren wurden gestoppt. „Sie haben alles verkauft oder zurückgelassen. Dort gibt es aber keine Arbeit, also kein Geld.“ In Pakistan sei Korruption verbreitet: „Manche werden nur festgenommen, damit sie sich freikaufen.“ Und es gebe Zwangsabschiebungen nach Afghanistan.

Adel: Ortskräfte und Co. nicht im Stich lassen

Die Ortskräfte und andere Menschen, die sich für Freiheit und Demokratie eingesetzt haben - wie etwa Journalisten - sollten nicht im Stich gelassen werden, findet Adel. Das sei auch in Deutschlands Interesse: „Wenn die Regierung ihre Versprechen nicht hält, ist das nicht gut für Deutschlands internationalen Ruf.“ Und auch andere Menschen in Afghanistan sollten nicht vergessen werden.

Von direkten Hilfszahlungen an die Taliban hält Mansor Adel nichts. „Aber man muss differenzieren: In Afghanistan gibt es etwas über 100.000 Taliban, aber 35 Millionen Menschen.“ Diesen fehle es an Essen, Zugang zu sauberem Wasser und Bildung. Mädchen dürfen dort nur noch sechs Jahre zur Schule gehen. Von einem Leben, wie seine Tochter Bibi es in Buxtehude hat, können sie nur noch träumen.

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