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Ortskräfte

TEin Neubeginn fern der Taliban – in Stade

Daniel Lang (links) von der Abteilung Soziale Hilfen und Integration hat Mohammed Essa Adeeb in Deutschland beim Start in ein neues Leben geholfen. Foto: Richter

Daniel Lang (links) von der Abteilung Soziale Hilfen und Integration hat Mohammed Essa Adeeb in Deutschland beim Start in ein neues Leben geholfen. Foto: Richter

Mohammed Essa Adeeb ist erst 29 Jahre alt. Aber seine Geschichte könnte mehrere Leben füllen. Ein neues Leben hat er jetzt in Stade begonnen – nach der Flucht aus Afghanistan, wo er für die Bundeswehr als Übersetzer arbeitete und von den Taliban gejagt wurde.

Von Anping Richter Montag, 29.11.2021, 10:00 Uhr

Dieses Wort benutzt Mohammed Essa Adeeb in seinem Bericht immer wieder. Familie – das sind natürlich seine Frau und seine zweieinhalbjährige Tochter, die jetzt mit ihm in Stade leben. Zur Familie zählt für ihn inzwischen aber auch Daniel Lang. „Er ist für mich wie ein Vater oder ein großer Bruder“, sagt er über den Mitarbeiter der Stadt Stade.

Telefonisch waren die beiden schon in Kontakt, als Adeeb noch in Afghanistan war. Daniel Lang und seine Kollegen von der Abteilung Soziale Hilfen und Integration hatten Anfang des Jahres eine Anfrage der Landesaufnahmebehörde zur Aufnahme von Ortskräften aus Afghanistan bekommen. „Das war für uns selbstverständlich“, sagt Daniel Lang. Im Frühjahr bekam er eine Mail aus Afghanistan, die auch eine Handynummer enthielt und hatte Mohammad Essa Adeeb direkt am Hörer. Die 6000 Kilometer von Stade nach Baglan in Nordafghanistan zu überbrücken, war kein Problem: Lang spricht fließend englisch, Adeeb arbeitet mit dieser Sprache seit vielen Jahren als Übersetzer. „Ich war sehr aufgeregt. Es war toll, zu hören, dass da jemand war, der uns vom Flughafen abholen und sich um uns kümmern würde“, erinnert er sich.

Englisch gut genug für den Job

Beim TAGEBLATT-Gespräch sind beide dabei. Adeeb berichtet, dass er 2008 beschloss, sich bei der ISAF (Internationale Sicherheitsunterstützungstruppe unter Nato-Führung) in Baglan, seiner Heimatprovinz im Norden Afghanistans, zu bewerben. Seinem Vater hatte die Bildung der Kinder am Herzen gelegen, seine Brüder gaben Privatunterricht in Mathematik, Informatik und Englisch, einer von ihnen arbeitete vor Ort bereits für eine französische Organisation.

Der 17-jährige Adeeb konnte genug Englisch, um den Job zu bekommen. Zunächst wurde er einen Monat vor Ort als Übersetzer geschult. Damals begann die ISAF, afghanische Sicherheitskräfte auszubilden; Adeeb wurde für diesen Bereich ausgesucht und nach Kabul geschickt, wo er noch einmal sechs Monate von internationalen Ausbildern geschult wurde. Er, der noch nie von zu Hause weg gewesen war, wurde einer Einheit aus Ohio zugeteilt und wohnte mit den amerikanischen Soldaten im Camp.

2009 war die Ausbildung beendet. Für den inzwischen 18-Jährigen wurde es ernst: Er bekam eine Uniform mit ISAF-Abzeichen und seine erste Waffe, eine Beretta. Mitten in der Nacht brach seine Einheit in den Norden auf. „Ich wusste aber genau, worauf ich mich einlasse“, sagt er; in der Ausbildung sei ihnen das immer wieder eingeschärft worden. „Als Übersetzer hatten wir große Verantwortung. Missverständnisse können fatal sein“, erklärt Adeeb. Er lernte, dass Witze, wie er sie von den Amerikanern gewöhnt war, bei Deutschen statt Gelächter nervöse Griffe an die Waffe auslösen konnten. Er wird nie vergessen, wie bei einem nächtlichen Kampfeinsatz Mission eine afghanische Kraft versehentlich getötet und er beschuldigt wurde, den Fehlschuss durch eine falsche Übersetzung verursacht zu haben – was nicht stimmte, wie er letzten Endes glücklicherweise aufklären konnte.

Bei der Bundeswehr unter Vertrag

Adeeb arbeitete von 2009 bis 2013 für die ISAF. Danach endete der Kampfeinsatz namens Operation Enduring Freedom. Fortan sollte es nur noch um Ausbildung, Beratung und Unterstützung der afghanischen Sicherheitskräfte gehen. Adeeb wurde zum großen Stützpunkt Camp Marmal in Masar-e-Sharif am Fuße des Hindukusch versetzt. Als Übersetzer war er für Soldaten verschiedener Nationen zuständig. Inzwischen wurde er immer öfter höchsten Rängen als Unterstützung zugewiesen – bis hin zu Stabschef Harald Gante und seinem Stellvertreter im deutschen Hauptquartier. Die Deutschen fragten ihn 2016, ob er an seinem bisherigen Vertrag hing oder ob er bereit wäre, fest für sie zu arbeiten. Er wollte und war seither bei der Bundeswehr unter Vertrag.

„Es war mir eine Ehre, mit den Deutschen zu arbeiten“, sagt Adeeb. Er habe erlebt, was sie taten, um einen positiven Wandel zu bewirken: Sie bauten ein großes, modernes Krankenhaus, eine Universität, ein Trainingszentrum für das Militär, Straßen, Brücken, Schulen. „Sie haben immer gesagt, dass sie wenigstens eine Generation lang bleiben wollten, um sicherzustellen, dass Bildung, Demokratie und Frauenrechte wirklich etabliert werden können.“ Es wurden tatsächlich 20 Jahre. Aber spätestens, als Donald Trump Anfang 2020 nach seinem Abkommen mit den Taliban ankündigte, aus Afghanistan abzuziehen, war Adeeb klar, dass die Sache schief gehen würde.

Konkrete Bedrohung

Adeebs Aufgaben in Camp Marmal gingen über das reine Übersetzen hinaus. Er arbeitete auch für den Nachrichtendienst, um ein weit verzweigtes Netz vertrauenswürdiger Informanten aufzubauen, denn die Mitarbeiter der Bundeswehr, die in der Region tätig waren, mussten geschützt werden. Sein Vater, der eine Tankstelle mit Laden betrieb, sei einer seiner wichtigsten Unterstützer gewesen. Durch Adeeb wurde ein Taliban-Freund enttarnt, der sich in die Afghanischen Sicherheitskräfte eingeschleust hatte. Fortan lebte er in großer Gefahr, denn er war bekannt, und seine ganze Familie galt als ISAF-Familie. Der MAD (Militärische Abschirmdienst) schickte ihn zur Sicherheit nicht mehr auf Außeneinsätze und ließ ihn nur noch im Camp arbeiten. Trotzdem wurde ein Anschlag auf das Haus seiner Familie verübt, den sein Vater nur durch Zufall überlebte. Adeeb glaubt, dass der Anschlag eigentlich ihm selbst galt. Stattdessen kam ein Handwerker, der gerade Reparaturen im Haus ausführte, ums Leben.

Die Bundeswehr bescheinigte Adeeb eine konkrete Bedrohung, damit er das Land verlassen konnte. Seine Eltern hatten inzwischen alles zurückgelassen und waren nach Kabul gegangen, wo sie sicherer waren, aber unter prekären Bedingungen lebten. Adeeb fiel der Abschied schwer, aber er reiste. Mit seiner Frau und seiner Tochter landete er am Sonntag, 30. Mai, in Hamburg, wo Daniel Lang und ein Stader Kollege sie am Flughafen erwarteten. Sie fuhren sie direkt nach Stade – in die Wohnung, die seither ihr neues Zuhause ist.

Eines Tages will er zurück 

Einem guten Freund, einem ungarischen Offizier, ist es gelungen, Adeebs Eltern am 24. August unter abenteuerlichen Umständen in letzter Minute aus Kabul zu evakuieren. Inzwischen sind sie in einem Flüchtlingslager in München angekommen und kümmern sich um ihr Aufnahmeverfahren.

Adeebs Aufenthaltsstatus war dank der Bundeswehr von Anfang an sicher, ebenso der seiner Frau und seiner Tochter. „Wir haben alles verloren und müssen jetzt bei Null anfangen“, sagt Adeeb. Aber die viele Jahre Arbeit in internationaler Umgebung habe geholfen, ihm das Gefühl zu geben, dass Stade sich für ihn nicht wirklich fremd anfühlt. Jeden Tag geht er in die VHS und lernt deutsch. Wenn seine Frau, die eine höhere Schulbildung genossen hat, einen Vormittagssprachkurs gefunden hat, wollen sie sich mit der Betreuung der Tochter abwechseln, damit sie auch loslegen kann, und die Kleine ist schon im Kindergarten angemeldet. 

Adeeb träumt davon, eines Tages zurück nach Afghanistan zu gehen und seinen Freunden aus Deutschland zu zeigen, wie wunderschön die Natur dort ist und wie freundlich die Menschen. Aber er hat nicht viel Hoffnung, dass es in den nächsten Jahren dazu kommen könnte. Seine kleine Familie will sich nun in Deutschland eine Zukunft aufbauen. Er kann sich vorstellen, als Mechaniker oder als Lehrer zu arbeiten. Oder als Sozialarbeiter: „So wie Daniel Lang, der wirklich Menschen hilft, die solche Erfahrungen hinter sich und solche Herausforderungen vor sich haben wie ich.“

Ortskräfte in Stade

Als das Gespräch geführt wurde, waren Mohammad Essa Adeeb, seine Frau und seine Tochter eine von insgesamt fünf Ortskräfte-Familien aus Afghanistan, die in Stade aufgenommen wurden. Am Dienstag sind 20 weitere dazu gekommen. Inzwischen sind es insgesamt 52 Personen, die teilweise in Wohnungen und teilweise in Gemeinschaftsunterkünften untergebracht wurden. „Und jeder einzelne dieser Menschen hat eine Geschichte zu erzählen“, sagt Daniel Lang. Adeeb sei oft als Übersetzer dabei.

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