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Journalistin Elaha Sahel

TIhr Kampf gegen die Taliban geht in Buxtehude weiter

Die Fotografin und Journalistin Elaha Sahel im Gespräch im Café Baham in Buxtehude Museum. Foto: Richter

Die Fotografin und Journalistin Elaha Sahel im Gespräch im Café Baham in Buxtehude Museum. Foto: Richter

Für die Buxtehuderin Elaha Sahel sind die Bilder von Familien, die aus der Ukraine fliehen, wie ein Blick in ihre eigene Vergangenheit. Sie hat in Afghanistan als Journalistin und Frauenrechtsaktivistin gearbeitet – bis die Taliban die Macht übernahmen.

Von Anping Richter Sonntag, 27.03.2022, 16:08 Uhr

Du hast immer zwei Handys. Eins in der Handtasche, das andere irgendwo am Körper versteckt, falls sie dir die Handtasche wegnehmen. Du ziehst nie die Schuhe aus, egal wo du bist. Du trägst immer Sneaker, damit du jederzeit rennen kannst.“ So beginnt Elaha Sahels Beschreibung der Arbeit einer Reporterin in Afghanistan. Fast 20 Jahre war sie das – bis die Rückkehr der Taliban sie zwang, ihr Land zu verlassen.

Wir haben uns zum Gespräch im Café Baham im Buxtehude-Museum verabredet. Elaha Sahel spricht Englisch und wirkt dabei sehr gradlinig und beherrscht. Um zu erklären, was für eine Katastrophe die Situation in ihrer Heimat gerade für Frauen ist, muss sie ausholen. Elaha Sahel legt Wert darauf, sich differenziert auszudrücken. Deswegen führen wir einen Großteil dieses Gesprächs auf Persisch – im Café Baham, dessen Betreiberin Hamta Kuhzarani für uns übersetzt.

Elaha Sahel flieht mit Mann und Kindern in den Iran

Schon die erste Begegnung der beiden berührt: Als die Frauen die ersten Worte in ihrer Muttersprache wechseln, scheint von Elaha Sahel eine Last abzufallen. Sie sprudelt los, lebhafte Mimik, ausladende Gestik, immer wieder muss sie an eine kurze Pause für die Übersetzung erinnert werden.

Sie erzählt, wie damals ein Parlamentsabgeordneter, den sie gut kannte, zu ihr kam und sie warnte: Die Taliban rückten vor, Dorf für Dorf. Sie sollte an sich und ihre Familie denken und Afghanistan so schnell wie möglich verlassen. „Ich habe eineinhalb Tage auf meinen Mann eingeredet, bis er eingewilligt hat“, sagt sie.

Ihrem Mann fiel es schwer, alles zurückzulassen. Das Haus, sein Geschäft, die Großfamilie, die Freunde. Sie kauften für sich, die achtjährige Tochter und den 12-jährigen Sohn vier Flugtickets in den Iran. Mit zwei Koffern, etwas Bargeld und einem Touristenvisum kamen sie im Juli 2021 nach Teheran. Eine Woche später überrannten die Taliban Herat, Elaha Sahels Heimatstadt.

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Dort wurde sie 1984 geboren. Als sie zehn war, übernahmen die Taliban die Macht. Elaha, deren Mutter von Beruf Lehrerin war, hatte immer gern gelesen und gelernt. Jetzt musste sie das heimlich tun – in einer sogenannten Kellerschule, denn die Taliban erlaubten Mädchen nur den Besuch der Grundschule. Mit 13 musste sie eine Burka tragen, die den Körper und das Gesicht verhüllte. „Mein Vater wäre sonst bestraft und geschlagen worden“, sagt sie. Elaha Sahel war 15, als auch sie selbst begann, kleine Mädchen in einer Kellerschule zu unterrichten. Ihr Vater und ihre Brüder sahen das nicht gern, denn eigentlich durften junge Frauen das Haus nicht ohne männliche Begleitung verlassen. Aber ihre Mutter kämpfte für sie.

2001 – Elaha Sahel war 18 Jahre alt – besetzten die Amerikaner Afghanistan, und Hamid Karzai wurde Führer der Interimsverwaltung. Von einem Tag auf den anderen strömten 3000 Mädchen in die Schulen von Herat: „Sie waren überall. Sie standen, sie saßen auf dem Boden, es gab keine Tische und Stühle für sie“.

Lernen wie im Rausch

Für Elaha Sahel begann ein großer Aufbruch. Bis dahin war ihre Ausbildung, die dem Abitur entsprach, inoffiziell gewesen. Jetzt konnte sie zur Universität. Sie lernte wie im Rausch. Innerhalb von zwei Jahren machte sie ihren Abschluss in persischer Literatur und begann nebenbei schon, journalistisch zu arbeiten. Sie absolvierte Journalismus-Lehrgänge, die von den alliierten Kräften organisiert wurden, unter anderem bei CNN und BBC.

Sahel wurde Rundfunkjournalistin für Lokalsender in Herat. Ihr Schwerpunktthema: Frauen und ihre Rechte. Sie begleitete Frauen, die erstmals wählen durften. Sie beschäftigte sich mit Kinderehen, Frauen in Gefängnissen, obdachlosen Frauen und Mädchen – und mit der nicht abnehmenden Zahl von Selbstverbrennungen und Selbstmorden.

„Irgendwann reichte es mir nicht mehr, die Geschichten dieser Frauen im Radio mit Worten zu erzählen. Dazu hätte ich schreien müssen, aber das durfte ich nicht“, sagt die Journalistin. Sie belegte Fotografie-Kurse und begann 2013, als Fotografin zu arbeiten. Mit ihren Fotos konnte sie schreien.

Elaha Sahel als „Journalistin des Jahres“ ausgezeichnet

Ihre Bilder erregten Aufsehen, gewannen Preise und wurden in Ausstellungen gezeigt, auch in Rom und in Teheran. 2020 wurde sie als „Journalistin des Jahres“ ausgezeichnet. Mit Brille, Corona-Maske und langem Schleier, mit dem sie die Kamera verdeckte, gelangen ihr immer wieder außergewöhnliche Aufnahmen. Aber ihr Leben wurde durch die Fotografie auch riskanter – nicht nur, weil sie auch Selbstmord-Attentate und Explosionen dokumentierte.

Es lag an ihrem Erfolg. „Ich wurde immer sichtbarer, ich wurde zur Zielscheibe“, sagt sie. Für sie und ihren Mann gehörte es zum Alltag, mehrmals täglich per Smartphone zu checken, wer gerade wohin unterwegs oder bereits gut angekommen war. Als die Amerikaner die sogenannten Friedensgespräche mit den Taliban begannen, ahnte sie, dass eine erneute Machtübernahme der Taliban möglich war. Sie ahnte aber nicht, wie schnell der Widerstand ohne die Amerikaner zusammenbrechen würde.

Afghanische Mädchen in der Schule: 2018, als die in Buxtehude lebende Fotografin Elaha Sahel das Bild aufgenommen hat, war das Alltag. Jetzt drehen die Taliban das Rad zurück. Foto: Sahel

Afghanische Mädchen in der Schule: 2018, als die in Buxtehude lebende Fotografin Elaha Sahel das Bild aufgenommen hat, war das Alltag. Jetzt drehen die Taliban das Rad zurück. Foto: Sahel

Im Iran angekommen, stellte die Familie fest, dass die Amerikaner alle Bankkonten in Afghanistan gesperrt hatten – auch ihres, und zwar bis heute. Das Geld, das sie bei sich hatten, ging zur Neige. Elaha Sahel versuchte, über die Deutsche Botschaft in Teheran einen Asylantrag in Deutschland zu stellen. Das wollten sehr viele.

Dank eines Kontakts zu der Organisation Reporter ohne Grenzen, die sich für sie einsetzte, gelang es ihr schließlich, ein Interview zu bekommen. Die Familie bekam ein Visum, ihr Asyl ist anerkannt. Auf der Homepage von Amnesty International wird Elaha Sahel als Beispiel dafür vorgestellt, wie viel Afghanistans Frauen in 20 Jahren erreicht haben – und was sie nun durch die Taliban wieder einzubüßen drohen.

Die erste Zeit in Buxtehude war schwer

„Als wir im November mit dem Taxi direkt vom Flughafen nach Buxtehude kamen, standen wir plötzlich mit einem Schlüssel in der Hand hier in einer Wohnung und wussten kaum, wo wir waren“, berichtet Elaha Sahel. Die ersten Wochen waren schwer. Niemand erklärte, wo der nächste Discounter ist oder wie das mit dem Geld vom Jobcenter funktioniert. Vieles fand sie per Google heraus – auch, wo ihre Kinder zur Schule gehen könnten. Der 12-jährige Sohn besucht heute ein Buxtehuder Gymnasium, die achtjährige Tochter die Grundschule.

Bei den Maltesern bekam sie eine erste Orientierung, und vor einer Woche haben Elaha Sahel und ihr Mann schließlich einen Integrationskurs an der VHS beginnen dürfen. Eltern von Mitschülern ihrer Kinder haben sie immer wieder in Fragen des Alltags unterstützt. Eine ehemalige Lehrerin, die sich bei der BI Menschenwürde engagiert, erteilt ihnen zu Hause Deutschunterricht.

Ukrainer wohnen nebenan

Vor ein paar Tagen ist nebenan eine Familie aus der Ukraine eingezogen. Elaha Sahel hat gleich Unterstützung angeboten. Die Bilder der zerbombten Städte und der flüchtenden Menschen gehen ihr nah. Es macht ihr auch zu schaffen, dass sie, die sich gerade noch in Deutschland in Sicherheit glaubte, sich nun Gedanken über die Gefahr eines Atomkriegs macht.

Noch mehr belastet sie, dass Europa die Lage in Afghanistan wegen des Krieges in der Ukraine völlig vergessen könnte. Fast täglich bekommt sie Anrufe und Nachrichten von Freunden, die sie bitten, ihnen zu helfen, aus Afghanistan herauszukommen. „Aber ich kann ihnen nicht helfen“, sagt Elaha Sahel. Sie hofft, zumindest als Journalistin wieder etwas dafür tun zu können, dass die Frauen in Afghanistan nicht vergessen werden. Sie will ihre Geschichten erzählen – in Worten und Bildern. Ihre Kamera hat sie aus Afghanistan mitgebracht. Sie will sie jetzt auch in Europa benutzen, um mit ihren Bildern zu schreien.

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