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Nachbarkreise

TAnitas Flucht vor den Taliban: „Hier fühle ich mich frei wie ein Vogel“

Freiheit in kleinen Momenten: Die Naeemis leben nun das, was in Afghanistan unmöglich war.

Freiheit in kleinen Momenten: Die Naeemis leben nun das, was in Afghanistan unmöglich war. Foto: Willing

Anita Naeemi und ihr Ehemann Abdul leben mittlerweile ein freies Leben in Zeven. Doch die Erinnerungen an verbotene Straßen und verlorene Kinder in Afghanistan bleiben.

Von Pia Willing Sonntag, 15.03.2026, 07:50 Uhr

Zeven. Der erste Schritt nach draußen fühlt sich für Anita Naeemi jedes Mal ein bisschen an wie Fliegen. Manchmal bleibt die 35-Jährige vor ihrer Haustür in der ruhigen Siedlung in Zeven stehen, atmet tief ein und schaut einfach nur in den Himmel. Dann sagt sie einen Satz, der lange im Gedächtnis bleibt: „Wenn ich jetzt nach draußen gehe, denke ich, ich bin ein Vogel. So frei.“

Der Wind streicht über Hecken und Beete, irgendwo klappert ein Gartentor. Kinder lachen. Zwischen ihnen rennen drei, die den Namen Naeemi tragen. Fast zehn Jahre ist es her, dass Anita und ihr Mann Abdul Qayum Naeemi aus Kabul geflohen sind.

Zwischen ruhigen Gärten und den Schatten der Vergangenheit

Das Reihenhaus der Familie liegt in einer schmalen Seitenstraße, die von identischen Eingängen und Vorgärten gesäumt ist. Die Nachbarn grüßen, ihre Kinder spielen gemeinsam auf der Straße. Hinter den Häusern sammeln sich Trampoline, bunte Schaukeln und Sandkästen. Die Naeemis sind längst Teil dieser Nachbarschaft.

Anita und ihr Mann Abdul verbringen ihre Wochenenden gern draußen, wie hier im Bremer Rhododendronpark.

Anita und ihr Mann Abdul verbringen ihre Wochenenden gern draußen, wie hier im Bremer Rhododendronpark. Foto: privat

Ihre drei Kinder wachsen hier auf: ein 14-jähriger Sohn, der noch in Afghanistan geboren wurde, ein neun Jahre alter Sohn und eine siebenjährige Tochter. „Integration ist wichtig“, sagt Abdul Qayum Naeemi, 43. „Wir feiern deutsche Feste und unsere afghanischen.“

Es ist ein Satz, der leicht klingt – doch hinter diesem Alltag verbirgt sich eine Flucht, die alles andere als einfach war. Kurz nach ihrer Ankunft in Deutschland brachte Anita ihr zweites Kind gesund zur Welt. Kurz zuvor hatte sie ein Kind verloren, es starb noch vor der Geburt. Darüber spricht sie bis heute nur selten.

Ein Mädchen, das im Herzen der Familie bleibt

Zwischen ihrem ältesten Sohn und den jüngeren Geschwistern hätte noch eine Tochter gelebt, doch das Kind kam nie zur Welt. Während der Schwangerschaft in Afghanistan fragte sich Anita oft, wie das Leben dieses Mädchens wohl verlaufen würde. „Was wird aus ihr? Wird sie als Frau auch so ein schweres Leben haben?“

Bis heute bleibt dieser Gedanke bei ihr: „Manchmal frage ich mich, ob sie gestorben ist, weil ich zu viel an das Schlimmste gedacht habe.“ Dann schweigt sie.

Anitas Kindheit hinter verschlossenen Türen

Anita wuchs in Kabul auf – aber sie kennt ihre eigene Stadt lange kaum. Ihr Vater starb, als sie noch ein Kind war. Für ihre Mutter wurde der Alltag plötzlich gefährlich: allein auf der Straße, allein mit einem kleinen Mädchen. Anita durfte nicht mehr zur Schule. Dabei hatte sie gerade erst lesen und schreiben gelernt – Persisch, bis zur dritten Klasse. Mehr war nicht möglich. „Zu unsicher“, sagte ihre Mutter damals. Zu groß die Angst, dass das Mädchen eines Tages nicht mehr nach Hause kommt.

Die Taliban waren in dieser Zeit bereits an der Macht. Anita verbrachte ihre Kindheit vor allem drinnen. „Im Fernsehen habe ich gesehen, dass Frauen Auto fahren“, erinnert sie sich. „Wir durften nicht einmal Fahrrad fahren.“

Von Zwang und Angst zu ersten Spaziergängen

Mit 20 Jahren heiratete sie Abdul. Die Mütter der beiden Familien kannten sich, so wie es in Afghanistan üblich ist. Doch Anita hatte lange gehofft, nie heiraten zu müssen. „Alle verheirateten Frauen hatten blaue Flecken und diese leeren Augen“, sagt sie. Schon als Kind musste sie miterleben, wie Frauen auf den Straßen Gewalt und Herabwürdigung ausgesetzt waren.

Doch Abdul war anders: Nach der Hochzeit nahm er sie mit in den Park von Kabul. In den Zoo. Zum Picknicken. Es waren die ersten Spaziergänge ihres Lebens. „Vorher war ich nie draußen“, sagt Anita. „Ich habe meine Stadt erst mit 20 richtig kennengelernt.“

Schon 15 Jahre – in guten wie in schlechten Zeiten: Die Naeemis feiern ihren Hochzeitstag.

Schon 15 Jahre – in guten wie in schlechten Zeiten: Die Naeemis feiern ihren Hochzeitstag. Foto: privat

Bald schon drohten die Taliban erneut der Familie. Sie entschieden sich zur Flucht. Von Afghanistan flogen sie zunächst in den Iran. Von dort ging es weiter in Richtung Türkei – manchmal mit dem Auto, oft zu Fuß. Über Berge. Durch Schnee. Ein Teil der Strecke führte über das Meer in einem Boot.

Die neuen Möglichkeiten in Deutschland überfordern Anita

Als die junge Familie Deutschland erreichte, war Anita zunächst fast genauso eingeschüchtert wie vorher in Kabul. Neue Sprache. Neue Regeln. Ein fremdes Land. „Ich hatte Angst, allein einkaufen zu gehen“, sagt sie. Abdul schickte sie trotzdem los. Er drängte sie, Fahrrad fahren zu lernen. Einen Führerschein zu machen. Anita weinte. Doch nach wenigen Monaten lernte sie schwimmen, machte ihren Deutschkurs bis zum Niveau B1. Vormittags arbeitet sie in einer Wäscherei, während die Kinder in der Schule sind. Dieses Jahr will sie ihren B2-Sprachkurs schaffen, um später eine Ausbildung zur Friseurin zu beginnen.

Die Naeemis genießen ihre Freiheit und spontane Ausflüge – wie hier an die Alster in Hamburg.

Die Naeemis genießen ihre Freiheit und spontane Ausflüge – wie hier an die Alster in Hamburg. Foto: privat

Trotz allem fühlt sich die neue Freiheit für Anita immer noch seltsam an. Früher musste Anita in Afghanistan immer ein Kopftuch tragen. Es war zu gefährlich, es nicht zu tun. Heute sagt ihr Mann nur einen Satz dazu. „Meine Frau ist frei.“ Auch Anita lacht, wenn sie erzählt, dass sie inzwischen sogar den deutschen Regen liebt. „In Afghanistan scheint die Sonne“, sagt sie. „Aber als Frau hast du nichts davon. Du bist eingesperrt.“

Taliban-Regime schränkt Frauenrechte massiv ein

Seit 2021 sind die Taliban wieder an der Macht. Frauen dürfen nur noch mit einem männlichen Begleiter das Haus verlassen – zum Arzt, zum Einkaufen, selbst zum Spielplatz mit den Kindern. Picknicken ist für Frauen ganz verboten. Viele Familien können sich keine Schule mehr leisten. Die Jungen arbeiten, statt zu lernen. Mädchen müssen ohnehin zu Hause bleiben.

Für die Naeemis gehören deutsche Traditionen von Anfang an dazu – Weihnachten ist ein Fest für die ganze Familie.

Für die Naeemis gehören deutsche Traditionen von Anfang an dazu – Weihnachten ist ein Fest für die ganze Familie. Foto: Willing

Abdul macht sich Sorgen um die Zukunft seines Landes. „Wenn die Mutter nichts lernen durfte, kann sie ihren Kindern auch nichts beibringen“, sagt er. Und wenn der Vater arbeiten muss, bleibe niemand übrig. „Wir brauchen Bildung, um gegen die Taliban zu kämpfen.“ Er schüttelt den Kopf. „Die Taliban denken wie im Mittelalter.“ Dabei hätten viele von ihnen Smartphones, Tablets und Social-Media-Accounts. „Sie benutzen alles – verbieten es aber den anderen“, sagt der 43-jährige gelernte Glaser.

Für Abdul ist klar, dass Afghanistan ohne Frauen keine Zukunft hat. „Wenn Frauen Lehrerinnen, Ärztinnen oder Ingenieurinnen sein könnten – das wäre gut für das ganze Land.“ Er macht eine kurze Pause. „Sonst ist das Land nur halb.“

Abduls Mutter und seine Geschwister leben noch in Afghanistan. Auch Anitas Mutter ist dort. „Manchmal telefonieren wir. Sie erzählte mir von einer Nachbarin, die ihren Mann verlor. Sechs Kinder bleiben zurück. Arbeiten darf sie nicht. Ein Taliban-Mann machte ihr ein Angebot: Heirate mich, dann versorge ich dich. Eine Wahl hatte sie nicht“, sagt Anita nachdenklich.

Freundschaft, Freiheit und ein neuer Anfang

In Zeven hat Anita inzwischen etwas gefunden, das sie lange nicht kannte: eine beste Freundin. Sie nennt sie ihre „deutsche Schwester“. Sie unterstützt außerdem andere afghanische Frauen in Deutschland – hilft bei Behördengängen, Arztbesuchen oder einfach dabei, Anschluss in der neuen Heimat zu finden.

Wo sie kann, setzt sich Anita Naeemi für die Rechte von Frauen ein und unterstützt dabei unter anderem afghanische Künstlerinnen in Bremen. Foto: privat

Wo sie kann, setzt sich Anita Naeemi für die Rechte von Frauen ein und unterstützt dabei unter anderem afghanische Künstlerinnen in Bremen. Foto: privat Foto: privat

„Wir können nicht länger nur zuschauen“, sagt Abdul. „Wir müssen unsere Stimme erheben – und andere Länder müssen gegen die Taliban vorgehen.“ Anita nickt ruhig: „Ich will nie wieder nach Afghanistan zurück. Nicht einmal für Urlaub.“ Sie kenne das Land – mit und ohne Taliban. „Für Frauen war es nie schön.“ Dann schaut sie wieder hinaus auf die Straße vor ihrem Haus in Zeven. Dort, wo Kinder spielen und Fahrräder über den Asphalt rollen. Und wo sich Freiheit manchmal ganz leicht anfühlt: wie ein paar Schritte nach draußen.

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