TBespuckt und angegriffen: Provokante Künstlerin kommt nach Agathenburg
In ihrer Ausstellung „Stand der Dinge. Swaantje Güntzel“ widmet sich die Künstlerin Umweltthemen in teils radikaler Weise. Foto: Burzik/Hübel/Wigger
Swaantje Güntzel zerschoss Weihnachtsteller mit einem Luftgewehr und baute einen Gletscher in einer Eistruhe. Mit ihrer Kunst will sie aufrütteln. Verständnis zeigen nur wenige.
Agathenburg. Für ihre Ausstellung „Stand der Dinge. Swaantje Güntzel“ hat die Konzeptkünstlerin Werke aus ihrem über 20-jährigen Schaffen zusammengetragen, die sich kritisch mit der menschlichen Beziehung zur Natur auseinandersetzen. „Es soll eine Momentaufnahme sein, wie ich mich gerade in der Welt sehe und wie der Zustand der Welt ist“, erklärt sie.
Bespuckt und angegriffen bei Kunstaktionen
Ihre kritische Sicht auf die Auswirkungen des Klimawandels und der Umweltverschmutzung drückt die gebürtige Westfälin seit über 20 Jahren teils in provokanter Weise aus. So sammelte sie etwa entlang von beliebten Stränden an der dänischen Ostsee Müll auf, um ihn später von einem Schwanentretboot wieder ins Meer zu werfen.

Die Hand der Letzten Generation, gegossen in Bronze. Foto: Bassen
„Egal, in welchem Kontext oder Land ich meine Aktionen durchführe, die Reaktionen sind immer gleich“, sagt Güntzel. Empörung und Aggressionen schlugen ihr entgegen. Manche riefen die Polizei, bespuckten die Künstlerin oder griffen sie sogar körperlich an.
Nicht belehren, sondern kommentieren
„Ich hatte nicht damit gerechnet, dass die Leute mich angehen“, gesteht sie. Die Angriffe gingen so weit, dass Güntzel nur noch unter Personenschutz arbeiten konnte. „Das Verhalten der Menschen zeigt, wie viele sich der Realität verweigern.“
Über die Jahre habe sie die Reaktionen auf ihre Aktionen stoisch ertragen, nicht an sich herangelassen. Jetzt will Güntzel erstmals diese persönlichen Erfahrungen in ihre Ausstellung einfließen lassen. Ihr Wirken versteht sie keinesfalls als didaktische Mission. „Mir wird oft unterstellt, zu belehren. Ich kommentiere jedoch die Welt und halte fest, was da ist.“
Mini-Gletscher in der Eistruhe
Neben retrospektiven Werken wie etwa der in Bronze gegossenen Hand eines Mitglieds der Letzten Generation oder einem Kapselautomaten mit Spielzeugen aus Albatrosmägen bringt Güntzel auch neue Arbeiten mit nach Agathenburg.

Die Kapseln in dem Automaten hat Güntzel mit Spielzeug gefüllt, das aus Albatrosmägen stammt. Foto: Alexander Burzik/VG Bild-Kunst
Um die voranschreitende Gletscherschmelze aufzugreifen, baut sie eine expressionistisch-abstrakte Berglandschaft in einer Gefriertruhe nach. Der Kniff: Eine Zeitschaltuhr lässt den Mini-Gletscher bis September langsam abtauen. Zum Einsatz kommen hierbei 50 Liter echtes Gletscherwasser, das eine engagierte Rentnerin vom BUND Garmisch-Partenkirchen kanisterweise aus einem Gletscherbach im oberbayrischen Höllental besorgte.
Luftgewehrschüsse auf Schmuckteller
Für eine weitere Aktion nahm Güntzel sieben blau-weiße Sammelteller von Royal Copenhagen von 1928 bis in die 1970er Jahre mit grönländischen Motiven ins Visier. Das Segelschiff Gustav Holm, die das Packeis durchfährt, Indigene, die mit ihren Schlittenhunden rasten oder die Thule Air Base aus der Vogelperspektive. „Die Teller haben Unbehagen in mir ausgelöst“, sagt die studierte Ethnologin.

Sieben blau-weiße Sammelteller mit Grönland-Motiven hat Swaantje Güntzel für ihre Installation zerschossen. Foto: Manfred Wigger/VG-Bild-Kunst
Die beliebten Weihnachtsteller seien geprägt von der dänisch-grönländischen Kolonialisierung. Angesichts der Bestrebungen aus den USA, Grönland für sich zu beanspruchen, sei das Thema „noch nicht vom Tisch“. Ausstellungsbesucher können mit Hilfe einer VR-Brille miterleben, wie die Künstlerin die Teller mit dem Luftgewehr zerschießt. Die Scherben bleiben als Teil der Installation liegen.
Menschen ignorieren Umweltprobleme bewusst
„Ich glaube nicht mehr richtig an Aufklärung“, sagt Güntzel. Obwohl alle Fakten seit Jahrzehnten auf dem Tisch lägen, treffe sie immer wieder Menschen, die die Umwelt- und Müllprobleme bewusst ignorieren. Erklärungen sind für Güntzel nicht mehr angebracht: „Es kann nur noch durch politische Reglementierung etwas passieren.“
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Schlosskuratorin Claudia Rasztar schaut mit Vorfreude auf die Zusammenarbeit. „Für uns ist die Ausstellung etwas Besonderes“, sagt sie. Einzelausstellungen kamen im Schloss-Programm bisher nicht oft vor. Für Swaantje Güntzel ist es zugleich ihre erste Einzelausstellung in Niedersachsen.
Informationen zur Ausstellung
Die Eröffnung der Ausstellung „Stand der Dinge. Swaantje Güntzel“ findet am 18. Juli um 18.30 Uhr statt. Die Ausstellung läuft bis zum 13. September.
Am 2. August um 11 Uhr diskutiert die Künstlerin mit der Wissenschaftlerin Dr. Anne Chahine im Pferdestall über das Verhältnis von Mensch, Umwelt und Gesellschaft. Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung über die Schloss-Webseite ist erforderlich.
Am 21. August um 18 Uhr bieten Swaantje Güntzel und Dr. Melanie Bergmann vom Alfred-Wegener-Institut Bremerhaven eine Tandem-Führung durch die Ausstellung an.
Mehr Informationen gibt es unter schlossagathenburg.de.
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