TBöller-Ärger: Fast 80 Prozent der TAGEBLATT-Leser fordern neues Silvester
(Archivbild). Foto: Lennart Preiss/dpa
Das unkontrollierte Böllern hat die Mehrheit verloren: Die meisten TAGEBLATT-Leser wünschen Veränderungen. Warum sie für Verbote, zentrale Shows oder strengere Regeln plädieren.
Landkreis. Knallen oder nicht knallen? Die Frage beschäftigt die Menschen im Landkreis Stade kurz vor Silvester, wie eine TAGEBLATT-Umfrage zeigt.
Sollten private Feuerwerke verboten werden? 2416 Menschen haben auf dem TAGEBLATT-Instagram- und Whatsapp-Kanal abgestimmt, und das Ergebnis ist eindeutig: Fast vier von fünf Lesern wollen Veränderungen.
- 812 Leser (33,6 %) fordern ein komplettes Verbot privater Feuerwerke.
- Fast ebenso viele - 786 Personen (32,5 %) - würden ein zentrales, organisiertes Feuerwerk bevorzugen.
- Weitere 298 Leser (12,3 %) machen sich zumindest für strengere Regel stark.
- Nur 311 Befragte (12,9 %) möchten, dass alles beim Alten bleibt.
- 209 Menschen (8,7 %) haben keine Meinung.

An der Umfrage haben 2416 Leser teilgenommen. Fast 80 Prozent der Menschen sind mit dem Status quo unzufrieden. Foto: TAGEBLATT/Notebook LM
Droht eine Freiheitsbeschränkung?
Befürworter von privaten Feuerwerken verweisen auf Tradition und fürchten eingeschränkte Rechte. „Es wurde schon immer geböllert. Und jeder ist für sich selbst verantwortlich“, argumentiert Theo Soltau auf tageblatt.de. Die Freiheit des Einzelnen werde „neuerdings mit Füßen getreten“, schreibt er.
Verbotenes Feuerwerk
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„Die ‚Freiheit des Einzelnen‘ muss aber auch immer für den jeweils anderen gelten“, entgegnet Anja Bartsch. Sie fragt: Wenn einer sich die Freiheit nehmen wolle, anderen gesundheitliche Beeinträchtigungen wie körperliche oder mentale Verletzungen, Lärmbelästigungen, Tierleid, Luftverschmutzung und seiner Umwelt Müll zuzumuten, warum dürfen sich diese nicht die Freiheit nehmen, dieses alles abzulehnen?
Informationskampagne
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Parallelen zum Rauchverbot?
Sie zieht eine Parallele zu einem anderen Verbot: „Es ist wie mit dem Rauchen im öffentlichen Raum vor einiger Zeit. Die Raucher rauchen immer noch - die Nichtraucher werden aber nicht mehr zum Mitrauchen gezwungen. Vielleicht kann man auch bei diesem Thema einen Kompromiss finden.“
Sie schlägt organisierte Feuerwerke vor, wie es in immer mehr Städten bereits passiert.

Insbesondere in Asien gibt es zu besonderen Ereignissen vermehrt Drohnenshows, wie hier auf der Expo 2025 in Japan. Foto: -/kyodo/dpa
Leser schauen rüber ins Ausland
Michael Meißner findet: „Andere Länder zeigen uns längst, wie ein bunter Zauber für alle sauber und spektakulär mit Laser an den Himmel projiziert werden kann.“
In einigen asiatischen Ländern gibt es an Silvester zudem Drohnenshows. Dass es auch in Deutschland Alternativen gibt, zeigte zuletzt die Deutsche Umwelthilfe in Lüneburg. Mit der Drohnenshow „Böller Ciao“ machte sie Werbung für einen alternativen Jahreswechsel.

Im indischen Ahmedabad gab es vor wenigen Tagen eine Licht- und Tonshow am Kankaria-See. Foto: Ajit Solanki/AP/dpa
Laser- und Lichtershows sind zudem in verschiedenen norddeutschen Orten bereits Praxis, wie im ostfriesischen Carolinensiel. Auf Borkum setzt man auf eine Multimediashow mit Videoprojektionen an die ehemalige Nordseeklinik.
Das sei „ohne Verletzte, Dreck und Lärm wunderbar für alle“, findet Meißner.
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„Ein bisschen wie im Krieg“
Viele Nachrichten drehen sich um Tier- und Umweltschutz. Birgit Kiel berichtet von ihrem zitternden Hund und dessen durch Angst ausgelöste Durchfälle.
Anita Berger hat Angst vor den Böllern und traut sich während der Silvesterzeit nicht hinaus. Sie sei als Kind mit Pyrotechnik beworfen worden.
Anke Cohrs schildert, wie ihre Katzen und Pferde „tagelang schreckhaft“ seien. Für sie hat das Geknalle „so etwas wie ein bisschen Krieg“.

Früher sei weniger Feuerwerk gekauft worden, während heute Hunderte von Euro investiert werden, findet eine Leserin. Foto: Christian Charisius/dpa
Früher gesitteter, heute extremer?
Früher, das ist die Erinnerung von Manuela Zank, kaufte man sich „1 bis 2 Tüten Raketen, ein paar Packungen Böller und vielleicht 1 bis 2 Batterien, die um Mitternacht abgefeuert wurden“.
Heute sei es anders: „Es wird für Hunderte von Euro eingekauft und geknallt, als gäbe es kein Morgen mehr.“ Im letzten Jahr haben die Deutschen der Feuerwerksbranche einen Rekordumsatz von 197 Millionen Euro beschert, so der Verband der pyrotechnischen Industrie.
Weniger Feuerwerk?
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Gisela Morawietz kritisiert die zeitliche Entgleisung. Viele würden bereits deutlich früher knallen. „Die Tradition sagt um Mitternacht. Hier in Wiepenkathen wurde letztes Jahr zwölf Stunden lang geballert.“
Sie stellt erstaunt fest: „Ich verstehe es nicht - der Preis für alles steigt, aber für die Knallerei ist nichts zu teuer, da wird nicht gejammert.“
Leser klagen auch über Angriffe auf Einsatzkräfte
„Früher war es nicht nötig, dezidiert über alle Medien darauf hinzuweisen, was erlaubt ist und was nicht. Zudem waren Rettungs- und Ordnungsdienste weniger ausgelastet - und vor allem nicht von Angriffen bedroht!“, klagt Michael Bowe.
Vielleicht ist es an der Zeit, Silvester neu zu denken - respektvoller, ruhiger und zeitgemäß.
TAGEBLATT-Leserin Jana Gers
Dass an Silvester immer mehr Orte temporär scheinbar zu Kriegsgebieten werden und immer mehr Leute Regeln missachten, führte unter anderem in den Niederlanden dazu, dass künftig keine privaten Feuerwerke mehr erlaubt sind.
„Ein Verbot sollte wie dort so schnell wie möglich umgesetzt werden“, findet Ulrich Rathjens auf Facebook. Denn - das schreibt ein anderer Nutzer - auf dem Stader Pferdemarkt herrsche an Silvester Ausnahmezustand.
Strengere Regeln gefordert
Doch es gibt auch Stimmen, die klare Grenzen setzen möchten - ohne totales Verbot. Angela König plädiert für „Regeln und harte Strafen bei Nichtbeachtung“.
Thomas Söhl würde zentrale Feuerwerksveranstaltungen als Kompromiss akzeptieren, zweifelt aber: „Verbotszonen werden ohnehin von den meisten ignoriert.“
Innenministerkonferenz
Rund 2,2 Millionen Unterschriften für Böllerverbot
Patrick Lesch hingegen bringt eine kontroverse Gegenposition: „Dann bin ich eher dafür, die Volksdroge Alkohol zu verbieten.“
Und Natalie Hexe differenziert auf Facebook: Lärmfeuerwerk darf weg – „aber Raketen und Fontänen möchte ich erhalten sehen. Es ist Tradition und schön anzusehen“. Ein Verbot werde ohnehin nur schwarze Importe ankurbeln.
Es geht nicht darum, Silvester abzuschaffen
Die Menschen im Kreis Stade wollen Silvester feiern - aber anders. Mit Licht statt Lärm, mit Gemeinschaft statt Anarchie. Mit dem Wissen, dass Feuerwerk in Asien, den Niederlanden und an der norddeutschen Küste bereits neu gedacht wird.
Jana Gers fasst zusammen: Silvester sei einst ein Brauch mit Bedeutung gewesen. Heute sei es für viele ein tagelanges Lärmereignis mit bekannten Folgen - verängstigte Tiere, schlaflose Kinder, unnötige Verletzungen und Chaos.
„Dabei geht es nicht darum, das Feiern abzuschaffen. Es geht darum, wie wir feiern. Vielleicht ist es an der Zeit, Silvester neu zu denken - respektvoller, ruhiger und zeitgemäß“, so Gers.
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