TBürokratie: Warum warten Patienten im Kreis Stade so lange auf Termine?
Jahresempfang bei der KVN Stade: Die CDU-Bundestagsabgeordnete Vanessa Zobel und Mediziner Dr. Stephan Brune sprachen zum Thema Bürokratie. Foto: Fehlbus
Bei der Kassenärztlichen Vereinigung kommen in Stade zum neuen Jahr Politik und Ärzte zusammen. Hauptthema: Bürokratie. Denn die hat direkte Auswirkungen auf Patienten.
Stade. „Wir hätten gerne weniger Bürokratie und mehr Zeit für die Patienten“, sagt Dr. Stephan Brune, Vorsitzender des Bezirksausschusses der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) in Stade. Der Kardiologe und Sportmediziner weiß, wie lange Patienten zum Teil auf einen Termin beim Facharzt warten. Und er ergänzt, unter Applaus der Anwesenden, dass auch Hausärzte Fachärzte sind. Es ist ein Problem, das alle betrifft.
Dr. Stephan Brune hatte viele Statistiken herausgesucht, um die aktuelle Lage in der Ärzteschaft zu zeigen. Foto: Fehlbus
„Unser Gesundheitswesen ist eines der besten“, unterstreicht Brune. Aber Ärzte und Krankenkassen nähmen aufgrund der Wartezeiten zunehmend eine schlechte Stimmung bei den Patienten wahr. Das Problem: „Wir kommen gegen die Nachfrage nicht an“, sagt Brune.
Drei Hauptursachen für längere Wartezeiten
Drei Dinge macht er beim Neujahrsempfang im Gebäude der KVN in Stade als Hauptursache für Wartezeiten und fehlende Termine aus: Erstens gibt es aktuell gar nicht unbedingt weniger Ärzte, aber mehr Ärzte, die in Teilzeit und ohne eigene Praxis arbeiten wollen. Zweitens besteht die Bevölkerung aus immer mehr älteren Patienten mit Vorerkrankungen. Drittens geht viel Zeit verloren, wenn der Arzt nicht das tut, was er studiert hat – sondern etwa Dokumentationen tippt und datensichere Programme am Computer nutzt, statt sich um Patienten zu kümmern.
Praxisbeispiel Bürokratie: Zweieinhalb Stunden pro Station
Am Rande der Veranstaltung liefert Prof. Dr. Holger Schmidt ein Praxisbeispiel. Der Chefarzt der Neurologie an den Elbe Kliniken Stade hat einmal eine Aufstellung gemacht. Alleine für die Medikation kommen am Tag auf einer durchschnittlichen Station mit 30 Betten ein bis eineinhalb Stunden für die schriftliche Aufarbeitung zusammen, rechnet der Neurologe vor.

Prof. Dr. Holger Schmidt hofft auf einen messbaren Bürokratieabbau - auch in der medizinischen Versorgung. Foto: Fehlbus
Dazu kommen die Abfrage des bisherigen Krankheitsverlaufs und tägliche Dokumentationen in der Patientenakte. Das macht eine weitere Stunde für die Ärzte pro Tag. Zwei bis drei Mediziner teilen sich die Arbeit je Station auf. Aber auch das Pflegepersonal muss alles dokumentieren, sogar in der Regel ganz selbstverständliche Dinge wie „23.25 Uhr, Patient schläft“.
Die Arbeit am Menschen - untersuchen, operieren, heilen – das haben die Mediziner in ihrem komplexen Studium gelernt. „Wir Ärzte sind aber oft nicht sehr schnell beim Tippen“, gesteht Schmidt. Immer neue Programme und wiederholte Passworteingaben verbrauchen Arbeitszeit der Mediziner. Es ist ein weiteres Beispiel für Bürokratie und ihre Auswirkungen.
Zurück zu Pragmatismus vor Rechtssicherheit
„Wir können das mit Pragmatismus in Norddeutschland“, hält Vanessa Zobel dagegen. Die CDU-Politikerin aus Bremervörde ist seit fast einem Jahr Mitglied des Bundestags. Bürokratieabbau, das ist ihr Thema – wenn auch nicht für den gesundheitspolitischen Bereich, wie sie als Referentin beim Neujahrsempfang der KVN einschränkt.
Kinder- und Jugendschutz
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„Wir wollen immer Rechtssicherheit“, sagt sie, am besten zu 100 Prozent. Alle Regelungen seien in den vergangenen 75 Jahren Bundesrepublik immer nur maximiert, nicht minimiert worden. Das soll jetzt zurückgedreht werden.
„Wir wollen zurück zu Pragmatismus vor Rechtssicherheit“, sagt Zobel. Die Bundesregierung sei auf einem guten Weg, einem, der als Marathonlauf, nicht als Sprint zu bewältigen sei. Auf die Nachfrage von Dr. Holger Schmidt aus dem Publikum, wie es am Ende ähnlich einer abgeschlossenen medizinischen Behandlung mit einer im Gesetz verankerten Überprüfung der Wirksamkeit aussieht, gibt es keine klare Antwort von der Politikerin.
MVZ-Insolvenzen: Wirtschaftlichkeit fehlte
Selbst wenn in ein paar Jahren die Auswirkungen des Bürokratieabbaus überprüft werden: Mit Bürokratie und der Babyboomer-Generation, die mit ihrem Wechsel in den Ruhestand eine große Lücke hinterlassen wird, geht es erst einmal weiter.
Schon jetzt sind Wartezeiten auf Arzttermine von mehreren Monaten in einigen Fachrichtungen Alltag. Hausärzte nehmen zum Teil keine neuen Patienten mehr auf. Kommunen versuchen, sich mit Medizinischen oder Regionalen Versorgungszentren abzusichern.
In diesen Zentren, in denen die Ärzte als Angestellte arbeiten, fehlt jedoch mitunter die Wirtschaftlichkeit. Brune präsentiert in den Tageszeitungen veröffentlichte Beispiele von MVZ-Insolvenzen in Braunschweig, Koblenz und Norderney.
Nicht um jeden Preis: Warnung an die Kommunen
„Ich persönlich und die KV sehen da große Probleme“, sagt Brune. Wenn Kostenstrukturen nicht stimmten, die großen MVZ in die Insolvenz gingen, „dann haben die Patienten ein Problem“. Mitunter übernehmen Kommunen in diesen Fällen das MVZ und die finanziellen Risiken, um die Ärzte zu halten.
„Wenn die Kliniken das nicht hinbekommen, dann werden das auch nicht Kommunen schaffen“, sendet Brune ein warnendes Wort an Räte und Bürgermeister. Die MVZ sehen im Schnitt weniger Patienten als die Ärzte mit eigener Praxis. „Das sehen wir an den Abrechnungen“, so Brune. Es könnte das Problem in Zukunft zusätzlich verschärfen.
29,3 Prozent der Ärzte sind im Angestelltenverhältnis
Besser sei es, Ärzte bei der Gründung der eigenen Praxis zu unterstützen. „Es wäre schön, wenn wir fördern würden, dass junge Ärzte sich auch selbstständig machen“, sagt Brune. Seit 2008 ist der Anteil der angestellten Ärzte in Deutschland kontinuierlich von 5,8 Prozent auf jetzt 29,3 Prozent gestiegen.
Medizinische Versorgung
T Gegen den Trend: Diese junge Landärztin eröffnet bewusst eine neue Praxis
Einen Facharzttermin binnen vier Wochen, und das garantiert – was Niedersachsens Gesundheitsminister Andreas Philippi (SPD) über Haus- und Kinderärzte steuern will, macht eben diesen Medizinern Sorge. Sie sollen laut Plan der Bundesregierung die Patientenströme sortieren. Digitale Anamnese ist das Zauberwort. Aber dass Digitalisierung automatisch weniger Arbeit bedeutet, da fehlt den meisten der 100 Gäste im Raum der KVN in Stade sichtlich der Glaube.
Telemedizin: Via Tablet oder Handy zur Erstdiagnose
Noch immer ziemlich unpopulär bei den Patienten ist die Telemedizin. Aber hier sehen die Ärzte, die sich in Stade zu Wort melden, die größten Chancen für kürzere Wartezeiten. „Es wird nicht ohne gehen“, ist Allgemeinmediziner Wolfgang Sander aus Neuenwalde, Geestland, überzeugt.
Medizinische Versorgung
116 117: So läuft der neue ärztliche Bereitschaftsdienst
Eine Pflegekraft, die mit dem Tablet durchs Pflegeheim geht, oder ein Patient, der mit dem eigenen Handy in die Videosprechstunde kommt – so könnten die Patienten in kurzer Zeit versorgt werden. „Ich sehe, der muss in die Klinik, der nicht“, sagt Sander.
Reform der Bereitschaftsdienste: Weniger Hausbesuche
Brune hat dazu die passende Statistik: Im neu strukturierten Bereitschaftsdienst konnten 80 Prozent der vom Telemediziner behandelten Fälle ohne Fahrdienstalarmierung abgeschlossen werden. Seit Beginn der landesweiten Reform im vergangenen Jahr waren nur in 20 Prozent der abgeschlossenen Fälle Hausbesuche erforderlich.
Früher wurden für den Bereitschaftsdienst 86 Ärzte in 75 Dienstbereichen eingesetzt. Heute sind es 24 Gesundheitsfachkräfte und zwölf Ärzte in acht Bereitschaftsdiensten. Beim Bereitschaftsdienst geht es um die ambulante Akutversorgung außerhalb der Praxiszeiten. Hiermit wurden vor der Reform besonders die niedergelassenen Ärzte belastet.
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