TChronik der Buxtehuder Blutnacht: Schussopfer ist außer Lebensgefahr
Die örtliche Verfügungseinheit stürmte später die Wohnung in der Buxtehuder Bahnhofstraße, das SEK musste nicht mehr anrücken. Foto: Vasel
Schüsse in der Buxtehuder Bahnhofstraße: Ein 42-jähriger Hamburger ist am Montagabend lebensgefährlich verletzt worden, der Täter ist flüchtig. Die Chronik der Gewalttat.
Buxtehude. Die Blutnacht von Buxtehude beginnt am Montagabend mit einem Rettungsdiensteinsatz. Viele der Geschäfte in der Bahnhofstraße sind bereits geschlossen. Woolworth und Tedi sind noch offen. Die Straße ist belebt, Hamburg-Pendler streben vom Bahnhof nach Hause. Die Gastronomen bereiten sich auf das Abendgeschäft vor.
Verbrechen mitten in der Buxtehuder Innenstadt
„Reanimation“, so lautet das Einsatzstichwort für Notfallsanitäter, Notarzt und Mitglieder der AED-Gruppe der Ortsfeuerwehr Buxtehude.
Vor dem Hauseingang Bahnhofstraße 27-31 liegt ein Mann im weißen T-Shirt auf dem Gehweg. Blutüberströmt. Schnell wird klar: Es ist ein Verbrechen passiert - mitten in der belebten Innenstadt. Polizisten und Passanten eilen herbei. Die Retter von DRK und Feuerwehr kämpfen um das Leben des Verletzten. Damit sich die Notfallsanitäter auf das Opfer konzentrieren können, setzt sich einer der Feuerwehrmänner - er ist selbst Notfallsanitäter - an das Lenkrad des Rettungswagens. Mit Blaulicht und Martinshorn geht es ins Elbe Klinikum Buxtehude. Polizisten sichern die Klinik. Er wird notoperiert.
Polizei mit Maschinenpistolen im Anschlag
Währenddessen zieht die Polizei ein Großaufgebot an Einsatzkräften in der Stadt Buxtehude und in der Umgebung zusammen. Erste Ermittlungen ergeben: In dem Wohn- und Geschäftshaus sind um 19.15 Uhr mehr als fünf Schüsse gefallen, offenbar in den Brustkorb.

Die Bahnhofstraße wird am Montag kurz nach 19.15 Uhr abgeriegelt, Polizisten sichern mit der Maschinenpistole im Anschlag. Foto: Vasel
Die Lage ist unklar. Ist der Täter noch in dem Gebäude, sind es mehrere? Gibt es weitere Opfer? Aus der Feuerwehr- und Rettungsleitstelle in Stade eilt der Organisatorische Leiter Rettungsdienst zum Tatort, um die Versorgung der Verletzten vor Ort zu koordinieren. Die Polizisten sind angespannt. Sie tragen schwere Schutzwesten und Helme. Ihre Umgebung haben sie fest im Blick, Maschinenpistolen M5 von Heckler & Koch im Anschlag.
Immer wieder schauen sie auf die Fenster des Wohnkomplexes über Tedi und Woolworth. Wer ein Fenster öffnet, wird von den Einsatzkräften zurückgepfiffen: „Weg vom Fenster!“
Einsatz bringt Beamte an ihre Grenzen
Die Bahnhofstraße wird weiträumig mit Absperrband abgesperrt. Rot-weiß und mit dem Aufdruck „POLIZEI“ in Blau-Weiß. Schaulustige verfolgen den Einsatz. Fahrgäste der KVG müssen die Busse verlassen. Auf den Parkplätzen hinter den Häusern sammeln sich Kräfte der Verfügungseinheit, für Laien kaum vom Spezialeinsatzkommando (SEK) zu unterscheiden. Der Komplex wird abgeriegelt und durchsucht.
Immer wieder betreten neue Kräfte das Haus. In Reihe geht es rein und raus. Einige Beamte gehen physisch und psychisch an ihre Grenzen. „Unsere Schutzausrüstung ist sehr schwer“, erklärt Polizeisprecher Matthias Bekermann. Der Grund: Das Material soll vor Stichen und Schüssen schützen. Um 21.30 Uhr nehmen erste Kräfte im weiteren Umfeld ihre Helme ab. Wie der Einsatz im Inneren des Hauses abläuft, bleibt den Außenstehenden verborgen. „Die Lage ist statisch“, sagt Bekermann.
Um 21.15 Uhr wird ein 42-jähriger Mann in Neu Wulmstorf von der Polizei festgenommen. Die Ermittler prüfen einen möglichen Zusammenhang mit der Tat in Buxtehude. „Seine genaue Beteiligung ist derzeit noch unklar und Teil der laufenden Ermittlungen“, heißt es.
Notfallsanitäter und Notarzt vor Ort
Um 22.10 Uhr und um 23.12 Uhr rücken wieder Kräfte der Verfügungseinheit vor - mit Ramme in der Hand. Auf der Straße kehrt wieder Ruhe ein. Gespenstisch: Die hell erleuchteten Arkaden sind menschenleer. Auf Höhe von Bäcker Dietz steht ein DRK-Rettungswagen. Nur Ratten huschen durch das Gebüsch. Auch der Einsatzleitwagen des Rettungsdienstes mit Kräften aus der Feuerwehr- und Rettungsleitstelle (FRL) parkt hier - mit dem Leitenden Notarzt an Bord. Es folgt eine längere Besprechung mit der Einsatzleitung der Polizei. Gespannte Stille.

Rettungsdienst in der Bahnhofstraße. Foto: Vasel
Ein Gerücht macht die Runde: In der Nacht zu Dienstag soll das SEK aus Hannover anrücken. Doch um 0.50 Uhr geht dann alles sehr schnell. Die Staatsanwaltschaft Stade hat einen Durchsuchungsbeschluss erwirkt. Das SEK ist abbestellt, schwerbewaffnete Polizisten rücken vor - in Reih und Glied. Sie sammeln sich vor der Tür. Um 0.54 Uhr ist der Ruf „Polizei“ aus dem Haus zu hören, mit einer Ramme wird eine Wohnungstür im dritten Obergeschoss aufgebrochen. Die Polizei durchsucht die Wohnung Raum für Raum, schaut auch unter Betten und in den Schränken nach. „Wir haben niemanden angetroffen“, sagt Bekermann.

Die Verfügungseinheit rückt vor. Foto: Vasel
Die Fahndung nach dem flüchtigen Schützen geht weiter. Zeugen am Tatort berichteten den Beamten, dass sich mehrere Personen zu Fuß entfernt hätten. Alles ist topsecret. Nach TAGEBLATT-Informationen ist der lebensgefährlich Verletzte noch in der Nacht in eine Klinik nach Hamburg-Harburg verlegt worden. Vor der Notaufnahme des Asklepios Klinikums Harburg sammeln sich Familie und Freunde. Es bleibt ruhig.
Spurensicherung legt in der Nacht los
Gegen 1 Uhr wird der abgesperrte Bereich verkleinert. Lediglich der Bereich vor dem Eingang bleibt bis in den Morgen tabu. Um 1.14 Uhr legen die Spurensicherer der Polizeiinspektion Stade los - in weißen Overalls, um den Tatort nicht zu kontaminieren. Bis in den Morgen sichern sie Spuren. Warum die Bluttat sich hier im dritten Stock ereignet hat, bleibt offen. Die Wohnung wird versiegelt. Bekermann sagt: Das Opfer ist 42 und stammt aus Hamburg.

Die Spezialisten der Spurensicherung legen noch in der Nacht im Wohn- und Geschäftshaus Bahnhofstraße 27 - 31 los. Foto: Vasel
Am Morgen geht es mit Befragungen weiter. Um 8 Uhr parkt nur noch ein Streifenwagen vor dem Haus. Das Flatterband ist weg. Die Blutlache ist noch zu sehen. Passanten eilen vorbei. Um 11 Uhr greift Polizeisprecher Bekermann zum Telefon. Er teilt dem TAGEBLATT mit, dass das Opfer laut Angaben der Ärzte „außer Lebensgefahr, aber weiterhin in einem kritischen Zustand“ ist. Die Polizeiinspektion Stade richtet eine Mordkommission ein.
Hinweise nimmt die Buxtehuder Wache unter der Telefonnummer 04161/ 647115 entgegen.
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