TDie Hauptstadt der Elbe-Weser-Region hieß auch schon einmal Paris
Buxtehude in der Franzosenzeit - hier in der Kirchenstraße nachgestellt beim Spielfilmdreh „Der Bagnosträfling“ mit Ida Ehre im Jahr 1949. Foto: archiv-klar
Gebietsgrenzen ändern sich oft mit einem Federstreich. In den Köpfen folgen die Grenzen aber oft anderen Regeln. Sieben überraschende Fakten dazu aus dem Elbe-Weser-Raum.
Landkreis. Grafen und Ritter, Bischöfe und Bauern und unter anderem auch Napoleon und Hitler haben dafür gesorgt, dass Gebiets- und Verwaltungsgrenzen im Elbe-Weser-Raum immer wieder verschoben wurden. Wie und weshalb, ist Thema des Stader Jahrbuchs 2025. Hier sieben interessante Einsichten daraus.
1. Anfangs gibt es gar keine genauen Grenzen
Bis ins Mittelalter trennen nicht menschengemachte Grenzen, sondern Sümpfe, Wälder und Flüsse die spärlichen Siedlungsräume in der Region zwischen Elbe und Weser. Sie werden „Gaue“ genannt. Als die Franken das sächsische Stammesgebiet Ende des 8. Jahrhunderts erobern und christianisieren, richten sie „Grafschaften“ ein.
Auch die sind noch nicht durch verfasste räumliche Grenzen definiert, sondern durch die Mächtigen, die Menschen und Land beherrschten, berichtet Michael Ehrhardt, der das Jahrbuch mit seinem Historikerkollegen Norbert Fischer kuratiert hat.
2. Mit den Kirchen kommen Verwaltungseinheiten
Die Franken bringen das Christentum mit - und Bischöfe. Im 11. und 12. Jahrhundert beherrschen die Erzbischöfe von Bremen und die Udonen, also die Stader Grafen, den Elbe-Weser Raum. Von nun an bilden sich Großkirchspiele, die nicht nur eine religiöse, sondern auch eine weltliche Gemeinde, einen „Go“ bilden: Die Bauern versammeln sich auf dem Kirchhof und halten dort Gericht.

Prof. Dr. Norbert Fischer, der ehemalige Landrat Michael Roesberg, Dr. Axel Priebs und Dr. Michael Ehrhardt bei der Vorstellung des Jahrbuchs. Foto: Richter
3. Grenzen zeigen, wer wo Steuern erheben darf
Das bis heute im ehemaligen Erzstift Bremen gebräuchliche Wort „Börde“ ist im Wortstamm mit dem Wort „Gebühr“ verwandt. Es bezeichnet einen Distrikt, in dem Steuern erhoben werden. Die Bischöfe setzen als Stellvertreter vor Ort Vögte ein, die sie eintreiben. Einige Beispiele für ehemalige Börden: Ahlerstedt, Bargstedt, Mulsum, Oldendorf, Sittensen.
4. Ritter haben Burgen - und treiben Steuern ein
In der frühen Neuzeit gibt es im Elbe-Weser-Raum 300 Rittergüter, von denen aus Ritter im Auftrag der Landesherren die Kontrolle ausüben - unter anderem in Horneburg, Kranenburg, Altluneberg, Ritterhude oder Schwanewede. Jedes Rittergut hat eine eigene Gerichtsbarkeit. Marschbauern genießen größere Freiheiten als Geestbewohner.
Ihre Verwaltungseinheiten, die Kirchspiele, sind kleiner als auf der Geest; das Alte Land besteht aus zehn. Im Laufe der Zeit schränken die Landesherren die Privilegien der Marschbauern weiter ein und setzen im Land Kehdingen und im Alten Land jeweils zwei Gräfen ein, um ihre Rechte dort durchzusetzen.
5. Die Region hatte schon viele Nationalitäten
1648, am Ende des Dreißigjährigen Krieges, beginnt die Schwedenzeit. Die schwedischen Könige werden Herzöge von Bremen und Verden, die Residenzstadt heißt Stade. Ihr Gouverneur Hans Christoph von Königsmarck verwaltet die neuen Provinzen als Statthalter, baut ein Schloss und nennt es Agathenburg nach seiner Frau Agathe von Leesten.
Amani-Stade-Projekt
T Gräfin Auroras Beutetürkin: Neuer Blick auf Stades Kolonialgeschichte
Nach kurzer Zeit unter dänischer Herrschaft fällt Bremen-Verden 1715 durch Kauf an das Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg - und dessen Kurfürst Georg ist in Personalunion King George von Großbritannien. Aus Bremen und Verden entsteht zusammen mit dem Land Hadeln die Landdrostei Stade.

Das Département des Bouches de l'Elbe. Foto: Richter
6. Napoleon erobert Region - Paris wird Hauptstadt
Zwischendurch gibt es ein kurzes französisches Intermezzo, auch in Form einer Riesen-Gebietsreform: Im Januar 1810 erobert Napoleon das Gebiet zwischen Elbe und Weser, schafft alle bisherigen Verwaltungsbezirke ab und macht daraus erst das französische Département des Bouches de l‘Elbe (Departement der Elbmündung). Eines der Arrondissements darin heißt Stade, ein anderes Lüneburg.
Der ganze Spuk wirft zwar alles um, dauert aber nur kurz: Als Napoleon im Herbst 1813 abziehen muss, werden die alten territorialen Einheiten wieder hergestellt, und so werden die Herzogtümer Bremen und Verden Teile des 1814 gegründeten Königreichs Hannover. So etwas wie eine französische Identität kann sich in dieser kurzen Zeit natürlich nicht entwickeln.
7. Goldene Linien: Kennzeichen BUX und der HSV
Es gibt Verwaltungsgrenzen und es gibt goldene Linien, sagt Norbert Fischer: „Eine solche goldene Linie ist die Grenze zwischen HSV- und Werder Bremen-Fangebiet.“ Verwaltungsgrenzen können von heute auf morgen gezogen werden, aber Zugehörigkeitsgefühl entsteht anders. In einer von Fischer moderierten Runde erörterte das der frühere Stader Landrat Michael Roesberg mit Axel Priebs, dem Präsidenten der Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft.
Nächster Schritt
T Kennzeichen BUX für Buxtehude: Jetzt ist der Bundesrat dran
Priebs ist der Meinung, dass auf Kreisebene viele wichtige Dinge getan werden: „Ich würde mir deshalb wünschen, dass die Kreisebene auch diese Integrationskraft entwickelt.“ Roesbergs Erfahrung ist, dass das nicht immer klappt: „Ich bin von Buxtehudern manchmal darauf angesprochen worden, dass sie ihr Autokennzeichen „BUX“ gerne wieder hätten. Es war mir eine Freude, ihnen zu sagen, dass es das überhaupt noch nie gab. Aber die Frage zeigt die regionale Identität.“
Das Stader Jahrbuch 2025 „Zur Geschichte der Gebiets- und Verwaltungsreformen im Elbe-Weser-Raum“, herausgegeben von Dr. Thomas Bardelle und Dr. Gudrun Fiedler, ist im Selbstverlag des Stader- Heimat- und Geschichtsvereins erschienen. Es enthält sieben Aufsätze - vom Frühmittelalter über die Stadtgründung Wesermündes 1924 bis zur Auflösung der Bezirksregierung 2004 und ist ab sofort erhältlich unter ISSN 0930-8946. Es kostet 15 Euro.
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