TDiese Fliege spielt gerne, ist klug und hochgradig unbeliebt
Fruchtfliege in mehrfacher Vergrößerung. Foto: Paulin
Fruchtfliegen, auch Essigfliegen oder wissenschaftlich „Drosophila melanogaster“ genannt, sind lästig. Die Minifliege mit ihrem klitzekleinen Gehirn kann aber mehr als gedacht.
Landkreis. Besonders im Sommer umschwirren die nur zweieinhalb Millimeter langen Minifliegen reifes Obst. Den während der Fruchtreife entstehenden Alkohol nehmen sie besonders gut wahr. Und schon sind die Fruchtfliegen da, fühlen sich heimisch, haben an Früchten in Windeseile ihre Eier abgelegt und vermehren sich zügig.
Fruchtfliegen gehören seit mehr als 100 Jahren zu den weltweit berühmtesten und interessantesten Versuchstieren. Ihr Vorteil: Sie lassen sich leicht züchten. Schon nach etwas mehr als einer Woche entsteht eine neue Fliegengeneration. Vielleicht mag man sich an den Schulunterricht erinnern: Mit der Hilfe von Drosophila ließen sich zum Beispiel die Koppelung von Genen, Cross-over oder die Wirkung von Radioaktivität auf das Erbmaterial erforschen.
Seit 100 Jahren die interessantesten Versuchstiere
Es war auch nicht überraschend festzustellen, dass Fruchtfliegen in ihrem Verhalten grundsätzlich von ihren Genen gesteuert sind. Ihr Sexualverhalten oder ihre Tagesrhythmik zum Beispiel sind genetisch festgelegt.
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Bald gab es noch weitere interessante Resultate: Die Fruchtfliegen-Genetik sowie die Wirkung und Verschaltung von Genen lässt sich sogar teilweise auf den Menschen übertragen. Denn Genkarten zeigten, dass etwa 75 Prozent der Drosophila-Gene in der Grundform auch denen von uns Menschen entsprechen. Sicher ist auch, dass sich manche Krankheiten oder Alterserscheinungen mit Hilfe von Drosophila erforschen lassen.
Doch als das Verhalten der Fruchtfliegen studiert wurde, riefen die Forschungen Erstaunen hervor. Ein paar Ergebnisse, die belegen, was diese Minifliege mit ihrem klitzekleinen Gehirn von 0,25 Milligramm alles kann.
Fruchtfliegenmännchen zeigen bei der Balz Revierverhalten
Fruchtfliegen-Männchen sind keineswegs alle gleich. Während der Balz zeigen sie ein Revierverhalten. Sie stoßen sich, drohen oder erzeugen Laute. Aber nicht jedes Männchen gleicht dem anderen in seinem Verhalten. Sie sind Individuen, sie lernen, welches Verhalten sich in der Situation lohnt oder sich bei einem Weibchen auszahlt.
Und es gibt unter den Männchen furchtlose Angeber und solche, die sich eher dezent oder wie schlichte Mauerblümchen darstellen. Wie gut Fruchtfliegen lernen können, überraschte die Forschung ebenso. Denn sie können sich Gegenstände merken. Wenn diese verschwinden, wissen Fruchtfliegen sehr wohl, wo sie sich vorher befanden.
Die winzigen Fliegen wissen auch, ob es sich lohnt, ein Hindernis zu bewältigen. Wird die Situation kompliziert, scheinen sie erstmal nachzudenken - und dann wird angemessen gehandelt.
Drosophilae lassen sich trainieren und spielen auch
Selbstverständlich gibt es Fliegen, die ihre Fähigkeiten gut einschätzen können und andere, die sich maßlos überschätzen. Sogar trainieren lassen sich die Fruchtfliegen. Es gelingt ihnen, einfache Aufgaben zu lösen. Junge Fliegen lernen noch gut; doch ältere - das überrascht nicht - weniger.
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Aber das war für Forscher eine Überraschung: Fruchtfliegen spielen. Im jungen Alter noch gern, später werden sie ruhiger. Vieles, was Fruchtfliegen lernen und können, scheint durchaus an das Verhalten von Wirbeltieren und uns Menschen zu erinnern.
Fruchtfliegen können weitaus mehr als anfangs gedacht. Sie sind keine Automaten mit genau vorhersehbarem Handeln. Sie sind Individuen. Es deutet sich mehr und mehr an, dass die „primitiven“ Insekten ein weitaus komplexeres Verhalten zeigen.
Der Autor, die Serie und das Buch
Was kreucht und fleucht in der Region? Wolfgang Kurtze, promovierter Biologe und Vorsitzender der Lions-Naturschutz-Stiftung, schreibt über Phänomene und Kuriositäten in der Natur. Die erfolgreiche TAGEBLATT-Serie „Phänomene der Natur“ rückt kurzweilig Wissenswertes aus der Natur in den Mittelpunkt. Der zweite, reich illustrierte und in Jahreszeiten gegliederte Band von Wolfgang Kurtze ist für 19,90 Euro im Buchhandel erhältlich. Herausgeber ist die Lions Stiftung Stade zur Förderung des Natur- und Umweltschutzes.
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