Expertin: Kind des Stader Täters „trägt diese Last sein Leben lang“
„Es trägt diese Last sein Leben lang“: Das sagt eine Expertin über das kleine Kind des mutmaßlichen Täters von Stade. (Archivbild) Foto: Kai Moorschlatt/dpa
Die schreckliche Bluttat in Stade mit sechs Toten bewegt viele Menschen. Was bedeutet so etwas für die Kinder von Täter und Opfern?
Stade/Hannover. Nach den Schüssen mit sechs Toten in Stade sind nach Expertenmeinung die Folgen für das Kind des mutmaßlichen Täters völlig aus dem Blick geraten. „Es trägt diese Last sein Leben lang“, sagte Selin Arikoglu, Professorin für soziale Arbeit mit Schwerpunkt Kinder- und Jugendhilfe, der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“. „Wie wächst dieses Kind auf mit dem Wissen, dass sein Vater sechs Menschen getötet hat?“, fragte sie.
Therapeutische Unterstützung gefordert
Betroffen seien auch die beiden Kleinkinder der getöteten Sozialarbeiterin, die nun Vollwaisen seien: „Wir müssen die Angehörigen der Opfer und auch die der Täter mehr in den Blick nehmen“, sagte die Professorin. Notwendig seien therapeutische Unterstützung und eine enge Zusammenarbeit zwischen allen Institutionen: Jugendhilfe, Schulen und Beratungsstellen.
Der 45 Jahre alte mutmaßliche Täter soll Ende Juni in einer Mutter-Kind-Einrichtung in Stade sechs Menschen getötet haben, darunter jeweils drei Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Jugendamtes Hannover und der Einrichtung. Hintergrund soll ein Sorgerechtsstreit um die zur Tatzeit drei Monate alte Tochter des mutmaßlichen Schützen gewesen sein. Der Mann starb im Gefängnis.
Tat holt Kind in der Jugend ein
Spätestens in der Jugend werde das Kind „durch Medienberichte damit konfrontiert“, sagte die Expertin. „Ich habe für eine Studie Kinder von Inhaftierten befragt - ein Vater war 18 Jahre mit Unterbrechungen in Haft. Seine Tochter leidet noch heute unter einer posttraumatischen Belastungsstörung. Hinzu kommen Scham, Schuldgefühle, Isolation, Stigmatisierung.“
Sie kritisierte, dass es zu wenig Unterstützungsangebote gebe. „Im Gefängnis liegt der Fokus auf den Inhaftierten“, sagte Arikoglu. „Was passiert denn bei so einem Besuch? Das Kind wird kontrolliert, es sieht uniformierte Menschen, die aussehen wie Polizisten - und entwickelt Angst vor der Polizei. Das Kind braucht vielmehr Begleitung, Aufklärung und das Gefühl, nicht allein zu sein.“
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