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Auf dem Podium

T5 Anliegen Jugendlicher für Stader Kommunalpolitik - und die Antworten

Enrico Bergmann (FDP), Elena Brückner (SPD), Sebastian Klinge (CDU), die Moderatoren Lynette Riedel und Adrian Gaus, Tim Evers (Grüne) und Michael Quelle (Linke, von links) mit Schülerpublikum in der Aula der IGS.

Enrico Bergmann (FDP), Elena Brückner (SPD), Sebastian Klinge (CDU), die Moderatoren Lynette Riedel und Adrian Gaus, Tim Evers (Grüne) und Michael Quelle (Linke, von links) mit Schülerpublikum in der Aula der IGS. Foto: Richter

Ist die Jugend politisch desinteressiert? Nein. Eine spannende Diskussion mit Stader Kommunalpolitikern und Schülern der IGS zeigt: Es braucht nur das richtige Format und lebensnahe Themen.

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Von Anping Richter
Freitag, 10.04.2026, 19:00 Uhr

Stade. Tim Evers war 19, als er in den Stader Rat gewählt wurde. Heute ist er 23 - und will junge Menschen für die Kommunalpolitik begeistern. Dafür hat er sich ein Format überlegt und unter Ratskollegen aller Fraktionen Mitstreiter gesucht. Möglichst junge, was gar nicht so einfach war. Doch jetzt ist Premiere in der IGS Stade. Außer Tim Evers (Grüne) sind dabei: Sebastian Klinge (29 Jahre, CDU), Elena Brückner (42, SPD), Enrico Bergmann (43, CDU) und Michael Quelle (72, Linke). Hendrik Deede (UBLS) war kurzfristig verhindert.

Die Politiker haben vorab in den Jahrgängen 10, 11 und 12 besprochen, welche Themen den Schülern am Herzen liegen. Daraus wurde eine Kernthemen-Agenda und mit Unterstützung von Ingo Waldvogel, dem Leiter des Fachbereichs Gesellschaftswissenschaften, ein Veranstaltungskonzept: Aus fünf Überraschungseiern darf jeder Politiker eins von fünf Themen ziehen und dazu zwei Minuten Stellung nehmen. Die anderen dürfen bis zu einer Minute kommentieren.

Durch die Veranstaltung führen Lynette Riedel und Adrian Gaus. Sie achten streng auf die Redezeit-Stoppuhr - und holen mit grünen und roten Ja-Nein-Zetteln direktes Feedback von den Schülern ein.

Thema 1: Der ÖPNV ist lückenhaft und für Schüler zu teuer. Orte wie Düdenbüttel oder Harsefeld sind unzureichend angebunden, Busse fahren abends zu selten.

„Mobilität ist Freiheit“, sagt Enrico Bergmann. Für eine bessere Anbindung setze die FDP Stade auf kleinere Busse und eine höhere Taktung. Im autonom fahrenden öffentlichen Nahverkehr (ÖPNV) sieht er für die Zukunft große Chancen.

Michael Quelle fordert unentgeltlichen ÖPNV für alle und die Rückkehr des 9-Euro-Tickets. Für Schüler und Auszubildende solle auch das komplett gratis sein. Eine Stadtbahn für Stade sei eine gute Idee und schon in den 90er Jahren von Schülern entwickelt worden. Elena Brückner will mehr Druck bei der Wiederbelebung der EVB-Strecke nach Bremervörde - und die Kosten für das Deutschlandticket reduzieren.

Allerdings: Nahverkehr ist nicht Aufgabe der Stadt, sondern von Kreis, Land und Bund. Nachfrage: Wie soll die Stadt kostenlosen Nahverkehr bezahlen? Quelles Antwort: Die Kommunen seien unterfinanziert. Der Bund müsse das mit Einsparungen bei der Rüstung finanzieren - und einer Reichensteuer: „Deshalb steht auf meinem T-Shirt: Tax the Rich.“

2. Sicherheit und Lebensqualität: Viele Jugendliche meiden Angsträume wie Bahnhof und Pferdemarkt.

Tim Evers setzt auf Sozialarbeit, will mehr Anlaufstellen schaffen und den Ankerplatz einbinden, um „Probleme an der Wurzel zu packen“. Klinge weist auf den Kommunalen Ordnungsdienst (KOD) hin, der beschlossen wurde. Streetworker seien eine gute, aber nur auf lange Sicht effektive Maßnahme.

„Sechs Leute vom KOD können nicht 24/7 alles abdecken“, sagt Elena Brückner. Prävention sowie die Umgestaltung von Plätzen und bessere Beleuchtung seien wirksamer - und beschlossen. Michael Quelle verweist auf das Gewaltmonopol des Staates. Der solle lieber die Polizei besser ausstatten und für mehr Sozialarbeit sorgen.

Nachfrage: Wie wäre es, mehr Kameras und am Bahnhof auch Nothilfeknöpfe zu installieren? Klinge will die Idee mit in die Fraktion nehmen. Evers schlägt die Safe-Now-App vor, erprobt am Hamburger Hauptbahnhof: Ein Handyklick alarmiert die Sicherheitskräfte zum Standort. Quelle fordert ein kostenloses Nachttaxi für Frauen und Mädchen, bezahlt durch die Stadt.

3. Freizeit: Es mangelt an wettergeschützten Räumen ohne Konsumzwang - und was ist mit dem Surfpark?

Michael Quelle findet es sinnlos, in einen Surfpark zu investieren, dessen Eintrittspreise sich nur wenige leisten könnten. „Wir brauchen ein selbstverwaltetes Jugendzentrum. Kämpft dafür“, sagt er und regt auch ein Jugendparlament mit eigenem Budget an. Klinge verweist auf bestehende Angebote in Ortschaften und Stadtteilen. „Sagt dort, was ihr euch wünscht“, rät Brückner.

Nachfrage: „Denken Sie, dass der Surfpark viele Kinder ausschließen wird?“ Die Preise seien noch gar nicht bekannt, antwortet Bergmann, zudem sollen auch Angebote wie Kletterpark und Padel-Court entstehen. Elena Brückner war in der Schule in einer Surf-AG und hält eine Kooperation mit Schulen und dem VfL für denkbar. Dann werde es zugänglich. Klinge sagt: „Auch, wenn das Surfen nicht billig wird: Es ist ein Highlight, das man sich mal gönnen kann.“ Evers findet das Surfpark-Projekt „zu teuer, auch wegen Umweltbelastungen. Es spricht zu wenige an und passt nicht in unsere Zeit“.

„Glaubt ihr, dass Politiker in Sachen Freizeit etwas für euch bewirken können?“, fragen die Moderatoren. Die Zettelabstimmung der Schüler zeigt ziemlich klar: eher nicht.

4. Schulmensa und Ernährung: Schüler finden das Essen zu teuer und nicht lecker.

Bei aller Kritik - Essen sei Geschmackssache, sagt Sebastian Klinge. „Ladet doch die Bürgermeisterkandidaten zum Essen in eurer Mensa ein“, schlägt Elena Brückner vor.

Nachfrage: Warum wurde die Einführung von Cook-and-Chill an der IGS abgelehnt? Die SPD hatte das mit Unterstützung der Eltern beantragt. Die Methode sei gut, aber das Installieren erfordere teure Umbauten, erklärt Klinge. Deshalb soll Cook-and-Chill nur kommen, wenn ohnehin eine Sanierung ansteht - und da seien erst andere Schulen dran.

Quelle fordert „kostenloses, leckeres und gesundes Schulessen für alle“. Ein Schüler schlägt vor, die Preise zu erhöhen, um die Qualität zu verbessern. Familien mit geringem Einkommen könnten diskret Ermäßigung bekommen.

5. Beteiligung: Politiker kommen nur auf uns zu, wenn Wahl ist.

Schulen wollten einige Jahre keinen Besuch von Politikern, erklärt Elena Brückner. Doch der Altersdurchschnitt im Stadtrat sei bei über 50 Jahren und die Beteiligung Jugendlicher wichtig. Sie organisieren gerade an weiteren Stader Schulen ähnliche Veranstaltungen - und wollen das künftig jedes Jahr tun.

Würdet ihr euch in der Kommunalpolitik engagieren? Die Antwort fällt gemischt aus.

Würdet ihr euch in der Kommunalpolitik engagieren? Die Antwort fällt gemischt aus. Foto: Richter

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