TGeplante Einsparungen: Ärzte im Kreis Stade warnen vor Praxissterben
Der niedergelassene Kardiologe und Sportmediziner Stephan Brune ist Bezirksausschuss-Vorsitzender der Bezirksstelle Stade der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN). Foto: Karsten Wisser
Die Bundesregierung plant drastische Einsparungen im Gesundheitswesen. Niedergelassene Ärzte im Stader Raum warnen vor möglichen Folgen und bringen Alternativen ins Spiel.
Landkreis. Die von der Bundesregierung eingesetzte Finanzkommission Gesundheit plant, im ambulanten Bereich jährlich rund fünf Milliarden Euro einzusparen – ein Minus von zehn Prozent. Vorgesehen sind die Streichung der Vergütungsregelungen des Terminservice- und Versorgungsgesetzes, der Wegfall diverser Zuschläge wie für offene Sprechstunden und Neupatientenregelung sowie die Rückkehr zur Budgetierung psychotherapeutischer Leistungen.
Ambulant ist besser als stationär
Mit diesen Vorschlägen will die Kommission das Milliardendefizit der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) ausgleichen. Doch die Pläne werden bei niedergelassenen Ärzten kritisch gesehen. „Reformen im Gesundheitswesen sind nötig, darüber herrscht Einigkeit“, sagt Dr. Stephan Brune, Kardiologe, Sportmediziner und Vorsitzender des Bezirksausschusses der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) in Stade. Er vertritt 1000 niedergelassene Ärzte zwischen Neu Wulmstorf und Bremerhaven.
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Brune warnt, die Vorschläge der Kommission könnten das Praxissterben in der Region beschleunigen. Schon jetzt schließen im Landkreis Stade Arztpraxen, weil Nachfolger fehlen, wie das TAGEBLATT mehrfach berichtete. „Wir brauchen mehr ambulante Behandlungen durch niedergelassene Ärzte und weniger stationäre Aufenthalte in Krankenhäusern“, kritisiert Brune die Verteilung der Mittel im Gesundheitssystem.
Probleme, einen Hausarzt zu finden
Seine Argumente stützt er mit Zahlen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV): 97 Prozent der ambulanten Behandlungsfälle werden mit nur 16 Prozent der Gesamtausgaben der gesetzlichen Krankenversicherungen finanziert. Ein Krankenhauspatient kostet im Schnitt 13-mal so viel wie ein ambulant behandelter. Besonders kritisch sieht Brune die geplante Rückkehr zur Budgetierung bei Haus- und Kinderärzten.
Bis 2025 galt eine Obergrenze für die Vergütung gesetzlich versicherter Patienten. Wer mehr behandelte, musste Honorarkürzungen hinnehmen. „Schon jetzt finden viele keinen neuen Hausarzt. Das wird sich verschärfen“, warnt Brune. Gerade im ländlichen Raum könnte mit ohnehin zu wenig Hausärzten eine erneute Deckelung der Patientenzahlen negative Auswirkungen haben. In den Planungsbereichen Stade und Buxtehude sind jeweils 13 Hausarztstellen nicht besetzt. Die vorhandenen Ärzte dürfte man nicht einschränken, so Brune.
Das hätte auch Auswirkungen auf die Elbe Kliniken Stade und Buxtehude. In die Notaufnahme würden noch mehr kommen, die dort eigentlich nicht hingehörten, so Brune.
Zudem sollen Hausärzte künftig keine Patienten mehr mit Priorität an Fachärzte überweisen dürfen. Brune befürchtet, dass dadurch viele Termine verloren gehen. „Fachärzte bekommen nur 80 Prozent ihrer Leistungen vergütet, den Rest tragen sie selbst“, erklärt er zudem die Lage der Fachärzte. Nimmt die Reform den Fachärzten finanzielle Anreize, mehr Patienten, gingen viele Termine verloren. Jede Praxis, jedes Medizinische Versorgungszentrum sei ein Unternehmen, das wirtschaftlich funktionieren muss. Dafür trügen die Inhaber die persönliche Verantwortung, so Brune.
Studie: Deutsche gehen oft zum Arzt
Um die Kosten im Gesundheitssystem zu senken, schlägt Brune andere Maßnahmen vor. Er fordert Anreize für Prävention und eine Begrenzung der Arztbesuche. Laut einer OECD-Studie von 2020 suchen Deutsche im Schnitt 9,6-mal pro Jahr eine Arztpraxis auf - mehr als der OECD-Durchschnitt von sechs Besuchen. Nur in der Slowakei, Japan und Korea sind die Zahlen höher. „Unsere Lebensweise beeinflusst maßgeblich, ob wir krank werden“, betont Brune.
Er plädiert dafür, gesetzlich Versicherten Rückvergütungen zu gewähren, wenn sie auf Arztbesuche verzichten - ein Modell, das es bei Privatversicherten bereits gibt. Brune befürwortet auch eine Kontaktgebühr von drei bis vier Euro pro Arztbesuch, um die Anzahl der Besuche zu verringern. KBV-Chef Andreas Gassen hatte diese Kontaktgebühr vorgeschlagen.
Zur Erklärung haben wir den Text durch den Hinweis „der Gesamtausgaben der gesetzlichen Krankenversicherungen“ in dem Satz „97 Prozent der ambulanten Behandlungsfälle werden mit nur 16 Prozent der Gesamtausgaben der gesetzlichen Krankenversicherungen finanziert“ ergänzt.
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