TIn Lebensgefahr: So erlebte Heinrich von Allwörden die Sturmflut auf Krautsand
Heinrich von Allwörden hat die Sturmflut 1976 auf Krautsand erlebt. Foto: Klempow
Eine Insel ohne Deich. Höfe auf Wurten. Familien, die auf sich gestellt sind. Die Krautsander kennen Sturmfluten. In dieser Nacht aber hat Heinrich von Allwörden eine Lebensretterin.
Krautsand. Es ist der 3. Januar 1976, Krautsand ist überflutet. Anne und Heinrich von Allwörden sind allein auf ihrem Hof. „Sie hat mir das Leben gerettet“, sagt Heinrich von Allwörden.
Er hat die Katastrophe als junger Mann erlebt. Von diesem Tag und dieser Nacht zu erzählen, fällt ihm nicht leicht. Für den Gesprächssalon der AG Osteland hat er sich die Sturmflut in Erinnerung gerufen.
Das Haus ist frisch renoviert
An diesem 3. Januar vor 50 Jahren bahnt sich die Katastrophe an. Von Allwördens bewirtschaften in vierter Generation den großen Hof auf Krautsand. Das Haus steht am Wischhafenersand auf einer Wurt und allein auf weiter Flur.
Anne und Heinrich von Allwörden sind noch kein Jahr verheiratet. Das Haus ist just renoviert, die Küche nagelneu. Die Alten sind nach Drochtersen aufs Altenteil gezogen. Jeden Morgen kommt der Vater zum Helfen. Auch an diesem Morgen. Ebbe und Flut gehen fließend ineinander über. „Das geht heute nicht gut“, sagt der Vater.
Vorbereitungen auf die Flut
Das junge Paar bereitet sich vor. Sie bringen Lebensmittel, Papiere, Taschenlampen und Kerzen nach oben auf den Boden. Trecker und Autos fährt Heinrich von Allwörden so weit es geht auf die Hofwurt.
Der Sturm wütet, die Flut kommt. So schnell, dass die Tiere schon im Wasser stehen. Es ist noch hell. Von Allwörden eilt in den Stall, an der geschützten Hausseite entlang. Auf der Wetterseite wäre kein Durchkommen, die Wellen sind zwei Meter hoch. Im Stall steht er im eiskalten Wasser, schneidet mit dem Messer die Seile der verängstigten Bullen los, damit sie ihren Kopf über Wasser halten können.
Nach dem Deichbruch andernorts fällt das Wasser
Zurück im Haus kann er sich auf dem Boden aufwärmen. Sie warten. Plötzlich wird es nachmittags ruhig auf dem Hof. Das Wasser ist gefallen. Die Bullen können wieder ruhig stehen. Der Deichbruch andernorts ist sofort zu spüren.

Die alte Hofstelle der von Allwördens vor der Sturmflut. Mit ihrem Betrieb siedelten sie vor einigen Jahren an den Ortsausgang Krautsand um. Foto: Archiv von Allwörden
Aus der Wohnung klingen Geräusche. Das junge Paar steigt nach unten. Das Wasser ist weg. Schlamm, Dreck, Reet und Feuerholz sind ins Haus gespült. Sechs, sieben Bullen stehen in der Wohnung. Es stinkt nach Heizöl. Der 7000-Liter-Heizöltank ist aus der Verankerung gehoben und von den Wellen gegen die Giebelseite der Scheune gedonnert worden. Die Ziegel sind aus den Gefachen der Hauswand gerissen. „Ein Chaos“, sagt von Allwörden.
Schwer verletzt in der Werkstatt
Inzwischen ist es dunkel. Das Paar macht die Runde über den Hof. An der Scheune fehlen die Tore, „vier Meter hohe Tore, von den Wellen aus den Angeln gehoben und verschwunden“. Rund um die Wurt steht das Wasser noch drei Meter hoch. Der junge Landwirt will die Tiere in der Scheune sichern.
In der Werkstatt ist „alles durcheinander und kopfüber“, das sehen sie im Schein der Taschenlampe. Alles ist rutschig und glitschig. Von Allwörden weiß, wo die Holzgitter sind. Aber sie sind verhakt. Er reißt am Gitter, rutscht aus - und rammt sich die Klinge eines Mähmaschinenmessers in den Unterschenkel. Er spürt, wie ihm „das warme Blut in den Gummistiefel läuft“.
50 Jahre Sturmflut
T Brüllendes Vieh und tosender Orkan: Als der Deich in Drochtersen brach
Er läuft über den Hofplatz und zur Bodentreppe, ruft seiner Anne zu „ich bin verletzt“, merkt, wie ihm schwummrig wird. Er legt sich oben hin, das Bein hoch. Anne von Allwörden sieht, dass die Hauptschlagader im Unterschenkel durchtrennt ist. Ein Handtuch kann die Blutung nicht stoppen. Annes Idee: ein Druckverband. Mit einem Unterhemd und einem Pümpel improvisieren sie, drehen den Ärmel so fest, dass die Blutung stoppt. Aber sie wissen: Das wird nicht ausreichen.
Neuer Druckverband im Kerzenschein
Sie sind von der Außenwelt abgeschnitten, kein Strom, kein Telefon und umgeben von Wasser. Anne von Allwörden kämpft sich bis zum Auto, das bis unters Dach im Wasser steht und angelt sich den Verbandskasten. Gemeinsam lösen die beiden den Knoten am abgebundenen Bein. „Im Schein einiger Kerzen konnten wir sehen, dass kein Blut mehr austrat“, so von Allwörden. Die beiden legen gemeinsam einen neuen Druckverband an. So verbringen sie bangend die Nacht.
Am nächsten Morgen kommt Nachbar Hermann Bargstedt. Er kämpft sich zehn Kilometer mit dem Fahrrad bis nach Drochtersen, zum Teil durch reißende Strömung, um Hilfe zu holen. Kurz vor Mittag kommt die Hilfe aus der Luft: Heinrich und Anne von Allwörden werden mit dem Bundeswehrhubschrauber ausgeflogen. Von Allwörden bleibt eine Woche im Krankenhaus.
Krautsand ist durch die Flut verwüstet
Als die Rettungskräfte am 4. Januar auf Krautsand eintreffen, sehen sie ertrunkenes Vieh, umgestürzte Bäume, zerstörte Häuser. Allein bei von Allwördens geht der Schaden in die Hunderttausende. 60 Prozent Entschädigung zahlt später der Staat. Von Allwördens Bullen überstehen die Katastrophe, auch die 30 Pferde, darunter tragende Stuten. Zwei Jahre später hat auch Krautsand einen Schutzdeich.

Das Wohnhaus auf dem Hof in Krautsand nach der Sanierung. Die Flut hatte Ziegelsteine aus den Gefachen gerissen. Foto: von Allwörden
Die Erinnerung an die Sturmflutnacht sitzt tief bei Heinrich von Allwörden, ebenso wie die Dankbarkeit für die beherzte Tatkraft seiner Frau Anne, die 2019 verstorben ist. „Sie hat mich gerettet“, sagt er.
E-Paper: 50 Jahre Flut
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