TInspiriert von Untoten: Kriminalgeschichte spielt im historischen Harsefeld
Autor und Historiker Martin Schemm bedient sich für seine Romane gerne an Mythen und Sagen aus dem ländlichen Raum. Foto: privat
In Harsefeld glaubte man an Untote. Das belegen archäologische Ausgrabungen. Autor Martin Schemm nimmt das als Basis für sein Buch. Aber warum ausgerechnet Harsefeld?
Harsefeld. Harsefeld im Jahr 1799: Der Amtsschreiber Heinrich findet eine bewusstlose, abgemagerte Frau am Ufer der Aue. Ihre Haut ist fahl, ihre Kleidung zerschlissen. Wer sie ist und woher sie kommt, kann die junge Frau nicht sagen. Schnell macht sich im Ort das Gerücht breit, sie könnte eine Untote sein. Dass diese Wesen nachts aus ihren Gräbern steigen, daran glaubte man in Harsefeld vor mehr als 200 Jahren noch fest.
In seinem neuesten Roman „Die geheimnisvolle Fremde“ macht Autor Martin Schemm das historische Harsefeld zum Schauplatz seiner fiktionalen Kriminalgeschichte. Diese spielt rund um den Erzähler Heinrich und die mysteriöse Unbekannte, auf die bald schon ein Attentat verübt wird.
Auch wenn das so nie passiert ist, steckt viel Wahres in dem Roman. Schemm stützt sich auf belegte Fakten aus der Geschichte des Fleckens und ließ sich von Lokalkolorit und ländlichem Aberglauben der damaligen Zeit inspirieren.

Autor und Historiker Martin Schemm bedient sich für seine Romane gerne an Mythen und Sagen aus dem ländlichen Raum. Foto: privat
„Die Sagen rund um Harsefeld haben mich fasziniert“, sagt Schemm. Heute arbeitet der studierte Historiker beim Hamburgischen Beauftragten für Datenschutz und Informationsfreiheit. Nebenberuflich schreibt der 61-Jährige Romane: Ob Science Fiction, Horror oder Fantasy - es gibt immer einen Bezug zur Realität.
Da hilft Schemm seine Leidenschaft für Historisches und Übernatürliches. „Gerade das ländliche Niedersachsen steckt voll von Mythen und Sagen“, weiß Schemm. Er nutzt diese als Inspiration für seine Romane und lässt dann seiner Fantasie freien Lauf. Etwas, das heute viel zu selten gebraucht wird, findet er.
Inspiration: Als Untote in Harsefeld wandelten
Die Idee, eine weibliche, an das Findelkind Kaspar Hauser angelehnte Figur in den Mittelpunkt seiner Geschichten zu stellen, gab es schon länger. Dass Schemm dann Harsefeld als Schauplatz wählte, ergab sich, als er in der Zeitung von archäologischen Ausgrabungen am Kloster las.
In der Art der dort vorgefundenen Totenbestattung fanden sich Hinweise darauf, dass die Menschen in Harsefeld an Wiedergänger oder Untote glaubten. So wurde ein Toter mit dem Kopf nach unten begraben gefunden. Einem anderen Toten wurde nachträglich ein Findling auf den Kopf gelegt, ein weiterer wurde gefesselt in sein Grab gelegt.
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Die Maßnahmen deuten laut wissenschaftlichen Erkenntnissen darauf hin, „dass während des Mittelalters im westlichen Kreuzgang des Klosters zwei Wiedergänger vermutet wurden, die durch verschiedene Abwehrmaßnahmen gebannt werden sollten“, schreibt Kreisarchäologe Daniel Nösler im Jahrbuch Geschichte und Gegenwart 2014. Unter anderem mit seiner Arbeit hat sich Schemm für den neuen Roman beschäftigt.
Historische Karten zeigen das alte Harsefeld
Selbst war Schemm mit seiner Frau schon oft zum Wandern in Harsefeld. Die Spannung zwischen ländlicher Idylle und gruseligem Aberglaube war für ihn der perfekte Schauplatz für seinen Kriminalroman. Dieser spielt während der Aufklärungszeit. Aberglaube stand Vernunft und Bildung gegenüber. Schemm wählte daher Amtsschreiber Heinrich als seinen Ich-Erzähler und Ermittler. Der hat durch seinen höheren Bildungsgrad zwar einen rationalen Blick, lässt den Leser aber gleichzeitig ganz nah heran.
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Bei der Recherche arbeitete Martin Schemm mit historischen Dokumenten, Kirchenchroniken und alten Karten aus der Zeit. „Ich habe eine gute Vorstellung davon bekommen, wie das historische Harsefeld ausgesehen hat - wo welche Häuser standen und wo welche Wege verliefen“, erklärt er. Das könne man mit heute kaum vergleichen. Viele Orte seien umbenannt worden oder existieren heute gar nicht mehr.

Die roten Gebäude fielen 1799 dem Feuer zum Opfer. Foto: Malte Breier
Wer „Die geheimnisvolle Fremde“ liest, könnte aber einiges wiedererkennen - etwa den alten Ortskern, die Klosterteiche oder den Rellerbach. Und auch das Jahr dürfte bei vielen für gespitzte Ohren sorgen: 1799 ist auch das Jahr, in dem ein Großbrand in Harsefeld fast den gesamten Ortskern zerstörte.
„Die geheimnisvolle Fremde“ von Martin Schemm, 224 Seiten, ISBN 978-3-95494-239-8, ist im Buchhandel und im Internet erhältlich.

"Die geheimnisvolle Fremde" gibt es im Buchhandel zu kaufen. Foto: privat
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