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Angst vor Untoten im Landkreis Stade

Ein Totenschädel mit einem wuchtigen Fels beschwert. Die Gebeine eines Abtes, samt Vorhängeschloss. Warum? Der Stader Kreisarchäologe Daniel Nösler stieß auf eine tief verwurzelte Angst. Vor Untoten, Wiedergängern, Nachzehrern, Vampiren. Und schrieb ein Buch darüber.

Von Grit Klempow Freitag, 28.10.2016, 12:03 Uhr

Die Spuren des Wiedergängerglaubens reichen von der Altsteinzeit bis in die Gegenwart. „Wenn der Glaube an die Rückkehr der Toten so alt ist wie die Menschheit selbst, dann sind wir nur die erste Generation, die nicht mehr an sie glaubt. Dann ist die rationale Schicht, die wir über diese Urangst gelegt haben, nur so dünn wie die Eisschicht über dem Gartenteich nach der ersten Frostnacht.“ So formulieren es Nösler und seine Hamburger Kollegin Angelika Franz im gemeinsamen, just erschienen Buch.
Kreisarchäologe Daniel Nösler hat das Buch während seiner Elternzeit geschrieben, akribisch hat das Autoren-Duo Überlieferungen, wissenschaftliche Berichte und Dokumentationen gesammelt. Sie haben sich mit Bestattungsriten beschäftigt, die Untoten beim Namen genannt, nach naturwissenschaftlichen Erklärungen geforscht und alles zusammen in ein Buch gepackt. Fundiert recherchiert, mit Humor und packend geschrieben.

Daniel Nösler hat Beweise dafür, dass der Glaube an jene, die aus dem Grab steigen, ruhelos oder rachsüchtig, eben weltweit, ganz bestimmt aber auch in dieser Region verankert war. Beim Digitalisieren und Sortieren der Dias, die die Ausgrabungen am ehemaligen katholischen Benediktiner-Kloster Harsefeld zeigen, stieß er auf Merkwürdigkeiten. Im Bodenprofil zeichnete sich auf dem Bild ein schmaler Schacht ab, an dessen Ende ein amtlicher Felsbrocken lag – auf dem Kopf des Toten. „Das Grab ist ganz klar noch einmal aufgemacht worden, dann hat man den Stein hinein gesenkt.“ Anlass genug für Nösler, weiter in Sachen Wiedergängerglaube zu recherchieren. „Aus der Neugierde wurde schnell Jagdeifer – denn wir fanden viel mehr als erwartet. ...Unter der kleinen sichtbaren Spitze aus publizierten Grabungsergebnissen und volkskundlichen Befragungen fanden wir ziemlich schnell einen riesigen Eisberg des Untodes“, schreiben die Archäologen.
Auch in dieser Region.

Aus dem späten 7. oder 8. Jahrhundert stammt ein Wiedergängergrab in Stade an der Schwedenschanze. Der Verstorbene wurde mit drei großen Steinen auf Kopf, Becken und den Füßen am Aufstehen gehindert.
Bei der Ausgrabung an der St.-Martin-Kirche in Oldendorf fanden die Archäologen 2009 eine doppelte Nachzehrerbestattung des 12. Jahrhunderts. Der eine bekam einen fremden Oberschenkelknochen unter das Kinn. Für ein späteres Grab wurden ihm oberhalb der Knie die Beine abgehackt. Auch der zweite Tote wurde mit Argwohn beerdigt, als Schutzmaßnahme bekam er einen Stein unters Kinn und in den Mundbereich. „Das deutet auf Bannmaßnahmen hin“, sagt Nösler.
Eine unübersehbare und unvergängliche Sicherheitsmaßnahme nahm ein Abt in Harsefeld mit ins Grab. In den 1960er Jahren wurde in der ehemaligen Klosterkirche umgebaut, die Arbeiter stießen auf Gräber, nah am Altar. Alle Äbte lagen so, „wie es sich für gute Benediktineräbte gehörte“. Nur der eine eben nicht. Zwischen seinen Unterschenkeln lag ein großes eisernes Vorhängeschloss, damit er bloß bliebe, wo er beerdigt worden war.

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