Zähl Pixel
Fredenbeck

TKampf für die Demokratie: Wolfgang Weh hat eine Zauberformel

Ertrag der eigenen Ernte: Der Fredenbecker Wolfgang Weh mit einer Flasche Saft von seinem Apfelbaum. Der Apfelbaum hat auch etwas mit seiner Zauberformel zu tun.

Ertrag der eigenen Ernte: Der Fredenbecker Wolfgang Weh mit einer Flasche Saft von seinem Apfelbaum. Der Apfelbaum hat auch etwas mit seiner Zauberformel zu tun. Foto: Meyer

Erst SPD, dann Grüne, aber schon immer Demokrat: Der Fredenbecker Wolfgang Weh weiß, wie man mit politischen Gegnern umgeht und die Demokratie vor der AfD rettet.

author
Von Thies Meyer
Mittwoch, 17.06.2026, 05:40 Uhr

Fredenbeck. Es ist nicht irgendein Apfelbaum, vor dem Wolfgang Weh (78) steht. Es ist der Apfelbaum, den ihm seine Zehntklässler 2008 nach ihrem erfolgreichen Abschluss in seinen Garten gepflanzt haben - als Zeichen der Dankbarkeit. Die Schüler konnten gut mit Weh und er gut mit den Schülern.

Als im letzten Herbst viele Äpfel am Baum hingen, kramte Weh nach der alten Klassenliste, wählte die alten Telefonnummern und klingelte im Elternhaus durch. Weh lud die Ex-Schüler ein: „Kommt und holt euch Äpfel von eurem Apfelbaum.“ Die meisten kamen, aßen einen Apfel und tranken ein Bier.

Seit 2011 ist Weh pensionierter Lehrer und in Fredenbeck bekannt für seine Ehrenamtsarbeit und seine 30-jährige Tätigkeit als Vorstandssprecher des Grünen-Ortsverbands. Als Lehrer setzte er immer auf eine Zauberformel - wie auch als Lokalpolitiker.

Wehs Weg vom Schulabbrecher zum Lehrer

Nach der neunten Klasse auf dem Gymnasium in seiner Heimat Lindenberg im Allgäu reichte es Schulmuffel Weh. „Liebe Leute, ich habe kein Bock mehr auf Schule“, imitiert Weh sein damaliges Ich. Weh hasste die Schule und brach sie ab, doch er begann sie durch seine Zeit als Ausbilder in Flensburg und Lehramtsstudent in Lüneburg zu lieben und wurde 1980 Lehrer in Fredenbeck.

Ein besonderer Ort: In Wolfgang Wehs Garten in Fredenbeck steht dieser Apfelbaum, den eine ehemalige Schulklasse hier als Dank für seine Arbeit als ihr Lehrer gepflanzt hat.

Ein besonderer Ort: In Wolfgang Wehs Garten in Fredenbeck steht dieser Apfelbaum, den eine ehemalige Schulklasse hier als Dank für seine Arbeit als ihr Lehrer gepflanzt hat. Foto: Meyer

„Vertrauen gegen Vertrauen“, war Wolfgang Wehs persönliche Zauberformel. „Du musst den Kindern deutlich machen, dass sie so viel Vertrauen in dich haben können, dass du sie auf dem Weg begleiten kannst.“ Auch Skeptiker im Dorf vertrauten ihm.

Die vielen Regale, die Wandbilder von Trondheim, Luxemburg und Lindau und der Blick durch die Fenster auf Apfelbaum sowie Reben im Garten zeigen: Weh liest viel, fotografiert gerne und produziert seinen eigenen Apfel-, Traubensaft und Wein.

Die vielen Regale, die Wandbilder von Trondheim, Luxemburg und Lindau und der Blick durch die Fenster auf Apfelbaum sowie Reben im Garten zeigen: Weh liest viel, fotografiert gerne und produziert seinen eigenen Apfel-, Traubensaft und Wein. Foto: Meyer

Wehs Weg vom Sozialdemokraten zum Grünen

Weh war in seiner Anfangszeit Fredenbecker Kreisvorsitzender der Jungsozialisten „mit langer Matte, Latzhose - und das im konservativen Fredenbeck“. Der Weinanbauer suchte den Kontakt zu Fredenbecker Großbauern, um ihnen die Angst zu nehmen, „dass ich ein verrückter linker Spinner bin“, sagt Weh. Vertrauen gegen Vertrauen. Bis heute ist das Verhältnis gut. Schlecht wurde das Verhältnis zu seiner eigenen Partei.

807 Kilometer müsste Wolfgang Weh von Fredenbeck mit dem Auto zurücklegen, um in seiner Heimat Lindenberg im Allgäu in der Nähe des Bodensees zu sein.

807 Kilometer müsste Wolfgang Weh von Fredenbeck mit dem Auto zurücklegen, um in seiner Heimat Lindenberg im Allgäu in der Nähe des Bodensees zu sein. Foto: Meyer

1995 brach Weh mit der SPD: „Ich war mit der Politik von Gerhard Schröder und einigen Genossen nicht einverstanden.“ Mit welchen „Spielchen“ Niedersachsens Ministerpräsident und SPD-Landesvorsitzender Schröder die eingleisige Kommunalverfassung, die seit 1995 den Bürgermeister auch zum Verwaltungschef macht, durchgebügelt habe, machte Weh sauer. Ein Vertrauensbruch. Wehs Kritik an Schröder ist lang und laut.

Nach dem Bruch mit den Genossen trat er Bündnis 90/Die Grünen bei. Der Wechsel überrascht nicht, wenn Weh sagt: „Ich habe schon immer gesagt, ich bin Grün im Herzen und Rot im Verstand.“

Wehs wichtigste Errungenschaften als Lokalpolitiker

In Fredenbeck hatte die Partei keinen Ortsverband. Weh gründete ihn mit Mitstreitern am 5. September 1995. 30 Jahre lang war er Vorstandssprecher. Eine seiner größten Errungenschaften, sagt der pensionierte Lehrer mit Blick auf seine Zeit als Kreistagsmitglied: Weh erreichte durch seine Politik, dass die IGS Stade und Förderschule Ottenbeck eingeführt und gebaut wurden.

Ganz raus bei den Fredenbecker Grünen ist Weh nicht. Er hilft zum Beispiel beim Plakatieren für den aktuellen Kommunalwahlkampf. Aber Weh sagt, er sei froh, wenn er nach seinem Rückzug als Vorstandssprecher nicht mehr an Termine gebunden sei.

Wehs Angst vor den „braunen Socken“ - auch in Fredenbeck

„Wer in der Demokratie schläft, wacht in einer Diktatur auf“, mahnte Weh am 17. Mai vor dem Fredenbecker Rathaus, um ein Zeichen gegen die AfD zu setzen. Das Erstarken der AfD bereitet Weh Sorgen, so dass er vor zwei Jahren die Initiative „Demokratie leben“ mitgründete.

„Ich gehe schwer davon aus, dass wir im Samtgemeinderat braune Socken kriegen“, sagt der ehrenamtlich Engagierte. Was können alle Demokratieverfechter in Deutschland tun, um die Demokratie zu schützen?

Wehs Überzeugungsarbeit, um mehr AfD-Wähler zu verhindern

Weh schwört auf einen rationalen Diskurs mit denen, die noch zu retten seien. Die „richtigen AfD-Leute“ könne man nicht mehr überzeugen, aber „latent AfD-affine Menschen“. Wenn der überzeugte Demokrat über die für ihn antidemokratische Partei redet, schäumt er fast, weil ihre Politik ihn so erschüttert.

Die AfD sei keine Partei für den Normalbürger. Das Gegenteil ist der Fall, sagt der Grüne, und deswegen müsse man argumentieren: Die AfD lehne Gewerkschaften, Mindestlohn und Mietpreisdeckel ab - „alles, was die kleinen Leute betreffen würde“. Durch Argumente das Vertrauen dieser Menschen zurückzugewinnen, ist Wehs Ziel.

Auch die Medien beflügelten den AfD-Aufwind, erklärt Weh. „Immer mehr Superreiche kaufen sich bestimmte Medien und machen Stimmung. Und die Bild-Zeitung ist ein Träger der AfD.“

Doch Weh denkt auch positiv. Er bezeichnet sich selbst als Optimist. Schleswig-Holstein sei ein „tolles Beispiel“, wo Demokratie funktioniere und gut regiert werde, sagt der Ex-Flensburger. Ministerpräsident Daniel Günther regiere mit seiner CDU und den Grünen geräuschlos - und ohne AfD im Landtag.

Copyright © 2026 TAGEBLATT | Weiterverwendung und -verbreitung nur mit Genehmigung.

Die Redaktion empfiehlt
Weitere Artikel