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Zeitgeschichte

TKriegsgräberstätte: Halepaghen-Schüler halten Erinnerungen wach

Landrat Kai Seefried und Schulpastorin Ellen Kasper tauschen sich mit Halepaghen-Schüler Sam Follmann (15) und Lehrer Duncan Kröger auf der Kriegsgräberstätte in Neukloster über die Geschichts- und Erinnerungstafel aus (von links).

Landrat Kai Seefried und Schulpastorin Ellen Kasper tauschen sich mit Halepaghen-Schüler Sam Follmann (15) und Lehrer Duncan Kröger auf der Kriegsgräberstätte in Neukloster über die Geschichts- und Erinnerungstafel aus (von links). Foto: Vasel

Sie erzählen keine Heldengeschichten. Halepaghen-Schüler haben eine Erinnerungstafel für die Kriegsgräberstätte Neukloster erstellt. Für sie ist es aktive Friedensarbeit.

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Von Björn Vasel
Sonntag, 08.03.2026, 17:50 Uhr

Neukloster. „Wir wollen das Gedenken, die Erinnerung und die Mahnung, in die Zukunft führen“, unterstrich der Kreisvorsitzende des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, Landrat Kai Seefried (CDU), bei der Einweihung der neuen Geschichts- und Erinnerungstafel vor der Kriegsgräberstätte im Neukloster Forst. Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg und die Verbrechen des NS-Regimes seien „eine aktive Arbeit für Frieden, Freiheit und Demokratie“.

Bildungsreferent Karl-Friedrich Boese vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge lobt das Engagement der Schüler.

Bildungsreferent Karl-Friedrich Boese vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge lobt das Engagement der Schüler. Foto: Vasel

Der Kreisvorsitzende der Kriegsgräberfürsorge lobte das Engagement der Halepaghen-Schüler, die mit ihrem Lehrer Duncan Kröger und ihrer Schulpastorin Ellen Kasper in die Archive eingetaucht und sich mit Experten wie Debbie Bülau ausgetauscht haben - auch außerhalb des Unterrichts. Gemeinsam erarbeiteten sie die Tafel-Texte. Die Stiftung der Stifter der Sparkasse Harburg-Buxtehude sicherte die Finanzierung. Landesweit gibt es 200 Geschichts- und Erinnerungstafeln des Volksbundes.

Mahnmale für den Frieden

Stellvertretend für seine Mitschüler ergriff Sam Follmann das Wort. „Kriegsgräberstätten sind Mahnmale für den Frieden“, betonte der 15-Jährige. Sie erinnerten die Nachwelt an die Opfer von Krieg und Gewalt: Väter, Mütter, Söhne und Töchter. Im Schatten mächtiger Bäume haben 118 Menschen ihre letzte Ruhestätte gefunden, unter ihnen fünf Zivilisten.

Auf dem Sammelfriedhof in Neukloster liegen überwiegend Wehrmachtsangehörige, die - kurz vor Kriegsende - noch im April 1945 in der Region gefallen sind. Der Krieg war längst verloren, am 22. April war Buxtehude kampflos an die Briten übergeben worden. In Neukloster griffen Deutsche noch am 23. April ein gepanzertes Aufklärungsfahrzeug (Dingo) mit einer Panzerfaust an; ein Haus brannte ab, der britische Soldat Richard Fitch starb.

Auch der Brite Richard Fitch starb in Neukloster.

Auch der Brite Richard Fitch starb in Neukloster. Foto: Archiv

„Diese Gräber erzählen keine Heldengeschichten. Sie erzählen von abgebrochenen Lebenswegen und von Schicksalen, die in Schützengräben endeten“, betonte die ehemalige Schulpastorin der Halepaghen-Schule, Ellen Kasper.

Blick auf die Kriegsgräberstätte im Neukloster Forst.

Blick auf die Kriegsgräberstätte im Neukloster Forst. Foto: Vasel

An der Einweihung der ab 1955 auf eine Initiative des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge errichteten Kriegsgräberstätte nahmen am 4. August 1957 rund 1500 Menschen teil. 200 von ihnen waren Angehörige der im Neukloster Forst bestatteten Kriegstoten.

Halepaghen-Schüler erzählen keine Heldengeschichten

Doch wer waren die Toten? Unter anderem ist Mitar Ivankovic hier begraben worden (Grab 114). Der am 17. Oktober 1912 in Serbien geborene Ivankovic war Kraftfahrer der Organisation Todt.

Die Bauorganisation beschäftigte Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und ‚freiwillige‘ Hilfskräfte - meist unter unmenschlichen Bedingungen. Er war bei einem Tiefflieger-Angriff der britischen Luftwaffe auf die Nudelfabrik Birkel in Altkloster und den Buxtehuder Bahnhof am 18. April 1945 gestorben - mit sechs weiteren Menschen.

Sterbeurkunde von Mitar Iwankowic.

Sterbeurkunde von Mitar Iwankowic. Foto: Stadtarchiv

Opfer und Täter sind gemeinsam begraben. So hat auch der SS-Obersturmführer Gerhard Möller hier seine letzte Ruhe gefunden. Er war bereits im Ersten Weltkrieg in den Krieg gezogen.

Nach der Niederlage des Kaiserreichs schloss er sich einem Freikorps im Osten an, von 1920 bis 1927 diente der Wäschereibesitzer in der Reichswehr. Im Jahr 1928 schloss er sich der NSDAP an und der SA, später der SS.

Als Obersturmführer und Schutzhaftlagerführer führte Möller einen Todesmarsch von 400 KZ-Häftlingen aus Westeuropa von Sandbostel nach Stadersand an. Diese waren noch am 12. April 1945 aus dem Konzentrationslager Neuengamme in das Kriegsgefangenenlager Sandbostel verlegt worden.

Bei einem alliierten Luftangriff im Bereich des Mulsumer Bahnhofs starb Möller (Grab 81) am 20. April 1945 kurz nach 10 Uhr gemeinsam mit den Wachmännern Franz Lippold (Grab 79) und Erwin Stübchen (Grab 80); einen Tag vor dem Marsch war ein Hungeraufstand der Häftlinge von den SS-Wachmannschaften blutig niedergeschlagen worden.

Als die britischen Flieger erkannten, dass Häftlinge und nicht Militär in den Waggons unterwegs waren, stoppten sie den Angriff. Zwölf KZ-Häftlinge fanden den Tod.

Außerdem ist in Neukloster die Wehrmachtshelferin Anna Blech begraben. Die 25-Jährige arbeitete als Flak-Helferin, Telefonistin, Funkerin und im Sanitätsdienst. Sie starb am 29. April 1945 um 5.30 Uhr in Horneburg - durch Granatsplitter nach Artilleriebeschuss. Tragisch: Sie war am 17. April aus dem Dienst entlassen worden.

Im Alter von nur 18 Jahren war der Pionier Robert Eichenberg am 24. April 1945 bei Kämpfen bei Groß Aspe zwischen britischen und deutschen Truppen gestorben. Auch der Offiziersanwärter ist in den 1950er Jahren nach Neukloster umgebettet worden. Die 118 Toten waren während der letzten Tage des Krieges an 50 verschiedenen Orten der Landkreise Stade, Cuxhaven, Osterholz und Rotenburg beigesetzt worden.

Foto von Robert Eichenberg.

Foto von Robert Eichenberg. Foto: Archiv

Volksbund-Bildungsreferent Karl-Friedrich Boese war sich mit Seefried einig: In einer Zeit, in der kaum noch Zeitzeugen von den Gräueln des Zweiten Weltkrieges und der NS-Gewaltherrschaft berichten könnten, „ist es an den jungen Menschen, die Erinnerungen wachzuhalten“.

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