TLNG-Gegner aus den USA am Jadebusen: Und wer rettet uns?
Das LNG-Tankschiff „Golar Seal" (links) liegt in Wilhelmshaven neben dem LNG-Termimal „Höegh Esperanza" an einem neuen Anleger im Jadebusen. Foto: Hauke-Christian Dittrich
Eine Delegation aus der Region, in der das Erdgas in den USA gewonnen und von dort nach Deutschland exportiert wird, war in Wilhelmshaven zu Gast. LNG-Schiffe seien gefährlich, warnen sie. Und die Gewinnung des Gases sei es ebenfalls.
Wilhelmshaven. Die kleine Gruppe LNG-Kritiker hat Glück: Nach tagelangem Regen bleibt es an diesem Vormittag eine Weile trocken. Nicht unwichtig für das Anliegen der Kritiker: Das sogenannte Netzwerk Energiedrehscheibe Wilhelmshaven hat zu einer Pressekonferenz am Außenhafen Hooksiel eingeladen, auf völlig freier Fläche also. Dafür aber auch mit völlig freiem Blick auf Deutschlands erstes schwimmendes LNG-Terminal „Hoegh Esperanza“. Den Stein des Anstoßes.
Auch Butjadingen sorgt sich wegen des LNG-Terminals
„Wir wollen heute über die Herkunft des Gases sprechen, das uns im Winter warm halten soll“, sagt Stefanie Eilers. Sie hat im Namen des Netzwerks eingeladen, einem losen Zusammenschluss von Umweltschutzverbänden, die den Aufbau der LNG-Importstruktur an der deutschen Küste äußerst kritisch sehen. Viel Kritik hatte es daran auch auf der gegenüberliegenden Seite des Jadebusens gegeben, in der Wesermarsch und speziell in Butjadingen gegeben. Von der Butjadinger Küste aus kann man die „Höeg Esperanza“ vor Wilhelmshaven liegen sehen.
Die Herkunft des Gases, das ist nach Erkenntnissen der LNG-Kritiker in erster Linie die USA. Und so stehen an diesem Vormittag auch vier Amerikanerinnen am Außenhafen von Hooksiel.
LNG-Export nach Europa hat erheblich zugenommen
Die vier Frauen kommen aus Texas, genauer: aus Orten entlang des Golfs von Mexiko. Dort liegen mehrere große Industriehäfen mit LNG-Export-Terminals, Corpus Christi, zum Beispiel, oder Freeport und Sabine Pass weiter nördlich. Der US-Bundesstaat Texas ist innerhalb der USA der größte Rohöl- und Erdgasproduzent. Im vergangenen Jahr wurden dort nach Angaben der US-Statistik-Behörde US Energy Information 42 Prozent des Rohöls und 27 Prozent des Erdgases gefördert.
Dort heißt es auch, dass die LNG-Exporte nach Europa im vergangenen Jahr erheblich gestiegen seien, da die Lieferungen aus Russland ausblieben. Man gehe davon aus, dass dieser Trend 2024 anhält, da dann zwei weitere Anlagen zum Verflüssigen von Erdgas in Betrieb gingen.
Tankschiff legt neben der „Höegh Esperanza“
Erdgas muss für den Transport über weite Strecken ohne Pipeline erst verflüssigt werden. Dann wird es per Tankschiff zu den Kunden gebracht. Nach Wilhelmshaven zum Beispiel, wo just an diesem Tag eine neue Ladung LNG ankommt: Ein Tankschiff legt gegen Mittag neben der „Höegh Esperanza“ an, um das verflüssigte Erdgas (LNG) über die nächsten etwa acht Tage abzugeben. Der Tanker kommt aus der US-Hafenstadt Savannah an der Ostküste des Landes.
Auch Andy Gheorghiu ist nach Hooksiel gekommen; er ist Berater und Aktivist für den Klima- und Umweltschutz. Gheorghiu hat sich im Mai in Texas und Louisiana umgesehen, beide US-Staaten liegen am Golf von Mexiko. Sein Augenmerk galt dem Fracking.
Fracking ist in Deutschland verboten
Das ist eine Fördermethode, um auch an Lagerstätten heranzukommen, die mit konventionellen Mitteln nicht erschlossen werden können. Beim Fracking wird Gas mithilfe von Druck und Flüssigkeiten (Wasser-Sand-Chemikalien-Gemisch) aus Gesteinsschichten herausgepresst. Das birgt Gefahren für die Umwelt. In Deutschland ist Fracking verboten, zum Schutz von Trinkwasser und Gesundheit. In den USA wird es angewendet.

Elida Castillo ist an der texanischen Küste des Golf von Mexiko gleich neben Corpus Christi, einem der großen LNG-Exporthäfen des Landes, aufgewachsen. Foto: Oltmanns
Gheorghiu lernte auf seiner Tour eine Reihe amerikanischer LNG- und Fracking-Kritiker kennen und lud sie ein. Schließlich importiere auch Deutschland zunehmend LNG, sagt er, „und unser Hauptlieferant sind die USA“. Das Netzwerk hat akribisch verfolgt, woher die LNG-Tanker kamen, die seit Inbetriebnahme des schwimmenden Terminals vor Wilhelmshaven im Dezember 2022 dort anlegten. Ihr Ergebnis: 27 seien direkt aus Häfen am Golf von Mexiko gekommen.
Bei einem Besuch auf der „Höegh Esperanza“ im August stellte das Energieunternehmen Uniper als Betreiber des LNG-Terminals Zahlen vor, die das zumindest nicht widerlegen: Im Juli und August haben demnach acht Schiffe dort ihre LNG-Ladungen übergeben, allesamt aus den USA. Allerdings nicht alle aus dem Golf von Mexiko.
„Wir leben jeden Tag mit der Angst“
„Die Kunden, die LNG von uns kaufen, wissen gar nicht, was sie uns damit antun“, sagt Melanie Oldham. Sie hat ein großes, in Plastik eingeschweißtes Foto dabei. Es zeigt Feuer und Rauch über einer Industrieanlage. Oldham lebt in Freeport, einem texanischen Städtchen etwas südlich von Houston am Golf von Mexiko. Das Unternehmen Freeport LNG betreibt dort ein LNG-Export-Terminal. Im vergangenen Juni habe es dort eine Explosion gegeben, sagt Oldham, gar nicht weit weg vom Strand, wo Familien unterwegs waren.
Die Nachrichtenagentur Reuters zitierte im November aus einem Bericht lokaler Behörden zu dem Vorfall am 8. Juni. Darin heißt es, die Explosion sei auf unzureichende Betriebsverfahren, menschliche Fehler und Müdigkeit zurückzuführen. „Wir leben jetzt jeden Tag mit der Angst, dass das wieder passiert“, sagt Oldham. Die Manager des Energieunternehmens würden immer wieder betonen, man müsse mit den LNG-Exporten Europa retten. „Aber wer rettet uns?“, will sie wissen. Niemand solle sich etwas vormachen: Diese LNG-Schiffe seien gefährlich.

Die deutschen LNG-Kritiker aus der Region haben Besuch von Gleichgesinnten aus den USA. Foto: Oltmanns
„In Texas gibt es immer mehr Fracking-Förderstellen“, sagt Elida Castillo. Hauptsächlich sollen die weiter im Norden und Westen des Bundesstaates liegen, per Pipeline werde der Rohstoff dann an die Küste transportiert. Nach Corpus Christie zum Beispiel, ein LNG-Exporthafen gleich neben dem Städtchen Taft, wo Castillo aufwuchs.
„Gemeinden werden ausgebeutet“
„Das Fracking findet etwa zwei Autostunden von Taft entfernt statt“, sagt sie. Die Texanerin ärgert sich vor allem über das Verhalten der großen Energiefirmen. „Sie kommen in unsere Gemeinden und lügen uns was vor, was sie alles Gutes tun und so.“ Aber das stimme eben nicht. Sie würden die Gemeinden nur ausbeuten. So dürften sie einem Landeigentümer auch einfach sein Land für einen Spottpreis abkaufen, wenn sie es für nötig hielten und sich auf den Bau kritischer Infrastruktur beriefen.
Die Besucherinnen aus Texas wollen sich gegen weitere Fracking-Förderstellen und weitere LNG-Export-Terminals wehren; stoßen dabei aber offenbar in ihrem eigenen Land auf vollkommen taube Ohren. Die Unternehmen würden gar nicht erst reagieren und die Regulierungsbehörden seien viel zu zahm, kritisieren sie.
Bitte an europäische Regierungen: Kauft kein LNG mehr
So versuchen die Kritiker es also auf der anderen Seite, bei den Kunden. Auf ihrer Europa-Tour waren sie schon in Brüssel und werden nach ihrem Wilhelmshaven-Besuch weiterreisen nach Berlin. „Wir bitten die europäischen Regierungen, kein LNG mehr zu kaufen“, sagt Castillo.