TLänger schlafen: Wie die Berufsbildenden Schulen Stade neue Wege gehen
Die Praxis der Berufsfachschule Kosmetik: Clara Neumann (links) verpasst ihrer Mitschülerin Leni Trademann ein Handpeeling. Foto: Richter
Neue Technologien, künstliche Intelligenz: Die Berufswelt wandelt sich in atemberaubendem Tempo. Die Berufsbildenden Schulen wandeln sich mit - und gehen neue Wege.
Stade. Im Foyer der Jobelmannschule (BBS I) in Stade herrscht wuseliger Betrieb. Doch eine Etage tiefer zeigt sich der Tag der offenen Tür ganz anders: Bei indirektem Licht, leiser Musik und blumigem Duft im Raum liegt Leni Trademann im Behandlungsstuhl und lässt sich die Hände massieren.
BBS im Landkreis haben mehr als 6000 Schüler
„Sie bekommt ein Handpeeling“, erklärt Clara Neumann, die in weißer Uniform vor ihr sitzt und mit kraftvollen Streichbewegungen ein Öl verreibt. Beide sind 17 Jahre alt und gehören zu den mehr als 6000 Schülerinnen und Schülern, die eine der Berufsbildenden Schulen (BBS) im Kreis Stade besuchen.
Leni und Clara geben Einblick in den Praxisteil ihrer Ausbildung zur staatlich geprüften Kosmetikerin an der Berufsfachschule. Die haben sie selbst vor einem Jahr beim Tag der offenen Tür für sich entdeckt. Das erste Jahr, die schulische Phase, haben sie jetzt hinter sich. Das zweite Jahr wird dual.

Von der IGS Buxtehude zu Besuch beim Tag der offenen Tür: Oskar (Mitte) will Rettungssanitäter werden, Emily (links) und Jule interessieren sich für medizinische Berufe und Kosmetik. Foto: Richter
Leni sucht sich gerade einen Betrieb, in dem sie dann zwei Tage pro Woche arbeiten kann. „Nach der Ausbildung will ich noch eine Weiterbildung zur Visagistin machen“, sagt Leni. Clara wollte eigentlich gerne Polizistin werden. „Mit meinem Hauptschulabschluss war das aber nicht möglich“, sagt sie. Nach der Ausbildung würde ihr der Weg in die Polizeischule im Prinzip offenstehen: „Aber inzwischen bekomme ich Angst, dass ich bei Kosmetik bleibe, weil es mir so gut gefällt.“
Eine riesige Palette von Bildungswegen
„Hier ist alles offen. Jeder kann alles werden“, sagt Dieter Janzen, der Leiter der BBS I. Welche Möglichkeiten es gibt, zeigen die BBS I, II und III in Stade heute, Buxtehude war tags zuvor dran. Die Palette ist riesig: von der Berufseinstiegsschule über Berufsfachschulen und Fachoberschulen bis zum Beruflichen Gymnasium. Hinzu kommen Berufsschulen für Ausbildungsberufe von A wie Anlagenmechanikerin bis Z wie Zimmerer.
Der Bereich Handwerk sei inzwischen wieder gefragt, berichtet Dieter Janzen. Vielleicht auch, weil die künstliche Intelligenz (KI), die in vielen Berufen große Umbrüche bringt, das Handwerk weniger betrifft: „Für ein Haus kann die KI schon ganz gute Entwürfe machen. Aber bauen müssen es immer noch Maurer, Zimmerer und Installateure.“
Neu: Ausbildungsabschluss und Abitur in einem
Das gelte auch für die sozialpädagogischen Berufe: „Was auf Beziehungsebene geleistet werden muss, kann nicht durch Roboter ersetzt werden.“ Neu ist, dass Schüler am Beruflichen Gymnasium mit Schwerpunkt Sozialpädagogik eine Doppelqualifizierung erwerben können: Abitur und den Abschluss als Sozialpädagogische Assistenten zugleich. Um den erhöhten Praxisanteil unterzubringen, verzichten sie auf einen Teil ihrer Schulferien.

Romy Winter (links) und Lea Ebenstreit lernen in der Berufsfachschule Floristik. Foto: Richter
In vielen Branchen herrscht nach wie vor enormer Fachkräftemangel. Ohne Zuwanderer wird die Lücke kaum zu schließen sein, sagen Experten. Laut Bildungsbericht 2025 des Landkreises Stade müssen 47 Prozent der Schüler nichtdeutscher Herkunft allerdings erst noch Kompetenzen oder Zertifikate für eine Ausbildung erwerben.
„Einer meiner ersten Schüler kam 2015 aus Damaskus, wo er gerade ein Studium angefangen hatte. Heute absolviert er ein duales IT-Studium“, berichtet Marika Vogt vom Bereich Sprachförderung der Berufseinstiegsschule an den BBS III, wo fast alle Lehrkräfte selbst einen Migrationshintergrund haben. Sie seien sehr engagiert - und das sei nötig, denn jemand, der zuerst den Alphabetisierungskurs besuchen muss, hat bis zur Fachqualifikation einen weiten Weg vor sich. Das brauche viel Unterstützung - und persönlichen Ehrgeiz.
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„Wir bilden unsere Leute zu Coaches aus“, sagt Bettina Hasekamp-Harms, Leiterin der BBS III. Ziel sei, dass mindestens die Hälfte des Kollegiums diese Zusatzausbildung absolviert. „Wir wollen alle abholen. Wer Lust auf Pflege hat, soll bei uns einen Landeplatz finden.“ Das gilt auch für die anderen Bereiche - zum Beispiel grüne Berufe wie Gärtner oder Florist, die aktuell im Trend liegen.
Bei der KI-Technologie überschlagen sich die Entwicklungen, sagt Claudia Voss, Schulleiterin der BBS II mit Schwerpunkt Wirtschaft, Verwaltung und Gesundheit: „Ich persönlich finde das klasse. Wir wollen die Schülerinnen und Schüler deshalb befähigen, mit Veränderungen umzugehen und sich selbst Neues beizubringen.“
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Dazu passend geht das Berufliche Gymnasium Wirtschaft neue Wege - mit Cool Flex, was für kooperatives, offenes und flexibles Lernen steht: In der mittleren Zeitleiste läuft der Unterricht weiter klassisch. Doch in der ersten und zweiten und in der siebten und achten Stunde können die Schüler frei wählen, in welchem Fach sie lernen und wann sie anfangen und aufhören.
Wer lieber ausschläft, bleibt einfach länger
Wer früher kommt, kann früher gehen, wer lieber ausschläft, bleibt länger. Alle Lehrkräfte stehen allen zur Verfügung und unterstützen sich gegenseitig, ebenso die Schüler untereinander. Die bestimmen auch selbst, wo sie ihre Kompetenzen noch ausbauen wollen. Läuft Mathe schon super, können sie sich auf andere Fächer konzentrieren.

Familie Hölting im Gespräch am Infotisch der Polizei. Foto: Richter
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