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Naturphänomene

TOhne Feuchtwiesen gehen dem Kiebitz wichtige Brutplätze verloren

Schillernd und akrobatisch: Der Kiebitz macht immerzu auf sich aufmerksam.

Schillernd und akrobatisch: Der Kiebitz macht immerzu auf sich aufmerksam. Foto: Schaffhäuser

Metallisch glänzendes Gefieder und lange Federn als Kopfhaube: So kannte jedermann den Kiebitz. Seine Eier galten als Delikatesse. Doch inzwischen geht es ihm schlecht.

Von Kurtze Sonntag, 12.04.2026, 14:50 Uhr

Landkreis. In „Brehms Tierleben“ von 1926 ist über den Kiebitz zu lesen: „Er ist überall vorhanden und deshalb jedermann wohlbekannt.“ Wie häufig dieser Vogel einmal war, davon zeugen Gebräuche aus Friesland: Kiebitzeier galten dort als Delikatesse, noch bis 2005 war das Eiersammeln erlaubt. Sehr aromatisch schmeckten sie angeblich.

Auch Reichskanzler Bismarck aß gerne Kiebitzeier. Deshalb überbrachte eine Delegation der „Getreuen aus Jever“ Bismarck bis zu seinem Tod immer am ersten April 101 Kiebitzeier als Geschenk. Den Stammtisch gibt es immer noch; massenhaft Kiebitzeier jedoch nicht mehr. Denn in der fast leeren Einheitsgras-Landschaft findet der Kiebitz nicht mehr genug Würmer und Insekten zum Fressen. Es geht ihm schlecht.

Feuchte Wiesen sind ihr Zuhause in Kehdingen

In unserer Region gibt es noch einige Kiebitze. Sie lieben die weiten, feuchten und naturnahen Wiesen. Deshalb ist zum Beispiel Kehdingen ihr Zuhause. Im Frühjahr verhalten sich Kiebitzpaare sehr auffällig. Besonders die Balzflüge der Männchen sind außerordentlich akrobatisch. Es scheint, als wollten sie immerzu auf sich aufmerksam machen.

Sie fliegen in großen Schleifen, veranstalten grandiose Sturzflüge, um dann wieder steil und hoch in die Luft aufzusteigen. Während ihrer spektakulären Flugschau werfen sie sich auf den Rücken, so dass die dunkle Rückenseite zu erkennen ist. Dann wieder drehen sie sich während des Fluges auf den Bauch und rufen laut „Kiewitt“, was ihnen den Namen gegeben hat.

Kiebitze imponieren mit grandioser Flugakrobatik

Diese Wendigkeit und Akrobatik ist möglich, weil ein Kiebitz - wie ein Kunstflugzeug auch - kurze und breite Flügel aufweist. Und was machen die Weibchen? Auch sie beherrschen die Flugakrobatik. Wenn ein Feind in der Nähe von Nest oder Küken erscheint, treten sie zum Sturzflug an. Sie starten zielgerichtete Scheinangriffe, indem sie von oben auf den Feind herabstürzen. Das zeigt oft Wirkung.

Ein Kiebitz-Weibchen legt in der Regel vier sehr gut getarnte und auffallend große Eier in ein Bodennest. Etwa 4,5 Zentimeter sind sie lang und fette 25 Gramm schwer. Zum Vergleich: Ein Taubenei wiegt nur bescheidene 17 Gramm. Die Eier für den Reichskanzler waren also vergleichsweise voluminös. Durch die relativ großen Eier erhalten die Küken eine große Menge an Nährstoffen. Und genau das brauchen die nach dem Schlüpfen aktiven Nestflüchter sofort. Haben sie sich aus der Eischale gelöst, sind sie sofort munter, können laufen und nach Nahrung suchen.

Bestand seit 1980 um 90 Prozent gesunken

Ein Nachwort zur dunklen Zukunft des Kiebitzes: In Deutschland ist der Bestand seit 1980 um etwa 90 Prozent geschrumpft. Ihm fehlen geeignete Brutplätze. Sollte der Wiesenvogel es dennoch wagen, auf monotonem EU-Einheitsgras zu brüten, dann haben beim ersten Silageschnitt die Küken keine Chance zum Überleben.

Feuchte und naturbelassene „Kiebitzinseln“, das fanden Wissenschaftlerinnen heraus, könnten den Beständen ein wenig Aufwind geben. Brauchen wir den Kiebitz, müssen wir ihn retten? Auf den ersten Blick nicht. Aber wir brauchen in der von Jahr zu Jahr weiter austrocknenden Landschaft dringend Feuchtwiesen als Wasserspeicher. Damit bekäme auch der Kiebitz wieder ein Zuhause. Er ist ein guter Indikator dafür, ob die Landschaft stabil oder fragil ist.

Serie und Buch

Was kreucht und fleucht in der Region? Wolfgang Kurtze, Vorsitzender der Lions-Naturschutz-Stiftung, schreibt über Phänomene und Kuriositäten in der Natur. Das TAGEBLATT veröffentlicht die Artikel des promovierten Biologen in loser Reihenfolge. Die erfolgreiche TAGEBLATT-Serie „Phänomene der Natur“ rückt kurzweilig Wissenswertes aus der Natur in den Mittelpunkt. Der zweite, reich illustrierte Band von Wolfgang Kurtze ist für 19,90 Euro im Buchhandel erhältlich. Herausgeber ist die Lions Stiftung Stade zur Förderung des Natur- und Umweltschutzes.

Schillernd und akrobatisch: Der Kiebitz macht immerzu auf sich aufmerksam.

Schillernd und akrobatisch: Der Kiebitz macht immerzu auf sich aufmerksam. Foto: Schaffhäuser

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