TOldendorfs uralte Geschichte: Die Münze des Prinzen und ein verborgenes Feld
Kreisarchäologe Daniel Nösler mit einer steinzeitlichen Axt. Foto: Klempow
Schmuck und Werkzeuge, jahrhunderte- und jahrtausendealt, zeugen davon, dass in Oldendorf früh das Leben tobte. Eine Münze aus Teheran erzählt davon - oder die Magie des Orakels.
Oldendorf. Oldendorf ist eine große Fundgrube. Im Erdreich verbergen sich Zeugen aus Tausenden Jahren Geschichte. Einige sind so klein wie Fingerkuppen, andere so groß wie eine Faust. Kreisarchäologe Daniel Nösler kann für seinen Vortrag am Sonnabend in Oldendorf aus dem Vollen schöpfen.
160 archäologische Fundstellen
Schon lange, bevor die Zisterzienser entschieden, im heutigen Himmelpforten ein Nonnenkloster zu gründen, tobte in der Nachbarschaft beim heutigen Oldendorf das gesellschaftliche Leben. Das zeigen die Funde, die die Archäologen katalogisiert haben. 160 Fundstellen zählten sie in der Gemarkung Oldendorf. Jeder Fund zeigt einen winzigen Teil aus der Geschichte.
Seit mehr als 5500 Jahren ist die Gegend besiedelt. In der Steinzeit waren es erste Bauern und Viehzüchter. Sie machten Äxte aus Diorit und Diabas, „ein extrem zähes und biestiges Gestein“, sagt Nösler. Unter den ersten Oldendorfern gab es Experten in der hohen Kunst der Steinbearbeitung. Die Form wurde behauen und geschliffen. Die Menschen brauchten die Äxte, um Bäume zu fällen und zu verarbeiten. „Hier waren riesige Wälder, in die die Menschen kleine Inseln rodeten“, so Nösler. Der Holzverbrauch war enorm, die Wälder schwanden.
Scharfe Feuerstein-Messer
Aus Flint fertigten die Steinzeit-Oldendorfer Messer, Dolche oder Beile. „Zum Teil rasiermesserscharf“, sagt Nösler. Die Funde aus der Jungsteinzeit belegen, was schon vor fünf- bis sechstausend Jahren auf Oldendorfs Acker los war.
Grabhügel aus der Bronzezeit gab es zuhauf rund um Oldendorf. Am Kirchweg zwischen Kaken und dem Waldgebiet Bötz liegen fünf Grabhügel, die sich im Besitz des Landkreises befinden und als archäologisches Denkmal gekennzeichnet sind. Sie sind etwa 3000 bis 3500 Jahre alt. Ein Grabhügel wurde auch im Vorfeld eines Neubaugebiets am heutigen Kuckucksweg gefunden.
Bronzezeit-Ackerbau hinterlässt Spuren bis heute
Digitale Technik macht sichtbar, wie die Menschen vor mehr als 2500 Jahren das Land bestellten. Für ganz Niedersachsen gibt es ein digitales Geländemodell, das durch Laserscans mit dem Flugzeug erstellt wurde. Per Mausklick wird der Wald bei Oldendorf aus dem Bild gerechnet, es erscheint unter der Waldfläche ein akkurates Linienmuster.

Das Luftbild zeigt ein Waldstück bei Oldendorf. Foto: Landkreis Stade

Die gleiche Fläche ohne Wald: das digitale Geländemodell zeigt das Muster der Dämme an den Celtic Fields. Foto: Landkreis Stade
„Wir haben hier eines der größten Celtic Fields“, so der Archäologe. Mit den Kelten hat der Begriff wenig zu tun - das Muster im Boden wurde eben vor rund 100 Jahren zum ersten Mal in England entdeckt.

Ein Orakelstäbchen, etwa 1600 bis 1700 Jahre alt. Foto: Klempow
Ein Celtic Field ist eine landwirtschaftliche Fläche aus der Bronzezeit, die durch kleine Dämme in mehrere Felder unterteilt ist. Auch die Dämme wurden bepflanzt - und mit Mist und Mergel gedüngt, wissen die Bodenkundler heute. „Wie ein Hochbeet heutzutage“, sagt Nösler.

Celtic Fields waren durch Dämme getrennte, schachbrettartig angeordnete Ackerbauflächen. Sie waren in ganz Europa verbreitet. In Oldendorf sind sie im Schutz eines Waldes erhalten. Foto: The Prehistoric Society 2018
Die Celtic Fields sind damit ein Mittelding zwischen Acker- und Gartenbau. Die Dämme haben die Zeit im Schutz des Waldes sichtbar überdauert - zumindest auf dem Bildschirm.
Grabung auf der Suedlink-Trasse
Die jüngste Grabung eines Archäologen-Teams in Oldendorf liegt erst zwei Jahre zurück. Vor dem Bau der Suedlink-Leitung stießen die Forscher auf Siedlungsspuren aus der Bronze-, Eisen- und Römischen Kaiserzeit. Darunter eine besondere Münze.

Sensationsfund an der Niederelbe: Der arabische Dirham wurde 798/799 im heutigen Iran geprägt und bei Oldendorf gefunden. Foto: Vasel
„Eine verrückte Geschichte“, sagt Daniel Nösler. Der Dirham ist eine Silbermünze, die 798/799 bei Teheran geprägt wurde. Auf Gotland gibt es sie oft. „Da gibt es Schätze mit mehreren Kilo Silber“, sagt Nösler.

Münzfund aus Oldendorf: Ein römischer Denar des Kaisers Vespasian (Silbermünze), 1. Jahrhundert. Foto: Klempow
Durch den Handel der Wikinger und Slawen kamen die Münzen in den Ostseeraum - aber hierher, auf den Acker von Oldendorf? „Westlich der Elbe sind diese Funde selten“, sagt Nösler. Auch der Dirham des Abbasidenprinzen kann nur durch den Handel in die Region gekommen sein - durch den Handel mit den Wikingern.
Elbe als Autobahn des Frühmittelalters
„Die Elbe ist einer der größten Flüsse Europas, und die Flüsse waren die Autobahnen des Frühmittelalters“, so der Archäologe. Die Elbe, noch unangetastet und nicht vertieft, fror noch zu oder ließ im Sommer Schlupflöcher über Furten zu. Für Oldendorf mag die Lage in der Nähe der Oste ebenso Gewicht haben.
Historische Tragödie
T Hingerichtet in Himmelpforten: Dietrich Alsdorf bleibt auf Annas Spuren
Der kleine Oldendorfer Mühlenbach mündet bei Gräpel in die Oste. Vor Jahrtausenden aber muss es ein größerer Wasserlauf gewesen sein, „wir vermuten, dass er mit Einbäumen schiffbar war“, sagt Nösler. Immer wieder waren heute unscheinbare Wasserläufe Grund für Auseinandersetzungen und handfeste Streitigkeiten.

Fundstück: Teil einer Rollenkappenfibel aus dem 1. Jahrhundert. Im Hintergrund die Abbildung einer vollständigen Fibel. Foto: Klempow
Streiten oder nicht? Ein unscheinbares Stäbchen könnte ein Wegweiser gewesen sein. Es ist etwa 1700 Jahre alt. So lang wie ein Streichholz, aber etwas dicker liegt es auf Nöslers Hand. Ein Orakel-Stäbchen aus Silber. Drei davon wurden geschüttelt oder geworfen. „Wie beim Mikado.“ Roden oder düngen? Gehen oder bleiben? Rund um Oldendorf sind die Menschen geblieben. Vielleicht hat dieses Stäbchen immer wieder Antworten gegeben.
Mehr über die „Spuren der Vergangenheit“ in Oldendorf berichtet Kreisarchäologe Daniel Nösler in seinem Vortrag am Sonnabend, 7. Februar, ab 15 Uhr im Brunkhorst‘schen Hus in Oldendorf.

Teil einer Gewandfibel mit Emaille (9. Jahrhundert). Foto: Klempow
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