Mit dem Laser in die Vergangenheit
Buchvorstellung im Schloss Agathenburg: Kreisarchäologe Daniel Nösler und sein Kollege Dietrich Alsdorf halten den Archäologie-Sammelband in ihren Händen (von links). Foto: Vasel
Kreisarchäologe Daniel Nösler und sein Kollege Dietrich Alsdorf sprechen von revolutionären Erkenntnissen. Für sie ist der Laserscan „ein Quantensprung“ auch für die Archäologie im Elbe-Weser-Raum. Durch die neue Technik lässt sich ein vegetationsloses, digitales Geländemodell erzeugen.
Im Sammelband „Archäologie in Niedersachsen 2018“ hat Kreisarchäologe Daniel Nösler nach Auswertung der Laserscan-Daten neue Erkenntnisse veröffentlicht. Im Landkreis Stade sind elf weitere neue Belege für die prähistorischen Ackerflure hinzugekommen. Durch die virtuelle Rodung können Kreisarchäologe Daniel Nösler und sein Kollege Dietrich Alsdorf die Geschichte der Celtic Fields in der Kulturlandschaft erzählen – zum Teil über Jahrtausende. Es handelt sich um gitterartig verlaufende, teils 17 Meter breite Wälle, Aufschüttungen aus humoser Erde und zum Teil auch mit Steinen angereichert. Auf und zwischen ihnen wurde Ackerbau betrieben.
Einige der eisenzeitlichen Ackerflure vom Typ Celtic Fields wurden später nicht nur von mittelalterlichen und neuzeitlichen Esch- und Wölbäckern überlagert. „Es zeigt sich, dass der Landkreis bereits vor mehr als 2000 Jahren dicht besiedelt war“, sagt Nösler. Der Begriff selbst täuscht. Es handelt sich um einen Terminus, der 1923 in England eingeführt worden ist. Die wabenartigen Felder haben Archäologen unter anderem in Irland, in den Niederlanden, in Deutschland, in Dänemark sowie im Baltikum entdeckt.
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Diese haben sich „in der Regel nur im Schutz der Wälder erhalten“, so Nösler. Sie seien letztlich ein Indiz für den ökonomischen Wandel vom Wanderfeldbau zu einem relativ ortskontanten Ackerbau und der Aufstallung des Viehs. Die Felder wurden mit mineralreichem Boden gedüngt. Wälder waren für Hausbau, Heizen, Schiffbau, Brandbestattung und Eisenverhüttung gerodet worden. Einige datieren aus der älteren Bronzezeit, die meisten aus der vorrömischen Eisenzeit und der älteren römischen Kaiserzeit.
Höchst interessant: Nahe der Äcker lagen oft Grabhügel und Kultstätten – wie die Schälchensteine (Beispiel Mulsum). In Vertiefungen können im Zuge eines Fruchtbarkeitskultes die Opfer für eine gute Ernte dargebracht worden sein. Durch den Nachweis der Ackerstrukturen werde deutlich, warum die Steine an diesen Orten in der Landschaft liegen. Nösler mahnt an, die Erforschung und Erfassung voranzutreiben, um ein Erhaltungs- und Schutzkonzept für die Celtic Fields in Zeiten moderner Forstwirtschaft (schwere Maschinen) landesweit zu entwickeln.
Mit dem digitalen Oberflächenmodell aus dem Airborne Laser Scanning im Geografischen Informationssystem des Kreises Stade hat Dietrich Alsdorf nicht nur unzählige Felder, Wüstungen, Gräber und Hohlwege auf der Geest entdeckt. Bei seinen Zeitreisen kam auch die Niederungsburg der Herren von Schwinge aus dem 12./13. Jahrhundert wieder zutage (das TAGEBLATT berichtete). Damit nicht genug: Außerordentlich wertvoll seien die hoch aufgelösten Geländemodelle in den sehr flachen Marschenregionen. „Hier zeigen feine Niveauunterschiede die ehemaligen Uferwälle der Elbe und Priele an, auf und an denen sich in frühgeschichtlicher Zeit die Siedlungen befunden haben. Daneben lassen sich zahlreiche nahezu eingeebnete Deichverläufe und Wurten identifizieren“, erklärt Nösler. Das seien „echte Kracher“.
Der lesenswerte informative Sammelband „Archäologie in Niedersachsen – Schwerpunkt: Arm oder Reich?“ ist im Isensee Verlag erschienen (21/ 2018). ISBN 978-3-7308-1456-7; Herausgeber ist die Archäologische Kommission. Der Band enthält auch einen Aufsatz von Alsdorf zum „Flaschengrab von Schröders Erben“, Mineralwasser aus Harsefeld. Preis: 12,90 Euro.
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