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TParkhaus-Feten und Sektpyramiden: Ex-Hertie-Mitarbeiter erinnern sich

Conny Richters, Abteilungsleiter des Restaurants, und Lebensmittelabteilungsleiter Reiner Klintworth (rechts) schenken 1986 Sekt aus.

Conny Richters, Abteilungsleiter des Restaurants, und Lebensmittelabteilungsleiter Reiner Klintworth (rechts) schenken 1986 Sekt aus. Foto: privat

Sie haben vor 50 Jahren in Stade die Hertie-Regale eingeräumt - und 33 Jahre später wieder ausgeräumt. In der Zeit dazwischen war im Kaufhaus viel los. Manchmal die ganze Nacht.

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Von Lena Stehr
Freitag, 20.03.2026, 17:30 Uhr

Stade. Reiner Klintworth sitzt in einem Café in Stade und blättert in einem alten Rechnungsbuch. Um ihn herum sitzen Horst Möller, Marlies Lewy und Eveline Holst. Bis auf Letztere haben alle insgesamt 33 Jahre - von der Öffnung bis zur Schließung - in Stades großem Kaufhaus gearbeitet, das erst Hertie, dann Karstadt und am Ende doch wieder Hertie hieß. Mit ihren Erinnerungen könnten sie ein ganzes Buch füllen.

„Die Hertie-Eröffnung 1976 war bombastisch“

„Guckt mal, in den ersten drei Tagen haben wir in der Lebensmittelabteilung mehr als 262.000 Mark eingenommen“, sagt Ex-Abteilungsleiter Reiner Klintworth.

Zur Hertie-Eröffnung strömten Tausende Menschen. An den Kassen bildeten sich lange Schlangen.

Zur Hertie-Eröffnung strömten Tausende Menschen. An den Kassen bildeten sich lange Schlangen. Foto: privat

Er hat noch heute das Gewusel der Menschen und die langen Schlangen an den Kassen vor Augen. „Die Hertie-Eröffnung 1976 war bombastisch“, sagt er. Mit dem Kaufhaus sei ein Stück von der großen Welt nach Stade gekommen. Viele Geschäftsleute, die die Konkurrenz fürchteten, hätten damals ihre Läden renoviert und selbst neu eröffnet.

Am Eröffnungstag war auch an der Wursttheke der Bär los.

Am Eröffnungstag war auch an der Wursttheke der Bär los. Foto: privat

Bevor die Arbeit im Kaufhaus mit fast 7000 Quadratmetern Verkaufsfläche losging, mussten alle 200 neuen Mitarbeiter in Hamburg im Alsterhaus eingearbeitet werden. „Wir wussten ja alle nicht, wie Kaufhaus geht, weil wir aus kleinen Geschäften kamen“, sagt Ex-Haushaltswarenverkäuferin Marlies Lewy, damals 25 Jahre alt.

Extra-Waggons für die Hertie-Mitarbeiter

Mehrere Wochen lang fuhren sie täglich mit dem Zug nach Hamburg. Die Bahn hängte für die Hertie-Angestellten morgens und abends extra zwei Waggons an. „Man fühlte sich ein bisschen wie im Viehtransport, aber es war eine schöne Zeit“, sagt Marlies Lewy und strahlt.

Die Ex-Hertie-Mitarbeiter blättern im alten Rechnungsbuch.

Die Ex-Hertie-Mitarbeiter blättern im alten Rechnungsbuch. Foto: Stehr

Nach der Einarbeitung kam das große Einräumen. 80.000 Artikel mussten auf vier Etagen in die Regale sortiert werden. Wenn gerade keine Ware da war, überbrückte Horst Möller aus der Lebensmittelabteilung die Zeit auch mal im Kino im Zeughaus nebenan. „Wenn der nächste Lkw kam, war ich ja schnell wieder da“, sagt er.

Nachts Skat in der Teppichabteilung gespielt

Weil im Hertie-Neubau teilweise noch Fenster und Türen fehlten, musste die Ware nachts bewacht werden. „Wir haben es uns nach dem Abendbrot zusammen mit der Geschäftsleitung in der Teppichabteilung gemütlich gemacht und die ganze Nacht Skat gespielt“, sagt Reiner Klintworth. Am nächsten Morgen wurde weiter eingeräumt, dann gab es einen freien Tag zur Erholung.

Erholen konnten sich Hertie-Mitarbeiter später auch für eine Woche im Schwarzwald. „Das bot das Unternehmen an, die waren insgesamt sehr sozial eingestellt und haben großen Wert auf ein gutes Arbeitsklima gelegt“, sagt Reiner Klintworth.

Für die knapp 30 Abteilungsleiter und deren Stellvertreter gab es Kegelclubs. Außerdem zogen die Kollegen am Vatertag gemeinsam los, es gab Sommerfeste auf der großen Terrasse und Feiern zu Dienstjubiläen.

Pelzmäntel im Angebot für knapp 5000 D-Mark

„Da trugen die Frauen alle lange Kleider“, sagt Eveline Holst. Sie war zehn Jahre in der Modeabteilung angestellt und erinnert sich noch an den Leiter der Strumpfabteilung. Der trug stets zwei unterschiedliche Socken. In der Damenmodeabteilung gab es damals noch echte Pelzmäntel. Zur Eröffnung im Angebot für gut 2200 und knapp 5000 D-Mark.

Zu den Eröffnungsangeboten gehörten auch Pelzmäntel für knapp 5000 D-Mark.

Zu den Eröffnungsangeboten gehörten auch Pelzmäntel für knapp 5000 D-Mark. Foto: privat

Gerne erinnern sich alle an die Parkhaus-Feten zurück. Die fanden in den 1980er Jahren zum Altstadtfest mit teilweise Tausenden Gästen statt. Auf jeder Etage spielte eine andere Band. „Und dann gab’s Polonaise durchs ganze Parkhaus“, sagt Reiner Klintworth. Er erinnert sich auch noch an das große Wikingerschiff, das zum Altstadtfest als Verkaufsstand vor dem Hertie-Eingang stand. „Da floss das Bier in Strömen - bis zum nächsten Morgen“, ergänzt Horst Möller.

Dieter Thomas Heck kaufte zwei Hosen bei Hertie

Regelmäßig gab es Schlemmerabende, Modenschauen mit hauseigenen Mannequins, Aktionswochen, Weinproben und Sektpyramiden. Die hat Reiner Klintworth zum Beispiel anlässlich des zehnten Hertie-Geburtstags für die Gäste eingeschenkt.

Manchmal waren auch Promis im Haus, unter anderem Max Schmeling, Roland Kaiser oder Dieter Thomas Heck. Als der Kult-Moderator ankam, informierte er erst mal seine „Mausi“, dass er gut angekommen ist. Später kaufte er zwei neue Hosen. In seine eigene hatte er vorher im Auto mit einer Zigarette ein Loch gebrannt.

Die ehemaligen Hertie-Mitarbeiter trauern den alten Zeiten nach. Um in Erinnerungen zu schwelgen, treffen sie sich am 1. April um 15 Uhr im Inselrestaurant in Stade.

Die ehemaligen Hertie-Mitarbeiter trauern den alten Zeiten nach. Um in Erinnerungen zu schwelgen, treffen sie sich am 1. April um 15 Uhr im Inselrestaurant in Stade. Foto: Stehr

Obwohl das Kaufhaus 2009 noch schwarze Zahlen schrieb, musste Geschäftsleiter Rüdiger Müller im August die Türen für immer schließen. Den Einkauf mit 90 Prozent Rabatt nutzten Kunden bis zum Schluss aus. Einige kauften 800 Teile auf einen Schlag.

„Das war alles sehr traurig, wir waren ja eine große Familie“, sagt Marlies Lewy. „Am letzten Tag war ich so deprimiert, ich hatte keine Lust mehr auf nichts. Ich bin einfach nach Hause gegangen.“

Ehemalige Hertie-Mitarbeiter sind eingeladen

Alle ehemaligen Hertie-Mitarbeiter und deren Partner sind am Mittwoch, 1. April, um 15 Uhr ins Inselrestaurant in Stade eingeladen. Um Anmeldung wird gebeten. Entweder bei Reiner Klintworth unter 04149/389 oder bei Marlies Lewy unter 04141/69105.

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