Die alte Garde sagt tschüs
Sie waren alle dabei, als am 1. April 1976 das neue großen Innenstadt-Kaufhaus Hertie eröffnet wurde. Sie sind jetzt dabei, wenn Anfang August die Türen für immer geschlossen werden. Das TAGEBLATT sprach mit diesen Mitarbeitern der ersten Stunde, die 33 Jahre lang ihrem Arbeitgeber die Treue gehalten haben, über ihre Empfindungen und Erinnerungen.
Sie waren alle dabei, als am 1. April 1976 das neue großen Innenstadt-Kaufhaus Hertie eröffnet wurde. Sie sind jetzt dabei, wenn Anfang August die Türen für immer geschlossen werden. Das TAGEBLATT sprach mit diesen Mitarbeitern der ersten Stunde, die 33 Jahre lang ihrem Arbeitgeber die Treue gehalten haben, über ihre Empfindungen und Erinnerungen. Ein wenig bedrückend sei es schon, sagt Hertie-Chef Rüdiger Müller, wenn die Kunden immer wieder nachfragten: "Was wird denn aus Ihnen? Bekommen Sie noch einen neuen Job?" Dabei meinten diese Kunden das nur gut, aber Mitleid sei das Letzte, was seine Mitarbeiter jetzt gebrauchen könnten. Dass sie bis zum letzten Tag freundlich hinter den Kassen und Tresen ständen, verlange ihm Hochachtung ab, sagt der Chef, der das Lob zurückbekommt. Er kümmere sich, denke nicht an sich und seine Zukunft, sondern helfe beim Vermitteln eines neuen Jobs, sagen die altgedienten Kräfte der ersten Stunde, die das Betriebsklima in höchsten Tönen loben. 14 der 61 Hertie-Angestellten haben schon einen neuen Arbeitsplatz gefunden. Doch Marlies Lewy (58), Bärbel Timm (58), Christa Willms (58), Heike Burfeindt (51), Uwe Grimm (57) und der erkrankte Peter Paulsen (61) - alle gehören zur ersten Garde - sind nicht dabei. In diesem Alter - da machen sie sich nichts vor - seien sie nur noch schwer vermittelbar. "Dabei wollen wir alle arbeiten und bringen viel Erfahrung mit", sagt Bärbel Timm. Obwohl die letzten Tage immer näher kommen, lenkt die Arbeit sie ab. Denn die Geschäfte laufen angesichts heftiger Rabatte gewaltig. "Das erinnert mich an die Anfänge 1976, als die Leute bis auf die Straße Schlange standen", sagt Uwe Grimm. Damals - so der Leiter der bereits ausverkauften Sportartikelabteilung - habe Hertie sogar einmal wegen Überfüllung schließen müssen. Dass sie ihren Job verlieren, ist für alle Mitarbeiter schmerzhaft, aber ebenso berührt sie, dass es Hertie nicht mehr geben wird. "Da werden schon viele Lücken im Angebot der Stadt Stade entstehen", sagt Rüdiger Müller - egal ob bei Lebensmitteln, der ausgewählten Süßwarenabteilung oder bei Stoffen und Heimtextilien. Immer wieder sprächen Kunden ihr Bedauern aus. Wenn die Kaufhaustüren in Stade spätestens Mitte August für immer geschlossen werden - Müller weiß das genaue Datum noch nicht -, dann werden auch die Fünf der ersten Stunde noch einige Tage bleiben und mit beim Ausräumen helfen. Danach wird es dann kein Geld aus dem Sozialplan geben, weil keines vorhanden ist. Stattdessen melden sich die Mitarbeiter bei der Arbeitsagentur und bekommen Arbeitslosengeld.
Eine Entscheidung über die Zukunft des Stader Hertie-Hauses ist noch nicht gefallen. Anfang kommender Woche erwartet Stades Hertie-Chef Rüdiger Müller die Information über einen abgeschlossenen Kaufvertrag. Wie berichtet, gibt es zwei Investoren aus der Region, die Interesse an der Stader Hertie-Immobilie in bester Innenstadt-Lage haben. Sie planen beide, das Kaufhaus in ein Einkaufszentrum umzuwandeln. Das Hanse-Kontor aus Flensburg, das als Mieter an Stade wie an neun weiteren norddeutschen Hertie-Häusern Interesse hat, wäre im Verkaufsfall aus dem Rennen.