TSexuelle Belästigung: Patientinnen in Physiopraxis erheben schwere Vorwürfe
Der angeklagte Physiotherapeut soll insgesamt sechs Patientinnen während der Behandlung sexuell missbraucht haben. (SYMBOLBILD) Foto: Christin Klose/dpa-tmn
Die Hände wanderten immer tiefer: Ein Physiotherapeut aus Rotenburg soll Frauen missbraucht haben. Die Tat verfolgt ein Opfer bis heute.
Verden. Beim Prozessauftakt am Amtsgericht Verden äußerte sich der 59 Jahre alte Angeklagte nicht zu den sieben Fällen aus den Jahren 2022 und 2023. Die ersten von sechs Frauen haben als Zeuginnen geschildert, was sie damals erlebt haben.
Dabei kam auch durchaus Positives zur Sprache. Wegen eines Problems mit ihrer Schulter sei sie in der Praxis gewesen, sagte eine 67 Jahre alte Verdenerin. Der Angeklagte habe sich auch um ihre Hüfte gekümmert, und seit sie bei ihm in Behandlung war, habe sie dort keine Schmerzen mehr.
„Beim ersten Mal war alles okay“, sagte sie über den ersten Termin. Mit lateinischen Fachbegriffen habe er ihr alles ausführlich erklärt. „Ich fühlte mich richtig wohl.“ Als er ihr dann während eines weiteren Behandlungstermins an die Brust fasste, sei sie sich unsicher gewesen, ob dies zur Behandlung gehörte.
Ich war geschockt. Ich konnte erst gar nichts sagen.
Aussage einer Zeugin
„Es hieß, dass die Muskeln von oben bis unten runterlaufen. Dass die verklebt wären und auch da könne man Lockerungen erzielen.“ Bei einem darauffolgenden Termin sei er weiter runter mit seinen Händen gewandert. Richtung Leiste und in den Schambereich. „Ich war geschockt. Ich konnte erst gar nichts sagen“, so die 67-Jährige.
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Zuvor hat der Mann Vertrauen zu den Frauen aufgebaut
Ähnliches berichtete eine 68-Jährige aus Dörverden (Landkreis Verden). „Es war ein nettes Verhältnis. Wir haben durchaus auch über private Dinge gesprochen. Er erzählte von seiner Familie, wie stolz er auf seine Kinder sei.“ Deshalb habe sie auch Vertrauen zu ihm gehabt. Ihren Rücken, ihre linke Schulter und den linken Arm habe der Mann behandeln sollen.
Doch dann, bei einem der Folgetermine, habe er sie aufgefordert, ihre Hose und den Slip etwas runterzuziehen. Nach einer schmerzhaften Berührung im Genitalbereich, was die Frau unter Tränen schilderte, habe sie die Behandlung sofort beendet. „Ich war dabei, mich anzuziehen, da kam er auf mich zu und küsste mich. Ich sagte Nein. Von ihm kam: Einmal noch“, so die Zeugin. „Ich habe mich angezogen.“ Schnellstmöglich sei sie raus aus der Praxis.
Anschließend habe sie überlegt, was sie machen sollte, aber zu dem Zeitpunkt sei der Mann alleine dort tätig gewesen, weil die Chefin erkrankt gewesen sei. Per E-Mail habe sie lediglich die Behandlung mit sofortiger Wirkung für erledigt erklärt.
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Betroffene leidet unter Angstzuständen
Anderthalb Jahre später habe sich die Polizei bei ihr gemeldet. Dass es Fälle gebe und sie zur Aufklärung beitragen könne. „Da ist mir bewusst geworden, dass ich es nicht alleine gewesen bin, dass es auch anderen Frauen so geht. Da habe ich eine Aussage bei der Polizei gemacht.“
Danach sei Angst dazugekommen. Angst, in die Stadt zu gehen. Angst, dass er zu Hause auftauchen könnte. „Gedanken, in denen ich immer wieder gefangen bin. Ich schlafe schlecht“, schilderte die Frau unter Tränen. Begleitet wurde sie zum Prozess von einer Mitarbeiterin des Verdener Büros der Stiftung Opferhilfe.
Die beiden Frauen sind zwei von sechs ermittelten Geschädigten. Bei einer jüngeren Frau, die unter Ausschluss der Öffentlichkeit ausgesagt hat, sind zwei Taten angeklagt. Andere Zeuginnen schilderten Handlungen, die über das, was angeklagt ist, hinausgehen. Weil die Zeugenbefragungen viel länger als geplant dauerten, wurden Zeuginnen nach Hause geschickt. Sie müssen an einem der weiteren Verhandlungstage aussagen.
Ob der Mann aktuell noch als Physiotherapeut arbeitet, wurde noch nicht thematisiert. Verhandelt wird der Fall vom Schöffengericht. Dies ist zuständig, wenn eine Freiheitsstrafe von mehr als zwei Jahren zu erwarten ist. Der Prozess wird fortgesetzt.
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