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Fußball

TPauli vs. HSV: Koch-Böhnke und Lehmann liefern sich Schlagabtausch vor Derby

Benjamin Koch-Böhnke (links) und Horst Lehmann freuen sich auf das Derby.

Benjamin Koch-Böhnke (links) und Horst Lehmann freuen sich auf das Derby. Foto: Bröhan

Das Derby zwischen St. Pauli und dem HSV elektrisiert Hamburg. Zwei eingefleischte Fans aus Buxtehude duellieren sich wortstark im Vorfeld. Der Verlierer bekommt Taschentücher.

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Von Jan Bröhan
Freitag, 23.01.2026, 12:39 Uhr

Landkreis. „Da kommt ja die Zecke“, sagt Horst Lehmann, als Benjamin Koch-Böhnke in Pauli-Montur erscheint. Beide lachen. Sie kennen und schätzen sich. Lehmann ist in Buxtehude bekannt wie ein bunter Hund, war unter anderem Schützenkönig und jahrzehntelang aktiv in der Buxtehuder Fußballszene. Koch-Böhnke ist auch im Schützenverein, zudem aktiv bei Die Linke in der Politik.

Lehmann schmeißt Koch-Böhnke eine Packung Taschentücher entgegen. „Ein Geschenk für dich, die wirst du am Freitag (Anpfiff 20.30 Uhr) brauchen.“ Koch-Böhnke kontert: „Das werden Freudentränen sein.“ Beide lachen.

Ist diese Stadtmeisterschaft wirklich so wichtig?

Lehmann: „Mir bedeutet das ganz viel. Das ist hier ja schon die reinste Frotzelei. Es gibt genug Braun-Weiße. Und das ist ganz, ganz schrecklich für mich. Ich mochte nach der Hinspiel-Niederlage (0:2 beim HSV) nicht mal zur Arbeit, das war schon hart.“

Horst Lehmann (links) will auf gar keinen Fall schon wieder gehässige Sprüche von Benjamin Koch-Böhnke einstecken müssen - dafür muss der HSV am Millerntor gewinnen. Es geht um die Stadtmeisterschaft.

Horst Lehmann (links) will auf gar keinen Fall schon wieder gehässige Sprüche von Benjamin Koch-Böhnke einstecken müssen - dafür muss der HSV am Millerntor gewinnen. Es geht um die Stadtmeisterschaft. Foto: Bröhan

Koch-Böhnke: „Natürlich, das ist ein ganz besonderes Gefühl. Wenn man zur Arbeit kommt, und bei der KVG sind besonders viele HSVer, das war natürlich besonders schön.“ Er lacht herzlich. „Und ich habe hier diesen besonders schönen Schal, es ist ja nicht das erste Mal, 2019 zum Beispiel, da haben wir sogar gemeinsam geguckt, da war die Kneipe besonders still. Wir sind ja der kleinere Verein; wenn man dem großen dann mal so richtig eine auf die Nuss geben kann... wobei, so groß ist der HSV ja auch nicht mehr.“ Er lacht.

Lehmann schüttelt den Kopf. Er hofft auf die jetzige Revanche, damit die Braun-Weißen verstummen. Was ihn so optimistisch macht?

Lehmann: „Weil wir - bis zum Torabschluss - einen sehr guten Fußball spielen. Und wir spielen jetzt gegen ein Pauli, das nicht gut drauf ist.“

Koch-Böhnke: „Wir hätten schon zuletzt gegen Dortmund einen Punkt mitnehmen können, das war kein Elfer. Und wir spielen natürlich zu Hause, da sind wir stärker, am Millerntor brennt die Hütte. Das ist das Herz von Hamburg. Die Stimmung wird so geil sein, das trägt die Mannschaft noch mal zusätzlich.“

Lehmann: „Ich glaube, dass wir genug Fans dabei haben, dass es von der Lautstärke her keinen Unterschied machen wird. Und der HSV wird auch brennen. Und ihr seid einfach zu schlecht dieses Jahr. Das Derby wird mir nächstes Jahr fehlen, aber ihr schafft es nicht, die Liga zu halten.“

Koch-Böhnke: „Ihr seid ja nicht mal Zweitligameister geworden.“

Lehmann: „Wir sind aber Aufsteiger. Dafür machen wir richtig gute Spiele. Ich hoffe auf Glatzel, dass der mal spielt. Ich bin ja kein Polzin-Fan, die Außendarstellung von ihm mag ich überhaupt nicht. Aber wenn er jetzt die richtigen Entscheidungen trifft, mit Dompé und Glatzel, dann könnt ihr gleich in der Kabine bleiben.“

Koch-Böhnke: „Euch wird ganz klar gezeigt, wo eure Grenzen sind.“

Lehmann: „Das glaube ich nicht, mein Freundchen.“

Koch-Böhnke: „Selbst im Volkspark haben wir euch eure Grenzen aufgezeigt.“

Lehmann: „Das war ja auch am Anfang der Saison.“

Fangesänge sind auch ein empfindliches Thema

Lehmann: „Wir haben die besten Fangesänge und Lieder, wir haben keine Lieder von AC/DC geklaut. Wir haben selbst gemachte Lieder, und das ist beim HSV Gänsehaut pur.“

Koch-Böhnke: „Ich mag ja Rockmusik, und ob geklaut oder nicht, wenn dann Hells Bells von AC/DC kommt, wird der HSV gleich Respekt haben. Und beim Derby ist es letztlich sowieso egal, was gesungen wird, es ist einfach nur die Stimmung, die am Millerntor transportiert wird.“

Warum geht der jeweils andere Verein so gar nicht?

Koch-Böhnke: „Der HSV ist wie Bayern in klein. Bis zum Abstieg haben sie immer grad mal so eben den Klassenerhalt geschafft, wollten aber immer gleich wieder Europa spielen. Und sie haben in sieben Jahren in der 2. Liga nicht erkannt, dass sie in der 2. Liga sind. Sie sind einfach arrogant - das gilt natürlich nicht für alle HSVer. Und Pauli ist ein Stadtteil-Verein, da gibt es eine ganz andere Atmosphäre. Ein bisschen Dorf in der Stadt. Und Pauli ist ein unglaublich sozialer Verein.“

Lehmann: „Ihr seid nun mal nur ein Stadtteil-Club. Wir sind ganz klar die Nummer eins, und das werden wir auch immer bleiben. Wir haben so viele Erfolge.“

Koch-Böhnke grätscht da natürlich gleich rein: „Nenn mir mal den letzten Erfolg?“

Lehmann: „Lass mich doch mal ausreden. Ich als alter Mann (61) habe ja alles miterlebt.“

Er zählt voller Stolz „seine“ drei Meisterschaften, den Landesmeisterpokal 1983 in Athen und die DFB-Pokalerfolge auf.

„Das werden die jungen Leute natürlich alles nicht mehr erleben in den nächsten 20 Jahren.“

Lehmann kommt auf die Stimmung zurück: „Ich war in allen Stadien der Bundesliga, bei euch ist die Stimmung okay, aber im Volkspark ist sie ganz klar besser. Und das sagt auch jeder Gegner, dass die Stimmung im Volkspark den HSV nach vorne pusht.“

Die Spitze folgt: „Ich glaub auch nicht, dass man am Freitag viel von euch hören wird am Millerntor.“

Wie sind sie ihren Vereinen verfallen?

Lehmann zeigt seine beiden HSV-Tätowierungen auf den Oberarmen. Koch-Böhnke erwähnt seinen St.-Pauli-Stammtisch. Lehmann frotzelt sogleich: „Trefft ihr euch in einer Telefonzelle? Mehr Pauli-Fans hat Buxte doch nicht, oder?“ Beide lachen.

Lehmann: „Ich bin als HSV-Fan geboren. Ich hatte - wie auch meine Geschwister - gar keine Chance. Das sieht man auch jetzt an meinem Patenkind, mein Schwager ist Fan von Borussia Mönchengladbach, der hatte gar keine Chance bei seinem eigenen Sohn, der hatte schon zur Geburt einen Strampelanzug, einen Schnuller, alles vom HSV. Da sind wir sehr euphorisch.“

Koch-Böhnke: „Ich bin mit 20 einfach mal so ins Stadion - und war sofort schockverliebt. Wir standen im alten Stadion direkt hinterm Tor, konnten dem Torwart fast Guten Tag sagen.“

Lehmann: „Mein erstes Spiel war 1974 mit meinem großen Bruder gegen Young Boys Bern. Da war es auch um mich geschehen.“

Und was war das schönste Erlebnis?

Lehmann: „Ein Sieg in München, ich muss lügen, ein 4:3 glaub ich, mit Hrubesch, Kaltz, von Heesen, der eingewechselt wird und den Siegtreffer macht - heute kriegst du da ja immer acht oder neun Dinger.“

Koch-Böhnke: „Da haben wir auch mal gewonnen. Aber wenn man sich so durchgekämpft hat durch die Regionalliga, damals noch die 3. Liga, und dann Meister wird - da haben wir richtig gefeiert.“

Koch-Böhnke springt gedanklich sofort auf den damaligen Kult-Trainer Stanislawski, der St. Pauli aus der Regionalliga in die 1. Liga geführt hatte.

Koch-Böhnke: „Stichwort Stani, was auch sehr emotional war. Da hatten wir nach seinem Wechsel zu Hoffenheim ein Freundschaftsspiel, und das ganze Stadion stand auf und er machte seine Runde, er ging so zwei Meter an einem vorbei, und man merkte, dass er dachte, dass der Wechsel ein Fehler war. Er hat geweint, war aufgelöst.“

Da fällt Lehmann gleich ein noch außergewöhnlicheres Erlebnis ein.

Lehmann: „Als junge Männer sind wir mit einem Sonderzug nach München gefahren. Ich musste dann auf Toilette, und der Schaffner sagte zu mir, ich darf hier nicht auf Toilette, du musst sechs Abteile weiter. Ich sagte, dann pinkel ich hier gleich hin. Und dann ging die Tür auf und mein Idol steht vor mir. Kevin Keegan. Ich musste sofort nicht mehr pinkeln, hatte aber Pipi in den Augen. Da war die Mannschaft im Zug, was keiner wusste. Ich hab mich dann noch mit ihm unterhalten, über seine Platten, die ich auch hatte, und so weiter, das war so geil.“

Er schildert dann noch ausführlich, dass ihm seine Kumpels nicht glaubten. Bis der Zug dann in München war und alle erst aussteigen durften, als der HSV-Trupp - an den Fenstern vorbei - verschwunden war. Keegan sei heute noch der Größte, den der HSV jemals hatte, so Lehmann.

Und was war der bitterste Moment?

Lehmann: Natürlich der Abstieg. Da saß ich da und hab geweint.

Koch-Böhnke: Bei uns ging es ja immer hoch und runter. Aber wir hatten natürlich mal eine Situation, wo es finanziell sehr knapp war, und man wusste gar nicht, wie sieht es im nächsten Jahr aus.“

Lehmann grätscht rein: „Und dann hat der Uli Hoeneß das gemacht.“ Er meint das sogenannte Retterspiel zwischen Bayern und Pauli. Koch-Böhnke kontert: „Sag mal, seid ihr eigentlich noch im DFB-Pokal? Ne, nä.“

Lehmann: „Wir schonen uns.“

Koch-Böhnke: „Ja, ihr müsst alle Kräfte bündeln für Freitag.“ Beide lachen.

Am Freitag werde alles richtiggestellt, sagt Lehmann, der HSV werde 2:0 gewinnen. Koch-Böhnke gönnt dem HSV ein Tor, aber Pauli werde mit 2:1 gewinnen.

Sie verabreden sich noch in einer Kneipe nach dem Spiel. „Ich habe dann deine Taschentücher dabei, die wirst du brauchen“, sagt Koch-Böhnke.

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