TPride und Protest: Warum Menschen beim Stader CSD auf die Straße gehen
Bunter Zug durch Stade: Der CSD vereint Demonstration, Community, Kultur und politische Sichtbarkeit. Foto: Weselmann
Der Stader CSD setzt ein buntes Zeichen für Vielfalt und Toleranz. Dass die Pride-Bewegung laut bleiben muss, zeigen die Erlebnisse der queeren Community.
Stade. Fächer und Schirme in Regenbogenfarben, Wassereis, Schattenplätze und Regendusche aus dem Schlauch - beim Christopher Street Day (CSD) am Samstag in Stade trotzt die queere Community der sengenden Hitze. Einige sind wegen des heißen Wetters wohl zu Hause geblieben. Laut Polizeiangaben waren es gut 350 Menschen aus der Region, die auf dem Ankerplatz am Sande und in der Altstadt eine bunte Versammung bildeten.
Die queere Community macht schlimme Erfahrungen
Mit Bühnenbeiträgen und einem Zug durch Stade demonstrieren sie für Gleichberechtigung, mehr Akzeptanz und Sichtbarkeit. Die Pride-Bewegung hat an Dringlichkeit nicht verloren. Das machen die persönlichen Erfahrungen deutlich, die bei Gesprächen mit den Teilnehmern zutage treten.
Hass-Kommentare im Netz, blöde Sprüche im Vorbeigehen, Mobbing in der Schule, Erniedrigung auf offener Straße - die Befragten haben viel erlebt. Deshalb lautet der Appell: „Seid laut und bildet Banden. Unsere Superkraft heißt Pride, und jeder Schritt, den wir heute zusammen gegangen sind, reißt Wände der unsichtbaren Intoleranz ein.“
Christopher Street Day in Stade
Feindliche Sprüche von Jugendlichen im Stadtpark
Eneko Holtkamp ist Vorsitzender der Studierendenvertretung der Buxtehuder Hochschule 21. Hier gibt es jetzt eine Kommission für Gender & Diversity - nicht zuletzt als Anlaufstelle bei unangenehmen Situationen. Unisex-Toiletten wurden eingerichtet und zumindest schon mal für einige Tage die Pride-Flagge aufgehängt.

Eneko Holtkamp ist Vorsitzender der Studierendenvertretung der Buxtehuder Hochschule 21, die jetzt eine Kommission für Gender & Diversity eingerichtet hat. Foto: Weselmann
„Es sollte keine Kontroverse sein, diese zu hissen“, sagt der 24-Jährige. Genauso wie Awareness-Teams selbstverständlich auf Veranstaltungen gehören. Dass ihm jemand komisch wegen seiner Hautfarbe kommt, steckt er weg. „Aber die Sprüche von Jugendlichen im Park zu meiner sexuellen Orientierung haben mich echt getroffen“, erzählt er.
„Warum werden wir nicht einfach in Ruhe gelassen“
Drag-Künstler Enby Splash ist im Landkreis Cuxhaven aufgewachsen und hat früher in Stade gewohnt. Mittlerweile lebt er in Hamburg. Was negative Erlebnisse angeht, sei er ganz gut durchgekommen. Kolleginnen seien auf der Reeperbahn schon bespuckt worden.

Drag Künstler Enby Splash bekommt immer wieder Hass-Kommentare auf Social Media. Foto: Weselmann
„Warum werden wir nicht einfach in Ruhe gelassen“, fragt die Drag Queen. Enby Splash sieht Handlungsbedarf in der Justiz. Verbrechen sollten im gleichen Maße geahndet und nicht mit Blick auf den Täter heruntergespielt werden.
Stader CSD sorgt für Sichtbarkeit auf dem Land
Wie SPD-Landtagsabgeordnete Corinna Lange als Schirmherrin bringt auch Katrin Hauschild vom Bunten Block ihre Solidarität zum Ausdruck. „Großartig, dass Stade einen eigenen CSD hat. Es ist wichtig, die queere Community auf dem Land sichtbar zu machen“, sagt die Jorkerin. Sie selbst sei nicht queer, aber sehe, dass es für die Community durch das Erstarken der Rechten schwerer werde. Sie fordert, für die Vielfalt der Gesellschaft einzutreten und den Mund aufzumachen.

Katrin Hauschild vom Bunten Block zeigt sich solidarisch mit der queeren Community und findet es großartig, dass Stade einen eigenen CSD hat. Foto: Weselmann
Die Redebeiträge zeigen: Gesetze allein helfen nicht. Für echte Gleichberechtigung müssen die entsprechenden Bedingungen geschaffen werden. Selbstbestimmung entscheidet sich im Alltag. Und der liefert erschreckende Beispiele dafür, dass die seit den Stonewall-Protesten 1969 in der Christopher Street in New York stetig gewachsene Pride-Bewegung weiter laut sein muss.
Kehdinger fürchten den wachsenden Einfluss der AfD
Michelle Marquard und Manuel Zeidler sind zum ersten Mal beim Stader CSD. Sie wollen neue Leute kennenlernen. In ihrem Alltag sei die Community in Stade und Umgebung kaum sichtbar. „Ich habe hier gerade einen Bekannten getroffen und wusste gar nicht, dass er Furry ist“, erzählt Michelle Marquard.

Michelle Marquard und Manuel Zeidler nutzen das Zusammenkommen auf dem Stader Ankerplatz, um neue Leute kennenzulernen. Foto: Weselmann
Die Kehdinger fürchten den wachsenden Einfluss der AfD und die Folgen mit Blick auf ihre gesellschaftliche Akzeptanz. Auf dem Weg der Transition von Frau zu Mann war Manuel schon einigen Anfeindungen ausgesetzt: „In der Schule wurde ich immer als Mannsweib beschimpft und bin oft heulend aus der Klasse gerannt.“ Konsequenzen? Fehlanzeige - trotz Gespräch mit dem Vertrauenslehrer.
Der Safe Space fängt im Kleinen an
Sina Z. hat in der Schule ebenfalls Mobbing erfahren. Nicht nur verbal. „Ich wurde geschubst und sogar auf dem Klo eingesperrt“, erzählt sie. An der jetzigen Schule sei es zum Glück besser.

An ihrer früheren Schule wurde Sina T. gemobbt. Foto: Weselmann
Dass in Stade auch schon mal eine Pride-Flagge heruntergerissen und abgefackelt wurde, findet sie schlimm. Damian N. erschüttern derlei Vorfälle genauso: „Solchen Leuten traue ich zu, auch handgreiflich zu werden.“

Darian N. aus Heimfeld nutzt die Gelegenheit zur Abkühlung. Foto: Weselmann
In der Gruppe fühlt der Heimfelder sich sicherer. Safe Space fängt für ihn im Kleinen an. Zum Beispiel damit, dass Orte Flagge zeigen und Willkommen signalisieren. Mit Unisex-Toiletten wie im Stader Rathaus. Mit einem verständnisvollen Arbeitgeber. Oder mit einem sicheren Hafen, wie Initiator Amadeus Schwone vom Quest Verein durch seinen erfüllten Traum vom CSD in Stade wahr werden lässt.

Botschaften für den Demonstrationszug durch Stade. Foto: Weselmann
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