TRedner in Buxtehude unter Polizeischutz: Wie Juden sich in Deutschland fühlen
Öffentliches Gespräch während der Internationalen Wochen gegen Rassismus in Buxtehude: Journalist Ludwig Greven (links), Vorstandsmitglied Deutsch-Israelische Gesellschaft Buxtehude, und Stefan Hensel, früherer Antisemistismus-Beauftragter Hamburgs. Foto: Sulzyc
Hamburgs früherer Antisemitismus-Beauftragter Stefan Hensel wollte in Buxtehude nicht über Krieg sprechen - sondern über Menschenfeindlichkeit. Ist das gelungen?
Buxtehude. Während der Internationalen Wochen gegen Rassismus in Buxtehude stand am Donnerstagabend eine Veranstaltung unter Polizeischutz. Eine Persönlichkeit des öffentlichen jüdischen Lebens in Deutschland war als Redner zu Gast bei der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Buxtehude: Stefan Hensel (46), der nach vier Jahren Amtszeit Ende 2025 zurückgetretene Antisemitismus-Beauftragte Hamburgs.
Aus einer antisemitischen Motivation heraus seien laut Medienberichten im Mai 2025 Stefan Hensel und seine Tochter im Straßenverkehr bedrängt worden. Im Auto hätten sie bei geöffnetem Fenster ein israelisches Lied gehört.
Zwei Polizeibeamte zum Schutz der Veranstaltung
Zum Schutz vor einem Angriff halten sich zwei Polizeibeamte während des Vortrags mit Publikumsgespräch in der Cafeteria der Volkshochschule Buxtehude auf. Gut 20 Besucher nehmen daran teil.
„Alle Veranstaltungen der Deutsch-Israelischen Gesellschaft müssen Sicherheitsbestimmungen erfüllen“, sagt Ludwig Greven, Journalist, Moderator des Abends und Vorstandsmitglied der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Buxtehude. Das bedeutet in Buxtehude: Zutritt nur bei Anmeldung mit Namensnennung.
Juden in Deutschland fühlten sich allein gelassen. Hass und Verachtung schlügen ihnen entgegen. Darüber möchte Stefan Hensel an diesem Abend sprechen.
Es gehe nicht um den Krieg in Gaza. Auch nicht um den Krieg Israels und der USA gegen das iranische Regime. „Es geht um Menschenfeindlichkeit in Deutschland“, grenzt Ludwig Greven das Thema ein. Dass das den Besuchern viel abverlangt, weiß Stefan Hensel: „Es wird kein Happy End geben bei so einer Veranstaltung.“
Wie viele Juden leben in Deutschland?
„Öffentliche Juden“, wie Hensel sagt, verkörperten nur eine kleine Gruppe in der jüdischen Gemeinschaft. Sichtbar in der Gesellschaft seien der Talkmaster und frühere Politiker Michel Friedman, die Politikerin Charlotte Knobloch oder auch er selbst.
Ungefähr 200.000 Juden lebten zurzeit in Deutschland, sagt Hensel. Die meisten seien in der Gesellschaft nicht sichtbar. 100.000 seien in jüdischen Gemeinden organisiert. 30 Prozent der Juden in Deutschland leben laut Hensel unterhalb der Armutsgrenze.

Mehr als 100 Menschen waren im Oktober 2024 dem Aufruf zur „Demonstration gegen Judenhass, für Freiheit und Demokratie in Israel und Deutschland“ am Hase-und-Igel-Brunnen in Buxtehude gefolgt. Foto: Vasel
Die meisten Juden in Deutschland stammten aus der Ukraine und anderen Staaten, die aus der Sowjetunion hervorgegangen sind. Eltern trichterten ihren Kindern ein: „Sage nicht, dass du Jude bist.“ Lieber seien sie „die Russen“. Dass Juden ihre jüdische Identität verschweigen, sei die größte Bedrohung für jüdisches Leben in Deutschland, sagt Hensel.
Mehr antisemitische Straftaten in Deutschland
Laut dem Bundeskriminalamt stiegen 2024 (das sind die aktuellen Zahlen) die antisemitischen Straftaten in Deutschland stark an - plus 20,8 Prozent. 6236 Fälle im Jahr bedeuteten einen neuen Höchststand.
„Warum werden jüdische Menschen in Deutschland angegriffen, wenn irgendwo im Nahen Osten etwas passiert?“ Den Gedanken - als Frage formuliert - wirft Stefan Hensel in den Raum. Was da hochkomme, stamme aus der Mitte der Gesellschaft, sagt ein Besucher. Mit „was“ meint er Hass auf Juden.
Völkerverständigung
Jugendleiter aus Buxtehude diskutieren Nahost-Konflikt in Israel
In einem Beschluss hat Die Linke in Niedersachsen bei ihrem Landesparteitag am vergangenen Wochenende einen „heute real existierenden Zionismus“ abgelehnt. In dem Beschluss enthalten sind Vorwürfe gegen die israelische Regierung, im Gazastreifen einen Völkermord zu begehen. Die Bundespartei hat sich inzwischen von dem Beschluss distanziert.
Im Publikumsgespräch mit Stefan Hensel entgegnet ein Teilnehmer, Juden suchten nie die Schuld bei sich. Zuvor kam die Gewalt israelischer Siedler im besetzten Westjordanland gegen Palästinenser zur Sprache.
So sind Redner und Publikum nun doch im Nahen Osten und im Krieg angelangt. Über Hass auf Juden in Deutschland zu sprechen, ist also nur bedingt gelungen.
Verhältnis zu Arabern besser als viele dächten
Die Siedlergewalt an Palästinensern im Westjordanland verurteilt Stefan Hensel. Er nennt sie eine „Beschmutzung des demokratischen Gemeinwesens“. Aber: Das Verhältnis Israels zu Arabern sei besser, als viele in Deutschland dächten. Israelis flögen nach Dubai in den Urlaub - und nicht nach Spanien. An der Universität in Haifa seien 50 Prozent der Studierenden Araber - viele davon Frauen.
Antisemitische Vorfälle gebe es mittlerweile verstärkt auch in den USA. Gewalt gegen Juden in Deutschland nimmt zu. Wie allein gelassen sich Juden fühlen, drückt Stefan Hensel so aus: „Es gibt keine Gewährsnation, die Juden schützt.“ Er hatte es vorausgesagt: Ein Happy End hat die Veranstaltung nicht.
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