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T„Schwer zu ertragen“: Wie die Polizei Täter von Kinderpornografie jagt

Julian Eggert leitet das Sachgebiet Kinderpornografie bei der Polizeiinspektion Rotenburg. Ein hartes Themenfeld – bei dem künstliche Intelligenz hilft, Straftätern auf die Spur zu kommen.

Julian Eggert leitet das Sachgebiet Kinderpornografie bei der Polizeiinspektion Rotenburg. Ein hartes Themenfeld – bei dem künstliche Intelligenz hilft, Straftätern auf die Spur zu kommen. Foto: Krüger/Kreiszeitung

Digitale Daten enthalten Abgründe. Das weiß Julian Eggert aus Berufserfahrung nur zu gut. Der 40-jährige Rotenburger leitet ein Sachgebiet, das für viele ein Tabuthema ist.

Von Michael Krüger Montag, 04.05.2026, 05:45 Uhr

Landkreis Rotenburg. Man spricht lieber nicht darüber, lässt die „Schmuddelecke“ unbeachtet, aber genau das ist über viele Jahre ein Problem gewesen. „Je mehr wir ermitteln, desto mehr Beschuldigte finden wir“, betont Kriminalhauptkommissar Eggert. In Eggerts Team geht es um Kinder- und Jugendpornografie. Um Täter zu überführen, müssen sehr oft sehr viele Daten ausgewertet werden. Den menschlichen Kollegen helfen dabei spezielle Auswertungsprogramme und künstliche Intelligenz. Wobei auch klar ist: „Alles, was strafrechtlich relevant sein könnte, muss sich ein Mensch anschauen.“

Die Vielfalt an Vergehen ist groß. Beinahe immer gleiche Muster zeigen sich allerdings bei der Art des Umgangs, zumeist geht es um Videos und Fotos, in fast allen Fällen geht es um Männer. „Die Täter sind digital vernetzt“, sagt Eggert. Ermittelt wird weltweit. Andere Strafverfolgungsbehörden, das Bundeskriminalamt oder Organisationen wie das amerikanische „National Center for Missing & Exploited Children“ (NCMEC), das sich dem Schutz von Kindern vor Entführung, sexuellem Missbrauch und Ausbeutung widmet, geben ihre Erkenntnisse auch nach Rotenburg. Dort wird zugegriffen.

Polizei setzt auf KI bei Ermittlungen über Kinderpornografie im Internet

Es geht um Handys, Datenträger, Computer, Clouds – digitale Spuren von Vergehen, auf die zwischenzeitlich sogar eine eigene Ermittlungsgruppe („Hydra“) mit zwölf spezialisierten Polizisten angesetzt war. Wie groß die heutige Sachgebietsgruppe Kinderpornografie ist, sagt Eggert nicht. Tiefere Einblicke in die Technik, die hilft, darf er auch nicht gewähren. Denn klar ist: Die Täter sind zumeist sehr gut darin, Spuren in dunklen Ecken des Internets zu verstecken und Technik zu nutzen. Da muss die Polizei mithalten, idealerweise sogar besser sein. Das berühmte Katz-und-Maus-Spiel.

Die größte Gefahr für Kinder und Jugendliche ist das Internet.

Julian Eggert von der Polizeiinspektion Rotenburg

Um welche Dimensionen es bei diesem Deliktfeld geht und dass das Thema nicht weit weg, sondern vor Ort genauso stattfindet, wurde in einem Prozess am Amtsgericht Rotenburg deutlich. Dort musste sich ein 38-jähriger Mann verantworten, der bereits einschlägig vorbestraft war und im offenen Vollzug weitere kinderpornografische Straftaten begangen hat. Es ging um mehr als 10 000 Bilder und Videos, die er besessen und zum Teil auch verbreitet hat. Der Mann bekannte sich schuldig und nannte sich pädophil, auch wenn er selbst keine Bilder erzeugt hat. Er ist in Behandlung, wird „chemisch kastriert“ – und zu einer weiteren Bewährungsstrafe verurteilt, damit er seinen Weg der Therapie in Freiheit fortsetzen kann.

Ermittler der Polizei Rotenburg stoßen auf „Selbstfilmer“

Die Zahl der Fälle ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen, für die Ermittlungsgruppe „Hydra“ ging es auch darum, Fälle der Vorjahre aufzuarbeiten. Deutschlandweit wurde zuletzt zwar eine leicht rückläufige Tendenz bei Delikten im Zusammenhang mit kinderpornografischen Inhalten beobachtet, Erklärungen hatte das Innenministerium dafür aber nicht. Ein grundsätzliches Problem: Fast die Hälfte der „Täter“ sind Jugendliche selbst, „Selbstfilmer“.

Die polizeiliche Kriminalstatistik für 2024 sagt: „Sie fertigen Aufnahmen von sich selbst und verbreiten diese eigenständig oder über Freunde unbedacht auf Social-Media-Plattformen. Dabei ist den Jugendlichen oft nicht bewusst, dass sie durch das Weiterleiten oder den teils auch unbeabsichtigten Upload pornografischer Fotos oder Videos einen Straftatbestand verwirklichen können.“ Zum infrage kommenden Täterkreis zählen nicht nur diejenigen, die in Tateinheit Missbrauch begehen, filmen und verbreiten, sondern auch solche, die ausschließlich beschaffen, verbreiten und besitzen – sowie Jugendliche selbst, die zumeist ja ohne böse Absichten handeln. „Die Verfügbarkeit strafrechtlich relevanter Inhalte ist viel größer geworden“, weiß auch Ermittler Eggert. „Das sind aber nicht unsere primären Täter.“ Aber: „Sobald man etwas besitzt, ob ungewollt oder nicht, ist man dabei.“

Computerprogramme der Polizei kommen zum Einsatz

Eggert spricht von einer „zweistelligen Zahl“ an Taten pro Monat im Landkreis, die sein Team ermittelt. Sind Endgeräte oder Datenträger gesichert, kommen zunächst die Computerprogramme der Polizei zum Einsatz. „Viele sind geschockt von dem, was ich tue, wenn ich es erzähle“, sagt Eggert. Drei Bildschirme stehen auf seinem Schreibtisch des Fachkommissariats 1. Aber was er sich dort anschauen muss, ist schon durch viele Analysen gelaufen. „Es ist ein großes Spektrum, was man schon gesehen hat“, sagt er, ohne natürlich auf Details einzugehen.

Er und seine Kollegen – dass es derzeit keine Kollegin gibt, sei nur Zufall – wüssten damit professionell umzugehen, alles mit dem Dienstende hinter sich zu lassen, klappe aber nicht. „Es ist auch Gewalt im Spiel, das ist unglaublich schwer zu ertragen.“ Polizisten haben selbst Familien, und wenn man dann bei Hausdurchsuchungen Kinder antreffe, sei man besonders betroffen. Eggert: „Es gab auch Kollegen, die es nicht mehr konnten, weil sie selbst Nachwuchs bekommen haben. Das ist in Ordnung, das muss niemand aushalten.“

Kinderpornografie: menschliche Kontrollinstanz der Polizei bleibt

Auch wenn die Maschine bei der Auswertung von Bildern und Filmen hilft: „Die menschliche Kontrollinstanz bleibt.“ Bei pädosexuellen Verdächtigen schauten sich die Ermittler sogar alle Fotos selbst an, damit es keine Lücken gibt. Die Künstliche Intelligenz als Helfer, durch das Landeskriminalamt entwickelt, helfe sehr, aber eben auch nicht in allen Fällen. Sortieren können die Programme etwa grundsätzlich nach pornografischen und nicht pornografischen Inhalten, auch das ungefähre Alter der Menschen werde bestimmt. In welches Deliktfeld die Aufnahmen fallen, sei dann aber wieder Sache der menschlichen Polizeiarbeit – und wenn es um konkrete strafrechtliche Verdachtsmomente geht, ohnehin.

Eine weitere menschliche Komponente bei dem weiten Themenfeld ist Eggert besonders wichtig: die Präventionsarbeit. Er spricht von einer „Verrohung der Gesellschaft“. In tausende Handys habe er blicken müssen, die seien oftmals ein „Spiegelbild der Seele“. Eltern und auch die Schule seien gefordert, Kindern einen richtigen Umgang mit der Allzeitverfügbarkeit digitaler Inhalte beizubringen.

„Die größte Gefahr für Kinder und Jugendliche ist das Internet“, sagt er. Nur durch eine bessere Medienkompetenz schaffe man es, „Kinder standhaft zu erziehen“. Die Ermittlungsarbeit soll helfen, Kinder und Jugendliche vor Missbrauch zu schützen. „Wir haben wirklich Bock, etwas zu leisten“, sagt Eggert zur Motivation seines Teams. Nur müsse auf der anderen Seite das Bewusstsein für die Gefahr geschärft werden: „Wenn Kinder und Jugendliche die Kompetenzen nicht haben, werden sie zum Opfer.“

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