T„Selbstverliebtes Arschloch“: Ex-Profi Borowka über seine Alkoholsucht
Uli Borowka war Fußballprofi und Alkoholiker. Foto: Berlin
Er war Fußballprofi und Alkoholiker. Uli Borowka reist von Schule zu Schule und klärt über die Sucht auf. So auch in Buxtehude. Ein fast kaputtes Leben in 90 Minuten.
Buxtehude. Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre. Uli Borowka spielt beim SV Werder Bremen in der Fußball-Bundesliga und isst mit seinem Freund und Vereinskollegen Günter Hermann beim Italiener. Hermann trinkt zwei Gläser Wein. Borowka zwei Flaschen. Hermann sagt, er soll auf seinen Alkoholkonsum achten. Borowka bricht ihm am nächsten Tag im Training fast das Schienbein.
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Heute sagt Borowka über Borowka: „Ich war ein selbstherrliches und selbstverliebtes Arschloch.“
Erst in der Entzugsklinik macht es klick
Hermann hatte es gewagt, Borowka auf sein Problem anzusprechen. Vielleicht wollte er ihm sogar helfen. Borowka sagt, er hat kein Alkoholproblem. Er leugnet das viele Jahre. Er gesteht es sich nicht ein. Erst viel später, nach den ersten drei Wochen in der Entzugsklinik steht der Mann, der einst alles hatte, vor dem Spiegel, schaut sich an und sagt zu seinem Gegenüber: „Du bist alkoholkrank.“
Borowka erzählt seine Geschichte an einem Tag Ende September vor 160 Achtklässlern der Integrierten Gesamtschule in Buxtehude. Sie sitzen in der Aula und lauschen. Rein statistisch gesehen haben 60 Prozent von ihnen schon mal Alkohol getrunken. Mit 13, 14 Jahren.
So viele Menschen sterben wegen des Alkohols
Laut einer Erhebung des Bundesministeriums für Gesundheit (Stand April 2026) konsumierten im Jahr 2024 etwa 8,6 Millionen Menschen der 18- bis 64-jährigen Bevölkerung in Deutschland riskante Mengen Alkohol. Etwa 9,5 Millionen hatten demnach „mindestens eine Episode des Rauschtrinkens“.
Die Studie zeige auch, dass im Jahr 2024 etwa 2,2 Millionen Personen die medizinischen Kriterien einer Abhängigkeit und 1,7 Millionen Personen die Kriterien für Missbrauch erfüllten. Gemäß einer weiteren Studie starben in Deutschland aufgrund des hohen Alkoholkonsums im Jahr 2021 rund 47.500 Menschen, schreibt das Ministerium auf seiner Internetseite.

Uli Borowka besucht Schulen und Gefängnisse und spricht über seine Alkoholsucht. Foto: Berlin
Borowkas Besuch an der Schule ist der Auftakt einer Präventionswoche zum Thema Sucht. Die Buxtehuder Lions engagierten den Promi, der als Suchtberater und in Sachen Prävention in ganz Deutschland unterwegs ist. Er referiert in Schulen und Gefängnissen. Borowka hilft Fußballprofis dabei, vom Alkohol loszukommen und sucht ihnen eine Klinik. Vor zwei Jahren brauchte er dafür eine Woche. Heute warten Kranke ein halbes Jahr auf einen Platz. Wenn heute ein Profi reden würde, wäre seine Karriere beendet.
Die Axt Borowka veröffentlichte seine Biografie
Vor 14 Jahren schrieb Borowka mit dem Journalisten Alex Raack ein Buch über sein Leben. Der Titel „Volle Pulle“ beschreibt es als Säufer und Fußballer gleichermaßen. Gegner und Journalisten haben ihn „Eisenfuß“ oder „die Axt“ genannt. Ungeschönt zieht Borowka Bilanz seines Lebens als Fußballprofi und Alkoholiker. Es sind eigentlich zwei Geschichten. Eine Parallelwelt.
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Gladbach, Werder Bremen, Nationalmannschaft. Deutscher Meister. Deutscher Pokalsieger. Gewinner des Europapokals der Pokalsieger. Mindestens eine Kiste Bier am Tag, eine Flasche Whiskey, eine Flasche Wodka. Als er 1996 mit seinem Porsche und 1,8 Promille Alkohol im Blut gegen einen Baum fährt, fliegt Borowka bei Werder Bremen raus.
Borowka ist 16 Jahre lang Fußballprofi, 16 Jahre lang Alkoholiker und 14 Jahre lang von Medikamenten abhängig. Er schluckt 10, 15 Voltaren am Tag, damit er die Schmerzen ertragen kann, auf seine Pflichtspieleinsätze kommt und die leistungsbezogenen Verträge einhalten kann. Borowka ist jetzt seit 26 Jahren trocken. „Aber gefährdet bis zum Lebensende“, sagt er. Borowka darf zum Nachtisch nicht mal ein Tiramisu essen.
Borowka erlebt während der Lehre den Gruppenzwang
Der gelernte Maschinenschlosser trinkt mit 15 das erste Bier bei der Ausbildung. Ein paar Tage später stehen Apfelkorn und Weinbrand-Cola im Spind. „Ich habe etwas gemacht, was ich nicht wollte“, sagt Borowka. Er erlebte den Gruppenzwang. Er wollte nicht ausgegrenzt werden. „Ich konnte das Saufen nicht kontrollieren“, sagt er. Das Nein-Sagen fiel schwer. Borowka sendet seine zentralen Botschaften an die Kinder vor ihm direkt und authentisch.
Sucht mache auch vor Jobs nicht halt. Vor verschiedenen Ständen. Jeder habe Druck, Hektik und Stress, sagt er.
Den Schülern der IGS erzählt der heute 64-Jährige, dass er sich als Suchtberater um Menschen gekümmert habe, die jetzt nicht mehr leben. Er erzählt von Cannabis als Einstiegsdroge. Seine These zum Konsum von Gras in jungem Alter: „Jugendliche haben mit 14 ihr Leben schon weggeschmissen.“ Dass er an diesem Tag überhaupt hier sitzen kann, sei reines Glück. „Drei Mal stand ich mit anderthalb Beinen im Grab“, sagt Borowka. Einmal musste er fast ins Gefängnis.
Mit Loch im Kopf und ohne Zähne
Anfang 2000 holt sich Borowka Hilfe. Er hat wieder getrunken, er fällt ins Delirium und dabei von einer sechs Meter hohen Brücke. Er wacht irgendwann auf seiner Matratze wieder auf. Mit einem Loch im Kopf und ohne Zähne im Mund läuft er zehn Kilometer durch den Regen zur Geschäftsstelle von Borussia Mönchengladbach. Sein ehemaliger Mitspieler und Sportdirektor in Gladbach, Christian Hochstätter, bringt ihn die Klinik. Ein Wendepunkt.
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Es ist erstaunlich, dass der Alkoholiker Borowka als Leistungssportler mithält. Dass der Körper nicht verweigert, wenn er bis 3 Uhr morgens durchsäuft und um 9 Uhr als Erster in der Umkleidekabine sitzt. Er hat keinen Kater, keine Kopfschmerzen, ihm ist beim Training nicht übel. „Ich hatte nur eine Fahne“, sagt Borowka.
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Medizinisch gesehen ist Borowka offensichtlich ein Phänomen. Eine Leber besäße eine außergewöhnliche Regenerationsfähigkeit, sagt Dr. Sebastian Philipp, Chefarzt für Kardiologie und Innere Medizin am Elbe Klinikum Stade. Aber Alkohol führe im Normalfall zu irreversiblen Schäden am Gehirn. „Es ist medizinisch nahezu ausgeschlossen, dass ein Mensch bei diesen Massen Alkohol ohne gesundheitliche Schäden davonkommt“, sagt Philipp.
Klinsmann und Möller waren Luschies
Als deutscher Nationalspieler verteidigte Borowka drei Mal gegen Diego Maradona. Die ungewaschenen Trikots der argentinischen Legende hat er noch. Gegner wie Jürgen Klinsmann und Andreas Möller bezeichnet er heute als „Luschies“. Die seien immer abgehauen, wenn er kam. Borowka war eine Nummer im deutschen Fußball. Ein Teamplayer, ein Leistungsträger in guten Mannschaften. Respektiert und gefürchtet.

Borowkas besondere Maradona-Bilanz im Nationaltrikot: Drei Spiele, drei Siege. Foto: dpa
Wäre er heute 25 Jahre alt und Alkoholiker, würde er trotzdem Bundesliga spielen, meint Borowka. Das ist für ihn keine Frage, obwohl die Profis von heute pro Spiel drei bis vier Kilometer mehr laufen und 80 Mal mehr in den Sprint gehen als in den 1980er und 1990er Jahren.

Uli Borowka hat heute noch ein ungewaschenes Maradona-Trikot. Foto: dpa
Borowka erklärt das (sein) Phänomen auf seine Art: „Ich habe 20 Jahre lang gesoffen und hatte Glück mit meinen Organen.“
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