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TStade zeigt Hamburger Kunstschatz: Was hinter der Entdeckung steckt

Das Kunsthaus präsentiert die vergessenen Wegbereiterinnen der Moderne aus der ersten Hamburger Malschule für Frauen, hier bei einem Ausflug mit Ernst Eitner 1897 in Neustadt/Holstein.

Das Kunsthaus präsentiert die vergessenen Wegbereiterinnen der Moderne aus der ersten Hamburger Malschule für Frauen, hier bei einem Ausflug mit Ernst Eitner 1897 in Neustadt/Holstein. Foto: unbekannt

Die Museen Stade haben wieder Pionierarbeit geleistet. Im Kunsthaus sind so noch nie gezeigte Werke zu sehen. Der Bilderschatz hat einen spannenden Hintergrund.

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Von Fenna Weselmann
Samstag, 24.01.2026, 16:50 Uhr

Buxtehude. Mit der neuen Ausstellung „Frauen machen Schule. Wegbereiterinnen der Moderne“ schlägt das Kunsthaus Stade ein bisher übersehenes Kapitel der Kunstgeschichte auf. Die ab sofort laufende Schau rückt die von Valesca Röver gegründete private Hamburger Malschule in den Fokus und wirft damit einen Blick auf die Historie der künstlerischen Berufsausbildung für Frauen. Nach aufwendiger Forschungsarbeit wird so ein verborgener Kunstschatz sichtbar.

Intensive Suche in Archiven und Sammlerkreisen

„Für Kuratorin Regina Wetjen war das ein lange verfolgtes Herzensprojekt, mit dem sie Pionierarbeit betrieben hat“, so Museumschef Dr. Sebastian Möllers. Die Mitarbeiterin der Museen Stade zeigt sich begeistert von den vielfältigen Entdeckungen im Verlauf ihrer aufwendigen Recherchearbeit.

Nachlass einer selbstbewusst schaffenden Frau: Kuratorin Regina Wetjen platziert die Mappe von Minna Schwerdtfeger vom Pariser Studienaufenthalt in einer der Ausstellungsvitrinen.

Nachlass einer selbstbewusst schaffenden Frau: Kuratorin Regina Wetjen platziert die Mappe von Minna Schwerdtfeger vom Pariser Studienaufenthalt in einer der Ausstellungsvitrinen. Foto: Weselmann

Um biografische Details zu den Frauen der Malschule und den Verbleib ihrer Werke ausfindig zu machen, musste sie tief in Archiven und privaten Sammlerkreisen nachforschen. „Jede einzelne dieser Künstlerinnen ist ein Forschungsfeld für sich“, betont Regina Wetjen. Die so erstmals gestaltete Zusammenschau zeigt, von welcher Bedeutung das aus der Ausbildungsmöglichkeit hervorgegangene Künstlerinnen-Netzwerk in Hamburg war.

Die Kunstschule hatte ihren Sitz im Herzen von Hamburg

Im Herzen Hamburgs gründete Künstlerin Valesca Röver (1849-1931) im Jahr 1891 eine eigene Kunstschule für Frauen. Zu dem Zeitpunkt waren die staatlichen Ausbildungsstätten noch ausschließlich Männern vorbehalten. Erst 1919 wurden Frauen hier offiziell zugelassen. Röver selbst hatte in Paris an der privaten Académie Julian studiert und sollte mit ihrer Institution ein wichtiges Kapitel Kunstgeschichte schreiben.

Harriet Wolfs „Blick aus der Kunstschule Gerda Koppel auf Glockengießerwall und Ferdinandstor“ von 1919.

Harriet Wolfs „Blick aus der Kunstschule Gerda Koppel auf Glockengießerwall und Ferdinandstor“ von 1919. Foto: Museen Stade/ Carsten Dammann

Nach anfänglichem Standort an der Stadthausbrücke verlegte sie die Einrichtung an den Glockengießerwall 23, direkt gegenüber der Hamburger Kunsthalle. „Ein echtes Statement“, findet Regina Wetjen. Denn dort lernten und arbeiteten Künstlerinnen nun in unmittelbarer Nähe zu den wichtigsten Orten des städtischen Kunstgeschehens - das Unterrichtsprogramm geprägt vom Aufbruch in die Moderne.

Schau erzählt von der Situation der Künstlerinnen

Im Herbst 1904 übernahm Rövers ehemalige Schülerin Gerda Koppel die Leitung der Schule, die sie bis 1938 innehatte. Inzwischen an den Mittelweg 169 umgezogen, wurde die Institution dann bis 1954 von Gabriele Stock-Schmilinsky geführt. Zu den Schülerinnen zählten unter anderem Alma del Banco, Gretchen Wohlwill, Harriet Wolf, Lore Feldberg-Eber und Annemarie Ladewig.

Gretchen Wohlwill, Mädchen am Fenster, undatiert (um 1930), Öl auf Leinwand, Sammlung Tobeler.

Gretchen Wohlwill, Mädchen am Fenster, undatiert (um 1930), Öl auf Leinwand, Sammlung Tobeler. Foto: Museen Stade/ Carsten Dammann

In der Ausstellung werden Werke von mehr als 20 Frauen präsentiert. Die meisten von ihnen sind heute kaum noch bekannt, ihre Lebenswege aber stehen exemplarisch für die Situation von Künstlerinnen um 1900. Sie arbeiteten in einer Zeit starker politischer wie künstlerischer Umbrüche, in der rechtliche Vorgaben und gesellschaftliche Erwartungen fest in männlicher Autorität verankert waren.

Einige Werke sind von Gastaufenthalten im Alten Land inspiriert, so wie Alma del Bancos „Altländer Interieur mit Frau bei Heimarbeit“.

Einige Werke sind von Gastaufenthalten im Alten Land inspiriert, so wie Alma del Bancos „Altländer Interieur mit Frau bei Heimarbeit“. Foto: Museen Stade/ Carsten Dammann

Mit ihrer Malschule schufen Röver und die nachfolgenden Leiterinnen hier einen Ort, der Frauen zu einem eigenständigen beruflichen Weg befähigen sollte. Mit Entschlossenheit, gegenseitiger Unterstützung und klug geknüpften Verbindungen konnten sich die Künstlerinnen so einen Platz im kulturellen Leben erarbeiten.

Einblick in ein wichtiges Hamburger Netzwerk

Regina Wetjen ist ihren Spuren nachgegangen, hat Schülerinnen und Lehrkräfte identifiziert und schließlich zahlreiche Werke in Privatsammlungen und Familiennachlässen aufgetan. Denn in institutionellen Sammlungen sind sie kaum zu finden. Ein Großteil dieser Arbeiten wurde bislang auch noch nie öffentlich gezeigt.

Das Kunsthaus gibt so einen bislang einzigartigen Einblick in die weibliche Kunstszene Hamburgs im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Darüber hinaus nimmt es das Umfeld der Malschule in den Blick: ihre Netzwerke sowie die Lehrkräfte, die bislang weder Gegenstand einer Ausstellung noch einer Publikation waren.

Stader Museen rufen zur Unterstützung auf

In der Erforschung der Malschule und ihrer Künstlerinnen „gibt es noch viele lose Enden“, sagt Wetjen. So konnte sie kein einziges von der Gründerin geschaffenes Bild auftreiben. Auch die Auswirkungen des NS-Regimes auf die jüdischen Künstlerinnen in der Schule sind ein zu vertiefendes Thema.

„Deshalb soll sich jeder melden, der etwas weiß“, so die explizite Aufforderung der Kuratorin. Sie stößt immer wieder auf Neues. Erst kürzlich hat sich jemand aus Stade gemeldet.

Die Ausstellung weist über das Historische hinaus. Mit ihrer zeitgenössischen Tape-Art verwebt die Hamburger Künstlerin Anne Bracht die gezeigten Werke und Stilrichtungen miteinander. Gleichzeitig schlägt ihre Arbeit eine Brücke zwischen der Kunst der Moderne und der Gegenwart.

Mit ihrer auf die Ausstellung bezogenen Tape-Art schafft die Hamburger Künstlerin Anne Bracht eine Verbindung zur Gegenwart.

Mit ihrer auf die Ausstellung bezogenen Tape-Art schafft die Hamburger Künstlerin Anne Bracht eine Verbindung zur Gegenwart. Foto: Weselmann

„Frauen machen Schule“ läuft bis zum 25. Mai. Zur Ausstellung wurde ein umfangreiches Magazin aufgelegt. Darüber hinaus gibt es ein Vermittlungsprogramm, zu finden unter www.museen-stade.de.

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