TTeilzeit-Debatte: Stader Expertin verrät, wie Frauen zurück in den Job finden
Die Kinder sind aus dem Haus - und jetzt? Für Frauen wieder zurück in den Beruf zu finden, ist eine Herausforderung. Foto: Zacharie Scheurer/dpa-tmn
Schadet Teilzeit der Volkswirtschaft? Ein Antrag an den CDU-Bundesparteitag sorgt aktuell für Diskussionen. Beraterin Christina Völkers sieht für berufstätige Frauen jedoch andere Probleme im Fokus.
Horneburg. Ob in Horneburg, Harsefeld oder Buxtehude: Karriere-Expertin Christina Völkers berät Frauen im ganzen Landkreis Stade bei beruflichen Fragen. Als langjährige Projektleiterin der Koordinierungsstelle für Frauenförderung bei der Handwerkskammer Braunschweig-Lüneburg-Stade kennt sie die Probleme von Schulabgängerinnen oder Job-Rückkehrerinnen genau.
„Frauen treten oft zu bescheiden auf“, weiß Völkers. Das spiegele sich schon in Anschreiben, wenn Bewerberinnen etwa Fachkenntnisse relativieren. Man solle sich selbstbewusst in Anschreiben präsentieren, „alles andere klärt sich im Gespräch“, rät die Expertin.
Ausbildungsmessen sind nur für Schüler? Nein!
Ein wichtiger Anlaufpunkt bei der Suche seien Ausbildungsmessen. Diese stehen für jeden offen, nicht bloß für Schüler, sagt Völkers. Das sei der beste Weg, um mit Arbeitgebern direkt in Kontakt zu treten.

Christina Völkers leitet die Koordinierungsstelle zur Frauenförderung und berät Frauen bei ihrer Karriereplanung. Foto: Handwerkskammer Braunschweig-Lüneburg-Stade
Völkers habe in Gesprächen festgestellt, dass der weibliche Blick auf mögliche Stellen oft zu eng ist. Vieles sei nicht vorstellbar, Kriterien würden zu eng gedacht. Frauen wollen immer das Geforderte zu 100 Prozent erfüllen, weiß Völkers. Ein Tipp für neue Perspektiven: Stellen, die nicht vorstellbar erscheinen, genau anschauen. Dort verbergen sich oft spannende Berufsfelder.
Frauen bei Aufstiegschancen klar im Nachteil
Manche Frauen sind mit ihrem Beruf unglücklich. Es sei jedoch nie zu spät, sich neu aufzustellen, sagt Völkers. Und wenn jemand keine Ausbildung hat, rät sie: „Unbedingt noch eine machen.“
Mit einem Ausbildungsgehalt die Miete zu bezahlen, sei schwierig. Trotzdem rät sie Frauen, sich finanziell unabhängig auf eigene Füße zu stellen. Inzwischen seien zudem Betriebe vermehrt bereit, in Teilzeit auszubilden.
Selbstständigkeit
T Ausgebrannt und depressiv: Wie Caroline Otto in Nottensdorf ihren Traum lebt
Was die Aufstiegschancen angeht, sieht Völkers Frauen klar im Nachteil. Aufstiege seien in klassischen Männerberufen vorgesehen, in Frauenberufen hingegen nicht. Eine der wenigen Ausnahme bilde der Beruf der Steuerfachangestellten, die nach mehrjähriger Praxis die Prüfung zur Steuerberaterin ablegen können.
Frauen häufiger im Büro als auf der Baustelle
In der Arbeitswelt herrscht weiterhin eine erkennbare Geschlechtertrennung. Während Frauen häufig als Büroangestellte, Verkäuferin oder in sozialen Berufen arbeiten, sind Handwerkerinnen oder Landwirtinnen seltener zu finden.

2024 war laut dem Statistischen Bundesamt nur jede dritte Führungsposition mit einer Frau besetzt. Foto: Hannes P. Albert/dpa
Gerade im Handwerk beobachtet Christina Völkers jedoch Fortschritte. „Die Gruppen unter den Auszubildenden sind durchmischter“, sagt sie. Die männerdominierte Branche schrecke junge Frauen nicht mehr ab. „Die öffentliche Wahrnehmung dieser Berufe verändert sich“, erklärt Völkers - auch dank mehr Frauen in Werbekampagnen.
Mehr Parität bei Care-Arbeit notwendig
Dass Familie und Beruf mittlerweile besser miteinander vereinbar wären, sieht Völkers nicht. „Oft müssen noch die Großeltern als Ersatz bei der Betreuung einspringen“, sagt sie. Für Pflege von Angehörigen geben Frauen häufig ihren Job auf oder vernachlässigen ihre Karriere zugunsten ihres Partners. Hier fordert Völkers klar: „Wir müssen zum Paritätischen hinkommen.“
Landschaftspflege
T Bine und die Büffel: Ein Cowgirl aus Wiegersen und ihr Gourmet-Produkt
Gleichstellungsbeauftragte
T „Prostitution ist Missbrauch“: So kämpft eine Jorker Juristin für Opfer
Ein Antrag des Bundesverbandes der Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT) sorgt aktuell für reichlich Diskussionen. Die MIT fordert, den allgemeinen Rechtsanspruch auf Teilzeit einzuschränken.
Teilzeitkräfte leisten in ihrer Zeit mehr als Vollbeschäftigte.
Christina Völkers, Koordinierungsstelle für Frauenförderung
Nur bei „besonderer Begründung“ wie etwa Erziehung von Kindern, Pflege von Angehörigen oder berufsbegleitenden Fort- und Weiterbildungen sollte Teilzeit noch möglich sein. „Lifestyle-Teilzeit“ zugunsten einer Work-Life-Balance sei laut MIT „ein zunehmendes Problem, das unsere Volkswirtschaft belastet.“
Aufstocken auf Vollzeit ist ein Problem
2024 war laut dem Statistischen Bundesamt fast jede zweite Frau in Teilzeit beschäftigt, bei Männern nur gut jeder Neunte. Zur Leistungsfähigkeit stellt Christina Völkers klar: „Teilzeitkräfte leisten in ihrer Zeit mehr als Vollbeschäftigte.“
Völkers sieht den Vorstoß der MIT nicht als Bedrohung für berufstätige Frauen, die Vereinbarkeit wäre weiterhin gesichert. Ein Problem sei vielmehr die fehlende Möglichkeit für Frauen, wieder von Teilzeit auf Vollzeit aufzustocken. Dies sei häufig ein Wunsch, wenn etwa die Kinder aus dem Haus sind. Völkers: „Das wird von Arbeitgebern oft nicht möglich gemacht.“
Auch angesichts fehlender Fachkräfte sieht Völkers das Teilzeit-Modell weiterhin als Option: „Wenn man jemanden unbedingt halten will, wird man darauf reagieren.“
Sprechtage und Workshops der Frauenförderung sind online zu finden unter www.hwk-bls.de.
Hinweis: In einer vorherigen Version hieß es im Vorspann, es sei ein CDU-Antrag. Das wurde korrigiert.
Copyright © 2026 TAGEBLATT | Weiterverwendung und -verbreitung nur mit Genehmigung.