Verbrechen

TTödliche Schüsse in Stade: Das ist die Vorgeschichte der Bluttat

Tatort Dankersstraße in Stade: Hier erschoss ein 45-Jähriger am Montag sechs Menschen.

Tatort Dankersstraße in Stade: Hier erschoss ein 45-Jähriger am Montag sechs Menschen. Foto: Jörn Hüneke/dpa

Die Tat des Mannes, der in Stade am Montag sechs Menschen getötet hat, bleibt unbegreiflich. Es werden aber immer mehr Hintergründe klar - in Stade und in der Region Hannover.

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Von Anping Richter,
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Von Björn Vasel
01.07.2026, 20:00 Uhr

Stade. Stade ist in Trauer. Auch Hannover steht unter Schock - besonders das Team des Jugendamts der Region. Drei Beschäftigte der Behörde (zwei Frauen und ein Mann) sind unter den sechs tödlich verletzten Schussopfern vom Montag. Die drei anderen waren in der Stader Mutter-Kind-Einrichtung in der Dankersstraße beschäftigt.

Bereits am Montag hieß es, die tödlichen Schüsse seien aus einer italienischen Pistole abgegeben worden. Die Staatsanwaltschaft Stade wollte das aus ermittlungstaktischen Gründen nicht bestätigen. Der NDR und andere Medien sprechen von einer Beretta Modell 70, die der mutmaßliche Schütze in Berlin mit 21 Schuss Munition für rund 4000 Euro erworben haben soll. Nach TAGEBLATT-Informationen war in Polizeikreisen von „einer beliebten Mafia-Waffe“ die Rede.

Hauptverhandlung binnen sechs Monaten

Der Mann, dem Mord vorgeworfen wird, befindet sich zurzeit in Untersuchungshaft. Wie Staatsanwältin Julia Pirk von der Staatsanwaltschaft Stade erklärt, muss das Landgericht nach Paragraf 121 der Strafprozessordnung binnen sechs Monaten nach dem Haftbefehl die Hauptverhandlung angesetzt haben. Die Staatsanwaltschaft wolle in drei bis vier Monaten Anklage erheben.

Wie die „Hannoversche Allgemeine Zeitung“ (HAZ) berichtete, waren die drei Mitarbeitenden des Jugendamts wegen eines Sorgerechtsstreits in Stade. Es ging um die drei Monate alte Tochter des 45-Jährigen, der später mutmaßlich die Schüsse abgab.

Das Jugendamt soll das Kind aus der Familie genommen haben. Später durfte die Mutter unter Auflagen wieder zu ihm, allerdings nur in der Jugendhilfeeinrichtung in Stade. Die Eltern hätten sich seit Wochen gegen die sogenannte Inobhutnahme durch die Behörden gewehrt.

Gespräch in großer Runde - aus Vorsicht

Das Mädchen war mit seiner Mutter in der Einrichtung in Stade untergebracht. Weil der 45-jährige Vater und Tatverdächtige, der aus Garbsen kommen soll, als auffällig galt, war das Gespräch in einer größeren Runde mit Vertretern der Stader Einrichtung und des Jugendamts der Region Hannover geplant worden.

Das Fahrzeug des mutmaßlichen Täters wurde in Haddorf abgeschleppt.

Das Fahrzeug des mutmaßlichen Täters wurde in Haddorf abgeschleppt. Foto: Strüning

Eine 65-Jährige soll die Fahrerin des Fluchtwagens gewesen sein. Ein langes Schreiben an mehrere Medien, das schon in der vergangenen Woche per Mail verschickt wurde und auch dem TAGEBLATT vorliegt, unterzeichnet sie als Patentante des Babys. Darin stellt sie ausführlich einen Streit der Eltern mit Ärzten der Kinderklinik an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) über ein mögliches Schütteltrauma des Kindes und eine Not-OP dar. Auch der Sorgerechtsstreit mit dem Jugendamt der Region wird in dem Schreiben thematisiert. Eine Ankündigung der Bluttat vom Montag findet sich darin nicht.

Tatverdächtiger hat Ärzte angezeigt

Oliver Eisenhauer, Sprecher der Staatsanwaltschaft Hannover, hat dem TAGEBLATT gegenüber bestätigt, dass ein Verfahren gegen fünf Mitarbeitende der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) läuft. Der 45-Jährige Hannoveraner wirft den Mitarbeitern falsche Verdächtigung vor. Sie hätten falsche Angaben gemacht, Vorgänge nicht ausreichend dokumentiert und medizinisch nicht induzierte Maßnahmen an seiner Tochter vorgenommen, weshalb er auch Anzeige wegen gefährlicher Körperverletzung erstattete.

Umgekehrt gibt es laut Eisenhauer auch gegen den 45-jährigen und seine Frau, die Mutter des Kindes, ein Verfahren - wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen. Laut MHH bestehe der Verdacht auf ein Schütteltrauma. Die Staatsanwaltschaft habe dazu ein eigenes rechtsmedizinisches Gutachten in Auftrag gegeben. Offenbar kam es auch über die Art der Behandlung des Kindes zum Streit, sagt der Staatsanwalt. Dabei soll der Mann aggressiv aufgetreten sein und die Ärzte bedroht haben.

Vorwurf: Misshandlung von Schutzbefohlenen

Aus diesem Zusammenhang ist der 45-Jährige polizeibekannt - wegen Bedrohung. In einem vorherigen Bericht war an dieser Stelle von „Drogen“ die Rede. Tatsächlich sei das laut Staatsanwaltschaft Stade aber auf einen Versprecher während der Pressekonferenz am Montag zurückzuführen.

Pressekonferenz im Kreishaus mit Polizei, Staatsanwaltschaft und Innenministerin Daniela Behrens.

Pressekonferenz im Kreishaus mit Polizei, Staatsanwaltschaft und Innenministerin Daniela Behrens. Foto: Vasel

Wie das Oberlandesgericht Celle (OLG) auf Nachfrage mitteilt, hat das Amtsgericht Neustadt am Rübenberge nach einem vorangegangenen Entzug von Teilbereichen der elterlichen Sorge unter anderem angeordnet, dass die Kindsmutter und das Kind gemeinsam in einer Mutter-Kind-Einrichtung untergebracht werden sollen. Zudem bestätigte das Amtsgericht seine Entscheidung, dass den Eltern die Gesundheitssorge entzogen bleibt.

Dagegen legte der Vater beim OLG Beschwerde ein. Der zuständige Familiensenat hatte den Beteiligten eine Frist zur Stellungnahme bis zum 29. Juni 2026 eingeräumt. Das Hilfeplan-Gespräch in der Stader Einrichtung mit den Eltern im Rahmen der Jugendhilfe fand nicht auf gerichtliche Anordnung oder Veranlassung statt. Familiengerichtliche Verfahren sind von Gesetzes wegen nicht öffentlich. Darum bittet die Sprecherin des OLG um Verständnis, dass zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine weiteren Auskünfte gegeben werden können.

Trauerkarten liegen an einer Hecke in der Stader Dankersstraße.

Trauerkarten liegen an einer Hecke in der Stader Dankersstraße. Foto: Vasel

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