TVier Attacken in zwölf Tagen: Hier hat der Wolf wieder zugeschlagen
Eckhard Schmidt (von links), Dietmar Denker, Dirk Haaren und Harm von Hollen, Weidetierhalter in der Osterstader Marsch. Foto: Hansen
Im Hochsommer ist es ruhig geworden um den Wolf - trügerisch ruhig. Das zeigen die Rinder-Risse am Weserdeich. Darf dort nun geschossen werden?
Sandstedt. Eckhard Schmidt wird ganz anders, wenn er an den 11. August denkt. Frühmorgens schon war der Landwirt aus Sandstedt draußen bei seinen Rindern, die er den Sommer über auf der Weide hält. Eines der 120 Tiere war verschwunden. „Ich wollte die Gräben nach ihm absuchen“, erzählt er. Die übrigen Rinder, die meist hinterher trotteten, wenn der Landwirt da ist, verharrten regungslos im Pulk.
Der Bauer ging zu ihnen – und stand vor dem Grauen. Das ein Jahr alte Rind - oder das, was von ihm übriggeblieben war - lag dort. Nur noch ein Skelett mit Schädel. Bis auf die Knochen abgenagt, die Kehle, die der Wolf meist mit schnellem Biss aufreißt, um seine Beute zu töten, ist gar nicht mehr vorhanden. „Es war furchtbar“, sagt Schmidt. Für den Gutachter der Landwirtschaftskammer, den er alarmierte, sei sofort klar gewesen: „Das müssen mindestens drei Wölfe gewesen sein.“
Nicht die einzige Wolfsattacke
Es war nicht die einzige Attacke in diesem Hochsommer in der Osterstader Marsch. Ein paar Tage zuvor hatte Schmidts Berufskollege Dietmar Denker, Landwirt aus Uthlede, an zwei aufeinanderfolgenden Tagen vier junge Rinder verloren. „Sie wurden zum Teil schwer angebissen. Für die Tiere ist das grausam, was müssen sie für Schmerzen haben“, sagt der Bauer. Zwei Rinder überlebten zunächst die Attacke, mussten aber eingeschläfert werden. Zum ersten Mal aufgetaucht auf den satten Wiesen zwischen Sandstedt und Schwanewede, zwischen der Weser und der A27, waren die Wölfe Ende Juli.
T Wolf nähert sich Ferienhof in Otterndorf bis auf wenige Meter
T Wolf gefilmt – Ortsbürgermeister warnt: „Haus nicht ohne Begleitung verlassen“
Auf der Weide von Dirk Haaren in der Nähe von Wersabe haben sie ein Rind in den Graben getrieben und aufgefressen. „Die anderen Rinder waren auf die Nachbarweide geflohen“, erzählt er. Sechs Rinder in zwölf Tagen – Harm von Hollen, Milchbauer aus Offenwarden, fürchtet, dass sich ein neues Rudel in der Region angesiedelt hat. „Die Marsch“, sagt er, „ist ja noch reichlich gedeckt mit Rindfleisch.“
In der Osterstader Marsch gibt es noch viel Weidehaltung
Tatsächlich ist die Osterstader Marsch die einzige Region im Cuxland, in der viele Landwirte ihre Rinder draußen auf der Weide halten. Hier, vor dem Weserdeich, liegt das Grünland meist in Hofnähe, hier machen sich die Bauern noch die Mühe, ihre Tiere nach draußen zu treiben. Anderswo haben hochmoderne Boxenlaufställe die Weidehaltung lange abgelöst. „Die Tiere machen sich draußen viel besser“, findet Dietmar Denker. Der Uthleder hat sich auf die Aufzucht von Färsen spezialisiert, also jungen weiblichen Rindern, die noch nicht gekalbt haben.
Harm von Hollen ist sogar verpflichtet, seine Kühe draußen zu halten. Er ist Bio-Bauer, vermarktet seine Milch als Weidemilch und muss die Tiere dafür mindestens 120 Tage im Jahr draußen stehen haben. Von Hollen macht das gerne. „Für mich“, sagt er, „gehören die Kühe auf die Weide.“ Doch jetzt hat der 61-Jährige Angst um seine Tiere. „Wenn wir nichts gegen die Wölfe tun, wird es die Weidehaltung bald nicht mehr geben“, sagt er.
In der Marsch sind Schutzzäune kaum möglich
Das große Problem: Viele Weidehalter im Cuxland schützen ihre Tiere mit hohen Elektrozäunen vor dem Wolf. In der Marsch, die von Gräben durchzogen ist, ist das aber kaum möglich. „Ich habe 20 Weiden, sie sind alle um die zwei Hektar groß. Für jede Weide bräuchte ich 800 Meter Zaun, für alles zusammen wären das 16 Kilometer“, rechnet von Hollen vor. Aber alle zwei Jahre müssen die Gräben geräumt werden, da müssen die Zäune wieder weg.
Das ist der Grund, warum Bauern, Jäger und Politiker in der Region fordern, dass die Deiche zu wolfsfreien Zonen werden. Der Bund hat mit der Aufnahme des Wolfes ins Bundesjagdgesetz im Frühjahr den Weg dafür frei gemacht. Und auch für den Abschuss von auffällig gewordenen Wölfen erleichtert. Lange war das in der EU nicht möglich, weil der Wolf unter strengem Artenschutz stand. Heute gilt das Raubtier nicht mehr als bedrohte Tierart, die Bundesländer erstellen nun Pläne fürs Wolfsmanagement.
Behörde schweigt – „Wir hängen in der Luft“
Für Harm von Hollen und seine Berufskollegen in der Osterstader Marsch ist klar: Politiker und Behörden könnten sich nicht mehr hinter der EU verstecken. „Sie müssen jetzt was tun“, sagt von Hollen, „oder sie müssen wenigstens herkommen und uns ins Gesicht sagen, dass sie nichts tun.“
Das von den Grünen geführte Landwirtschaftsministerium hat etwas getan. 27 Tiere, die Rinder oder Schafe attackiert haben, dürfen im Jagdjahr 2026/2027 landesweit geschossen werden. Unter strengen Auflagen. Ob die Jäger nun aber am Weserdeich dem Wolf auflauern, bleibt offen. Das Ministerium nimmt laut einer Sprecherin zum Einzelfall erst sechs Wochen nach der Wolfsattacke Stellung – wenn die Frist für den sogenannten Schnellabschuss abgelaufen ist. Die Bauern sind enttäuscht, dass sie nichts von der Behörde gehört haben. „Wir hängen in der Luft“, klagt Eckhard Schmidt.
Copyright © 2026 TAGEBLATT | Weiterverwendung und -verbreitung nur mit Genehmigung.